Ärzte Zeitung online, 29.01.2019

Stickstoffdioxid

65 Städte überschritten 2017 den Grenzwert

Die Debatte um die bestehenden Grenzwerte bei Luftschadstoffen nimmt immer mehr an Fahrt auf. Wir zeigen am Beispiel von Stickstoffdioxid, wo welche Belastung im Jahr 2017 gemessen wurde.

Von Thorsten Schaff

Diese 65 Städte überschritten 2017 den Grenzwert

Luftreinhaltung ist wichtig - doch ab welchem Wert?

© Marcel Kusch / dpa / picture alliance

BERLIN. In Deutschland herrscht dicke Luft wegen der Luftschadstoffe. Die Frage, ob die geltenden Grenzwerte für Stickoxide (NOx) und Feinstaub ausreichend sind oder herabgesetzt werden sollten, entzweit die deutschen Pneumologen – und führt zu einer heftigen fachinternen Auseinandersetzung.

Rund 100 Lungenärzte um Professor Dieter Köhler, den einstigen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der bestehenden Grenzwerte. Sie sehen keine wissenschaftliche Begründung, die die aktuellen Grenzwerte rechtfertigen.

Dem widersprechen andere Pneumologen aus Deutschland und auch internationale Lungengesellschaften.

Politische Diskussion entbrannt

Aus der fachlichen Debatte ist eine politische geworden, die unterschiedliche Auffassungen in der Regierungskoalition offenbart: Während Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die geltenden Grenzwerte in Städten in Zweifel zieht („Wir müssen die Logik der Grenzwerte schon hinterfragen“), sieht SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach keinen Anlass, die Grenzwerte zu verändern.

Doch wie akut und groß ist das Problem der überschreitenden Schadstoffgrenzwerte überhaupt? Am Beispiel der Stickstoffdioxid-Belastung wollen wir das aufzeigen. Dazu haben wir uns Daten des Umweltbundesamtes (UBA) genauer angesehen.

München an der Spitze

Seit 2010 gilt EU-weit der Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft. Nach Angaben der UBA haben im Jahr 2017 insgesamt 65 deutsche Städte diesen Wert überschritten (siehe nachfolgende Grafik). Ein Jahr zuvor waren es noch 90 Städte.

Der höchste Jahresmittelwert wurde 2017 in München gemessen (78 μg/m3), vor Stuttgart (73) und Darmstadt (72). Es folgen Köln (62), Reutlingen (60) und Düren (58). Ebenfalls in den Top 10 sind Hamburg, Limburg an der Lahn (beide 58), Düsseldorf und Kiel (je 56).

In 249 weiteren Städten lagen die Jahresmittelwerte 2017 unterhalb des Grenzwerts, berichtet das Umweltbundesamt. Unsere nachfolgende Tabelle zeigt die Daten zur Stickstoffdioxid-Belastung aller UBA-Messstationen. Am Donnerstag will das UBA die Daten für 2018 veröffentlichen.

Unterdessen hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vorgeschlagen, die Standorte der Messstationen in Frage zu stellen.

Nirgendwo sonst würden die Werte so gemessen wie in Deutschland, betonte er. Andere Hauptstädte gingen da „sehr freizügig und sehr flexibel“ vor – in Wien etwa sei eine Messstelle in einer Fußgängerzone.

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[05.02.2019, 08:17:26]
Siegfried Hauswirth 
Von 133 Messstationen in NRW hat der TÜV nur 1 beanstandet !
Überprüfungen des TÜV Rheinland bestätigen für Nordrhein-Westfalen, dass 132 von 133 Stickstoffdioxid-Messstellen des Landesmessnetzes richtig positioniert sind. Laut einem aktuellen Bericht des TÜV Rheinland ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) bei der Einrichtung der Messstationen von Stickstoffdioxid gesetzeskonform Das LANUV hatte im Rahmen der ständigen Qualitätssicherung und methodischen Weiterentwicklung der Luftreinhalteplanung den TÜV Rheinland mit einer externen Überprüfung der LANUV-Messstationen beauftragt. Gemäß Überprüfung durch den TÜV Rheinland entsprechen Abstände, Höhen und Anforderungen an die Umgebung des jeweiligen Messpunktes den Vorgaben der Luftqualitätsrichtlinie. vorgegangen. Nachzulesen und herunterzuladen unter:

https://www.lanuv.nrw.de/umwelt/luft/messstellenueberpruefung/
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[03.02.2019, 14:18:01]
Dipl.-Psych. Achim Bormuth 
Reine Willkür?
Sehr geehrter Herr Dr. Fritz Gorzny,

sie schreiben: " Die Höchstgrenzen für Stickoxyde sind doch willkürlich nach dem Wunsch der Umweltschützer festgelelgt"- können sie diese Aussage bitte belegen! Es fällt mir schwer nach zu vollziehen, weshalb Sie als Arzt den Umweltschutz negativ konnektieren. Zumal es in diesem Zusammenhang nur indirekt um den Schutz der Umwelt geht, sondern primär um den Gesundheitsschutz der Bevölkerung, auch der krankheitlich vorbelasteten Bevölkerungsgruppen.

Sachliche informationen zu den NO2-Grenzwerten finden sie zum Beispiel auf der Seite des Umweltbundeamtes:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/stickstoffdioxid-belastung-hintergrund-zu-eu
...
"Wie kam es zu den derzeitig gültigen Grenzwerten für NO2?
Der gültige NO2-Jahresmittelwert für die Außenluft von 40 µg/m3 wurde 1999 auf Vorschlag der EU-Kommission von den EU-Mitgliedstaaten beschlossen und 2008 von der EU bestätigt. Gleichzeitig wurde ein 1-Stunden-Mittelwert von 200 µg/m3 verabschiedet, der höchstens 18-mal pro Jahr überschritten werden darf (EU 2008). Die EU-Grenzwerte zur Luftreinhaltung wurden in allen Mitgliedstaaten und so auch in Deutschland in nationales Recht umgesetzt."
...
"Die WHO hielt auch fest, dass es bei Studien an der Bevölkerung schwierig ist, Wirkungen des NO2 von denen anderer Luftschadstoffe zu trennen, da Menschen eben nicht nur einem einzelnen Schadstoff ausgesetzt sind, sondern einem „Cocktail“ aus gas- und partikelförmigen Verbrennungsprodukten (WHO 2006). Der WHO-Richtwert für NO2 von 40 µg/m³ wurde in dem Sinne abgeleitet, dass er geeignet ist, die Gesundheit der Bevölkerung (auch empfindlicher Gruppen) bei dauerhafter Exposition zu schützen. Dieser empfohlene Richtwert sollte auch der Tatsache Rechnung tragen, dass NO2 als ein Indikator für komplexe, durch Verbrennung erzeugte Luftschadstoffgemische überwacht wird. Es wurde also schon zur damaligen Zeit als sinnvoll angesehen, diesen Stoff streng zu regulieren."

Auf der gleichen Seite finden sie auch den Link zu dem differenzierten und lesenswerten "Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungmedizin e.V." (2018)
https://pneumologie.de/fileadmin/DGP_Luftschadstoffe_Positionspapier_20190129.pdf

...
"Die WHO stellte bereits in ihren Leitlinien für Lufqualität 2006 [28] und in einer aktuellen Übersichtsarbeit [29] fest, dass die langfristige Belastung gegenüber Lufverschmutzung mit der Mortalität assoziiert ist. In Europa wurden Langzeitwirkungen auf die Mortalität unter anderem in dem multizentrischen ESCAPE-Projekt (European Study of Cohorts on Air Pollution Efects) untersucht, in dem in über 30 einzelnen Kohortenstudien nach einem gemeinsamen Standard die Lufverschmutzung gemessen und modelliert wurde. So zeigte ESCAPE eine Erhöhung der Sterblichkeit um 7 % (95%KI:
2 –13 %) pro zusätzlicher Langzeitbelastung von 5 µg/m3 PM2.5 [80]. Dabei gibt es bisher keine bekannte untere Wirkungsschwelle, das heißt, dass selbst unterhalb der derzeit gültigen Grenzwerte der EU
oder der US-EPA die Mortalität mit zunehmender Belastung ansteigt [80, 81]. Pope et al. zeigen in einer US-weiten Analyse, dass die Lebenserwartung zwischen 1980 und 2000 mit der Feinstaubkonzentration assoziiert war und es pro 10 µg/m3 PM2.5 zu einer Verkürzung der Lebenserwartung um mehr als
ein halbes Jahr kommt [82]. Für NO2 wird in der aktuellsten Übersichtsarbeit eine Risikoerhöhung von ca. 2,3 % (95%KI: 0,8 – 3,7 %) pro 10 µg/m3 NO2 berechnet [83]."

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[30.01.2019, 15:44:15]
Dr. Fritz Gorzny 
Rein Willkür
Die Höchstgrenzen für Stickoxyde sind doch willkürlich nach dem Wunsch der Umweltschützer festgelelgt wie auch die geschätzte Zahl der "vergifteten" Opfer.Mit derartigen Hochrechnungen ohne Berücksichtigung der allgemeinen und äußerst vielfältigen Ursachen von Erkrankungen wie Krebs und Herz-Kreislaufstörungen läßt sich der Grenzwert sogar auf 0 Mikrogramm herunterrechnen, denn auch in völlig verkehrsfreien Zonen sterben Menschen an diesen Erkrankungen, und im Arbeitsumfeld führen angeblich auch vielfach höhere Grenzwerte nicht zu einem höheren Erkrankungsrisiko. Wie passt das denn zusammen. Hier wird mit der Angst der Menschen ein Krieg gegen die Automobilität geführt.Die Dummen sind die armen Pendler,die im Spagat zwischen bezahlbaren Wohnraum und Mobilität zum Arbeitsplatz zerrieben werden.Außerdem beschützt uns der Diesel mit nur geringem Co2 Ausstoß vor dem Klimawandel wie früher immer betont wurde.

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[29.01.2019, 13:32:19]
Dipl.-Psych. Achim Bormuth 
Die Gesundheit der Bevölkerung scheint Herrn Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) egal zu sein
Atemwegserkrankungen sind die zweithäufigste Diagnose, die bei erwerbstätigen DAK-Versicherten zur Krankmeldung führen.*

Wie ignorant gegenüber der Gesundheit der Bevölkerung muß man sein, um die Idee aufzubringen, "die Standorte der Messstationen in Frage zu stellen" um auf diese Weise die Überschreitung der Grenzwerte zu umgehen! Bereits jetzt wird in manchen Städten in 4 Meter Höhe gemessen, z.B. in München, der Stadt mit den höchsten durchschnittlichen Messwerten, aber die Werte sind in 1,50 Meter noch höher, dort wo sich die Menschen aufhalten. "Die Messhöhe spielt eine entscheidende Rolle für die Konzentration von Stickoxiden", erklärt Mark Wenig vom Meteorologischen Institut der Universität München. "Natürlich gibt es auch andere Faktoren, aber je höher die Messhöhe desto geringer die Konzentration im Schnitt. Und dann ist natürlich klar, dass dies nicht dem entspricht, was man einatmet." **
Sinnvoller wäre es, in der Kopfhöhe von Kleinkindern zu messen.
Die Gesundheit der Bevölkerung scheint Herrn Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) egal zu sein. Solch ein Vorschlag ist auch eine Möglichkeit den weiteren Niedergang der CSU zu befördern - die Bevölkerung wird es ihm hoffentlich bei der nächsten Wahl danken.

* https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/980289/dak-deutlich-weniger-fehltage-wegen-depressionen.html?wt_mc=nl.upd.AEZ_NL_NEWSLETTER.2019-01-29.Krankenkassen.x
** https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/diesel-fahrverbot-hamburg-stadt-100.html
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