Ärzte Zeitung, 21.02.2011

Eine Gesundheitsreform gegen Bürokraten

Großbritanniens Regierung plant die umfassendste Gesundheitsreform seit 60 Jahren. Das Ziel: Die Entmachtung der Bürokraten.

Von Arndt Striegler

Eine Gesundheitsreform gegen Bürokraten

Geduld brauchen Patienten im britischen NHS. Hausärzte sollen nun mehr Macht bekommen - als Manager.

© dpa

LONDON. Das staatliche britische Gesundheitswesen soll umfassend reformiert werden. Ziel der Reformen, die von gesundheitspolitischen Beobachtern im Königreich als die tiefgreifendsten Erneuerungen seit mehr als 60 Jahren bezeichnet werden, ist es, die Position von Hausärzten weiter zu stärken. Der Einfluss von lokalen Gesundheitsverwaltungen und anderer Bürokraten wird stark beschnitten. Allerdings herrscht innerhalb der britischen Ärzteschaft Skepsis.

Premierminister David Cameron erklärte die Reform des mehr als eine Million Menschen beschäftigenden staatlichen Gesundheitswesens (National Health Service, NHS) inzwischen zur Chefsache. "Der NHS arbeitet zu bürokratisch, zu langsam und er ist zu patientenunfreundlich", so Cameron, der seit 2010 an der Spitze einer Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberalen steht. "Wir werden das Gesundheitswesen radikal modernisieren!"

Hausärzte werden zu Einkäufern von Leistungen

Erster Schritt ist die Abschaffung hunderter lokaler Gesundheitsverwaltungen und regionaler Gesundheitsbehörden. Diese Stellen sind bisher dafür verantwortlich, Versorgungsangebote in den Regionen zu schaffen, zukünftigen Bedarf zu prognostizieren und dafür zu sorgen, dass die notwendigen Mittel aus dem Gesundheitsetat an die richtigen Stellen fließen.

Der 1948 gegründete NHS finanziert sich zu mehr als 90 Prozent aus allgemeinen Steuermitteln. Anspruchsberechtigte Patienten bezahlen nichts für ihren Arztbesuch oder für ihre Operation, da sie über die staatliche Krankenversicherung (National Insurance, NI) abgesichert sind.

Der NHS basiert auf dem Primärarztsystem. Der Zugang zu Krankenhäusern und Fachärzten erfolgt stets über den Hausarzt. Die Fachärzte arbeiten in der Regel an den Kliniken und nicht in freier Praxis.

Cameron möchte die rund 75 000 NHS-Hausärzte stärken und dafür sorgen, dass sie zukünftig neue Kompetenzen erhalten, wie die Milliarden aus dem britischen Gesundheitsetat ausgegeben werden. Hausärzte sollen zum Beispiel in Zukunft direkt bei den Kliniken oder bei ambulanten Versorgungsdiensten Leistungen für ihre Patienten einkaufen können.

 Das gilt auch für Pflegedienste. Zahlreiche Pilotversuche, in denen das ausprobiert wird, laufen bereits. Von 2013 an sollen Hausärzte dann landesweit die neuen Kompetenzen erhalten. Alle Reformpläne sind in einem neuen gesundheitspolitischen Weißbuch der Regierung veröffentlicht.

Ärzteverbände halten die Reform für zu radikal

Freilich: Ärztliche Berufsverbände, Krankenpflegergewerkschaft sowie Patientenverbände laufen Sturm gegen die Pläne. Der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) kritisierte die Reformpläne als "unausgegoren" und "potenziell sehr schädlich für die Zukunft der staatlichen Gesundheitsfürsorge".

BMA-Chairman Hamish Meldrum in London: "Die Regierung Cameron ignoriert fast alle Bedenken der Ärzteschaft und anderer Gesundheitsberufe, die gegen die Reformen vorgetragen wurden. Die Reformen sind zu umfangreich, zu radikal, zu undurchdacht und zu schnell.

Das Ziel der Regierung, mehr Wettbewerb in den Gesundheitssektor zu bringen, ist falsch, da es die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und anderen NHS-Mitarbeitern erschweren wird."

Auch die britische Krankenpflegergewerkschaft (Royal College of Nursing, RCN) wetterte gegen die Gesundheitsreform. "Wir rechnen mit der Streichung von bis zu 27 000 Pflegestellen im NHS. Das sind schlechte Nachrichten für alle Patienten", so ein RCN-Sprecher gegenüber der "Ärzte Zeitung" in London.

Das Gesundheitsministerium bestreitet, dass Stellen gekürzt werden sollen. Der Premierminister betonte mehrfach, "medizinische Versorgungsangebote werden nicht gekürzt". Cameron sagte, die NHS-Ausgaben würden nicht gekürzt und er sei bereit, dies "persönlich und unwiderruflich zu garantieren".

Allerdings sollen bis 2015 "rund 20 Milliarden Pfund" (umgerechnet rund 26 Milliarden Euro) durch effizienteres Arbeiten im NHS eingespart werden. Daran zweifeln freilich die Berufsverbände. Sie warnen inzwischen öffentlich vor "der Zerstörung" des staatlichen Gesundheitsdienstes schlechthin.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Überraschung auf der Insel

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