Ärzte Zeitung online, 30.07.2018

Gemeinsamer Bundesausschuss

Check-up 35 künftig nur noch alle drei Jahre

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat eine Umgestaltung des Check-up 35 beschlossen. Ärzte sollen dabei in Zukunft mehr beraten. Vor allem aber wird das Untersuchungsintervall verlängert.

Von Hauke Gerlof

Check-up 35 künftig nur noch alle drei Jahre

Mehr als nur Blutdruckmessen: Die Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) soll in Zukunft zielgenauer eingesetzt werden als bisher.

© Peter Atkins / stock.adobe.com

BERLIN. Die Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) soll in Zukunft zielgenauer eingesetzt werden als bisher. Zu diesem Zweck wird nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), über den die Kassenärztliche Bundesvereinigung berichtet, das Untersuchungsintervall von zwei auf drei Jahre verlängert. An einigen Punkten wird die Leistung zudem erweitert: So sollen Ärzte beim Check-up künftig noch stärker als bisher gesundheitliche Risiken und Belastungen erfassen und bewerten, um rechtzeitig Erkrankungen vorbeugen zu können.

Auf die bisher nach EBM-Nr. 01732 (32,28 Euro, extrabudgetär) abzurechnende Früherkennungsuntersuchung sollen in Zukunft auch Menschen zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr Anspruch haben – allerdings nur einmal im Zeitraum. Blutuntersuchungen bei diesen jüngeren Patienten seien nur bei einem entsprechenden Risikoprofil durchzuführen, teilt die KBV weiter mit.

Der GBA-Beschluss, der nach Vorgaben des Präventionsgesetzes von 2015 gefallen ist, liegt derzeit im Bundesgesundheitsministerium zur Prüfung. Sobald er nach dem Placet der Regierung im Bundesanzeiger veröffentlicht ist, tritt er in Kraft. Danach hat der Bewertungsausschuss von KBV und Krankenkassen sechs Monate Zeit, über die Vergütung für die geänderte Leistung zu verhandeln.

 Die wichtigsten Neuerungen sind laut KBV:

  • Die Blutuntersuchung wird erweitert: Künftig wird ein vollständiges Lipidprofil erstellt – bestehend aus Gesamtcholesterin, LDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyceriden.
  • Auch eine Impfanamnese gehört künftig zu der Leistung.
  • Mittels Risk-Charts sollen kardiovaskuläre Risiken systematisch erfasst werden, wenn dies aus ärztlicher Sicht angezeigt ist. Je nach Ergebnis erfolgt im Anschluss eine Beratung, wie das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung minimiert werden kann. Die Beratung erhält damit insgesamt mehr Gewicht.
  • Bürokratie wird reduziert: Ärzte müssen die Ergebnisse des Check-ups nicht mehr auf dem Formular 30 ("Berichtsvordruck Gesundheitsuntersuchung") dokumentieren. Die Dokumentation erfolgt ausschließlich in der Patientenakte.

So wird der Check-up 35 abgerechnet

» Die Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) wird nach EBM-Nr. 01732 abgerechnet und ist mit 32,28 Euro (extrabudgetär) bewertet. Zusätzlich sind Laboruntersuchungen nach EBM-Nr. 32880-82 abzurechnen.

» Die Leistung wird häufig zusammen mit der Früherkennung auf Hautkrebs erbracht (EBM-Nr. 01746). 2014 gab es laut KBV 14,5 Millionen Behandlungsfälle, bei denen der Check-up abgerechnet wurde.

» Im Leistungsumfang enthalten sind Anamnese, Ganzkörperstatus, Blut- und Urinuntersuchungen (u.a. Gesamtcholesterin, Glukose, Erythrozyten) sowie eine Beratung.

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[30.07.2018, 16:39:43]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"DILETTANTEN OLÉ"?
Es ist zum Davonlaufen! Da behauptet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) im Schlepptau des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) die präventive Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) solle in Zukunft zielgenauer eingesetzt werden als bisher.

Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung würde diese Äußerung belegen, der Check-up 35 wäre in der Vergangenheit ganz offiziell zu vage und ungenau eingesetzt worden: Unsere medizinisch-bürokratische Bildungselite betont damit zugleich, erst in Zukunft werde alles besser, zielgenauer und nachprüfbar versorgungsrelevant werden.

Doch die bisherigen Mängel am Check-up 35 sind und bleiben unübersehbar.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) produzierte ein Ärzte-Präventions-Desaster. Jahrzehntelang hatte sie in Sonntagsreden die Prävention der Krankheitsfolgen von Rauchen, Saufen, Risikosportarten, Fehlernährung, Bewegungsmangel und bio-psycho-sozialer Inaktivität beschworen, o h n e notwendige Leistungsziffern in den Praxen implementieren zu wollen.

Im Gegenteil: Leistungsinhalte der GESU mit dem 2-jährlichen Check-up 35 wurden um das fakultative EKG und die Nierenfunktionsbestimmung mittels Kreatinin i.S. abgespeckt. Alle bisher völlig unsystematisch erhobenen Daten  der offiziellen GESU-Dokumentationen bleiben bis heute als milliardenfacher Datenfriedhof o h n e jegliche wissenschaftliche Evaluationsmöglichkeiten. 

Tagtäglich praktizieren wir Haus- und Familien-Ärztinnen und -Ärzte Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Fakultative Lungenfunktion/EKG, Blutbild (Anämie/Fehlernährung), TSH (Schilddrüse), GPT (Leberfunktion bei Fettleber/metabolischem Syndrom; zusätzlich GGT bei Alkohol- und Drogenabusus), KREA/Clearance-Berechnung (Niere), LDL-C-CHOL bzw. HbA1c  (Diabetesrisiko) sollten qualitätsgesicherte Blutdruckmessung, Anamnese-, Untersuchungs-, Beratungs- und Folgenabschätzungs-Dokumentationen ergänzen.

Doch was für einen Unfug plant unsere angeblich medizinisch erfahrene Bürokratie-Elite?

Jeder lipidologisch-kardiologisch nur halbwegs Gebildete weiß, dass umständliche Bestimmungen von "Gesamtcholesterin, LDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyceriden" aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Das LDL-Cholesterin reicht als Screening-Methode und Risikofolgen-Abschätzung aus.

Was die Strategen des Gemeinsamen Bundesausschusses (B-GA) und offensichtlich auch die der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) aus  lauter ärztlicher Praxis-Ferne noch gar nicht mitbekommen haben: Deutschland  hat
- ein Alkoholkonsum- und Übergewichts-Problem (z.B. NASH)
- ein gender-spezifisches Anämie- und Fehlernährungs-Problem
- ein Nieren- und endokrinologisches Problem und
- ein COPD/ASTHMA-Problem

Mit den bisherigen Check-up 35 Problemfeldern KHK, hypertensive Herzkrankheit und Diabetes mellitus (mittels HbA1c) wären damit etwa 80% aller haus- und familienärztlichen Beratungsprobleme abgedeckt.

Als völlig bildungsfern entpuppt sich die in die Jahre gekommene medizinische Bürokratie-Elite mit der Impfanamnese. Diese ist seit Jahrzehnten integraler Bestandteil der Allgemeinmedizin.

Nur zur Auffrischung des Basiswissens: Eine Fokussierung der Gesundheitsuntersuchung auf die Früherkennung von Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Nierenerkrankungen umfasst gerade n i c h t letzteres. Die Kreatinin-Bestimmung fiel vor weit über 15 jahren dem vorauseilenden KBV-Gehorsam unter der Sparpolitik von "Ullalala" Schmidt und Horst Seehofer (beide Ex Bundesgesundheitsminister) zum Opfer. Ebenso das damals noch fakultative EKG.

Eine neue "Eselei" gibt der Plan vor, Früherkennungsuntersuchungen zukünftig auch Menschen zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr anzubieten: Jedoch nur ein einziges Mal in diesem Zeitraum und auch noch ohne reguläres Labor? Aus hausärztlicher Erfahrung wird diese Zielgruppe schon gar nicht mit so einer dilettantischen Ungleichbehandlung/Diskriminierung erreicht. Denn Blutuntersuchungen bei diesen jüngeren Patienten seien nur bei einem entsprechenden Risikoprofil durchzuführen, teilt die KBV mit.

Was die KBV aber offensichtlich nicht weiß: Gesunde 18 bis 35 Jahre alte Patientinnen und Patienten suchen zu präventiven Zwecken i.d.R. Arztpraxen, wenn überhaupt, nur zu Schutzimpfungen auf. Wer in dieser Altersgruppe richtig krank ist, trägt dagegen eine hohe Krankheitslast und eine häufig hochspezifische Morbidität  (Typ-1 Diabetes mellitus, Asthma, Tumor- und Systemkrankheiten, Behinderungen, Stoffwechselstörungen, Rheuma, Vitien, Fehl- und Falschernährung, metabolisches Syndrom, endogene und exogene Krankheitsinduktionen).

Für diese Zielgruppe ist eine einmalige Präventiv-Untersuchung völlig  deplatziert; bei den gesunden jungen Menschen kommt das Gesamtkonzept gar nicht entsprechend an:
Wenn, ja wenn Kassenärztliche Bundesvereinigung und Gemeinsamer Bundesausschuss überhaupt jemals stringente Krankheitsvorsorge-, Krankheitsfrüherkennungs- und Krankheitsbewältigungs-Strategien bzw. Konzepte gehabt und nachvollziehbar umgesetzt hätten?

Währenddessen machen wir Vertragsärztinnen und Vertragsärzte im 24-Stunden-365-Tage-Versorgungs-Modus ständig unseren Job und werden dafür zukünftig nur noch alle 3 Jahre bei der Gesundheitsuntersuchung (Check-up 35) nach EBM-Nr. 01732 den "stolzen" Betrag von 32,28 Euro als Umsatz bekommen. 

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Kaprun/A)  zum Beitrag »

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