Ärzte Zeitung, 28.10.2013
 

World Health Summit

Gesundheit für alle – Antworten auf die Krise

Die Wirtschaftskrise ist auch ein Stimulus, Gesundheitssysteme zu reformieren, hieß es beim World Health Summit.

BERLIN. Zugang zur Gesundheitsversorgung, Bildung und bessere Datenerhebung sind in Zeiten wirtschaftlicher Notlagen wichtiger denn je. Zu diesem Fazit kamen die rund 1000 Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern beim World Health Summit (WHS) in Berlin.

Ob Portugal, Griechenland oder Irland, alle von der Krise hart getroffenen Länder müssen Umstrukturierungen auch innerhalb ihrer Gesundheitssysteme vornehmen. "Die Verknappungen sehen wir aber auch als Chance, unser System effizienter zu gestalten", so Laura Mc Garrigle, Generalkonsulin vom Irischen Gesundheitsministerium am Rande des WHS.

Mehrwert einer Leistung zählt

Den Spagat aus knapperen finanziellen Mitteln und einer steigenden Nachfrage der Bevölkerung hinzubekommen sei nicht leicht, aber möglich, betonte Farhad Riahi von der Novartis International AG, Schweiz. "Am Anfang jeder Reform muss die Frage stehen: Welche Leistungen bietet ein System an, die keinen Mehrwert bringen?" So würden beispielsweise für Patienten mit chronischen Erkrankungen, die einen Großteil der Krankheitslast weltweit ausmachen, vielfach entweder überflüssige Leistungen angeboten oder es mangele an Prävention. Beides ziehe hohe Kosten nach sich, sagte Riahi.

Grundsätzlich, betonte Rifat Atun, Professor für internationales Gesundheitsmanagement von der Imperial College Business School in Großbritannien, wirke sich die Wirtschaftskrise unterschiedlich auf die Länder aus.

In der EU seien vielerorts Ausgaben im Gesundheitswesen zurückgegangen, einige Länder Lateinamerikas dagegen investierten zielgerichteter als zuvor. In Asien steige der Anteil am BIP, den Ausgaben für Gesundheit ausmachen, langsam, sagte Atun.

Viele afrikanische Länder litten hingegen darunter, von Geberorganisationen aus der EU und den USA weniger Unterstützung zu erhalten, so Hanny-Sherry Ayittey, Gesundheitsministerin aus Ghana.

Reformer benötigen valide Daten

Um die richtigen Reformschritte zu unternehmen, spiele auch Datenerhebung und -überwachung eine zentrale Rolle, sagte Helmut Brand, Direktor des Fachbereichs Internationale Gesundheit an der Maastricht University, Niederlande. "Im Moment kommen die Daten fünf Jahre zu spät, es fehlen uns Informationen."

Mehr in Forschung zu investieren, um schneller Daten zu erhalten, ist in Zeiten wirtschaftlicher Krisen für viele Länder nicht leicht, ergänzte Michael Klag, Dekan an der John-Hopkins Bloomberg School of Public Health." Je höher das BIP eines Landes, desto mehr investiert es auch in Forschung und Entwicklung", so Klag.

Immerhin: Zwischen 1996 und 2009 sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung weltweit gestiegen. Am meisten geben noch immer die Amerikaner aus, gefolgt von den Asiaten - allen voran China und Südkorea - und den Europäern.

Für wichtig hielten die Teilnehmer des Kongresses, vor allem in wirtschaftlich härteren Zeiten, den Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung. "Ein Krankenversicherungsschutz für alle Menschen auf der Welt stellt sicher, dass Gesundheit weltweit als Menschenrecht verstanden wird", sagte Jeanette Vega, Geschäftsleiterin der US Rockefeller Stiftung.

Nur durch einen Krankenversicherungsschutz für alle Menschen sei nachhaltige Entwicklung möglich.Gipfelpräsident John Wong von der National University Singapurs verwies auf eine weitere Erkenntnis, um Weltgesundheit voranzutreiben: Bildung. Denn 40 Prozent aller vermeidbaren Todesfälle sind auf falsches Gesundheitsverhalten zurückzuführen. (mam)

[28.10.2013, 16:32:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Krise als Chance?
Der fünfte World Health Summit im Auswärtigen Amt in Berlin stand unter dem Bekenntnis zur "Gesundheitsversorgung für Alle". Während Ärztinnen und Ärzte auf der ganzen Welt sich gemeinsam mit ihren Patientinnen und Patienten der oft grausamen Realität von Krankheiten wie Arthrose, Asthma, COPD, Demenz, Diabetes, Fehlbildungen, Hypertonie, Infektionen, KHK, Krebs, Missbildungen, multipler Sklerose, pAVK, rheumatoider Arthritis und der Fülle anderer internistischer, neurologischer oder degenerativer Systemerkrankungen stellen müssen, fantasieren Medizin-bildungsferne Politiker, Strategen, Entscheidungs- und Leistungsträger bzw. Repräsentanten der Pharmaindustrie und des medizinisch-industriellen Komplexes vom einem verführerisch klingenden und ach so gesunden Paradigmenwechsel: Dass in Zeiten von Kriegen und Krisen, Armut und Hunger für Viele bzw. Reichtum und Überfluss für Wenige, Globalisierung, Klima- und Naturkatastrophen bzw. Hegemonialstreben konkurrierender Wirtschaftsmächte, ausgerechnet die Abschaffung globaler Krankheitsrisiken mit einem platten Wahlspruch zu lösen sei.

"Gesundheitsversorgung für Alle" erinnert fatal an das irrationale WHO-Motto aus den frühen Neunzigern des letzten Jahrhunderts, wo mit "Gesundheit für Alle bis zum Jahr 2000" völlig haltlose Millenniumsziele ausgerufen wurden.

Selbst wenn in hochindustrialisierten, an Ressourcen überreichen Ländern der ersten Welt medizinische Wissenschaft, Forschung, Entwicklung, Diagnostik, Therapie und Palliation sich auf dem höchstem Stand der Entwicklung bewegen, bedeutet dies z. B. für die Dritte Welt, dass diese sich den Zugang zu diesem medizinischen Fortschritt allein aus ökonomischen Gründen nicht wird leisten können. Medizin nach westlichem Industriestandard ist geradezu ein Hindernis für die Entwicklung e i g e n s t ä n d i g e r Bewältigungsstrategien in der 2. und 3. Welt. Dort muss eine eigene, autarke und angemessene Gesundheit- und Krankheitsversorgung entwickelt werden.

Es reichte deshalb n i c h t, wie Bundesaußenminister Guido Westerwelle bei der Eröffnung des World Health Summit ausrief, "global für den Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung" zu werben. Und Noch-Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ging bei der Eröffnungsveranstaltung fehl, mit „Wir wollen uns dafür einsetzen, dass es überall auf der Welt gerechte Gesundheitssysteme gibt“. Wenn er nicht zugleich benennt, dass selbst in den USA bisher k e i n e "Gesundheitsversorgung für alle" verfügbar war, so lange konservative Republikaner mit der „Tea-Party“-Bewegung sich g e g e n "Obamacare" stemmen.

Von einem Paradigmenwechsel, weg von der reinen Krankheitsbehandlung hin zu einem Gesundheitsmanagement auf dem World Health Summit 2013 zu sprechen, ist geradezu zynisch: Lebensbedrohliche Erkrankungen, Armut, Terrorismus und sozioökonomische Perspektivlosigkeit toben in Dritte-Welt-Ländern und Konfliktherden dieser Welt. Gegen Krankheit, Siechtum, Teilhabeverlust und Behinderung insbesondere bei der armen Bevölkerung gibt es kaum Z u g a n g zu medizinischer Versorgung. Und schon sollen "lean business"-Typen von internationalen Wirtschaftsprüfern- und Organisationsstrategen wie Arthur Young, McKinsey, KPMG, Price Waterhouse Coopers (PWC), Deloitte gegen exzessive Beraterhonorare ausgerechnet den Mangel an medizinischen Versorgungressourcen mit sach- und fachfremdem "O u t s o u r c i n g" therapieren?

Und wenn Farhad Riahi von Novartis International AG, Schweiz, betonte, "den Spagat aus knapperen finanziellen Mitteln und einer steigenden Nachfrage der Bevölkerung hinzubekommen sei nicht leicht, aber möglich," macht er den Bock zum Gärtner: Im Jahr 2012 erzielte Novartis einen Nettoumsatz von USD 56,7 Milliarden US-Dollar und wies Kosten für Forschung und Entwicklung in Höhe von rund 9,3 Mrd. USD aus. Zugleich wurden für Marketing und Vertrieb knapp 14,4 Mrd. USD ausgegeben. Der Gewinn v o r Steuern betrug 11,24 Mrd. ; bei einem lächerlichen Steuersatz von etwas über 10 Prozent betrug der Reingewinn 9,6 Mrd. USD, mit einem "free cashflow" von 11,4 Milliarden USD (http://www.novartis.com).

Das sind die ernüchternden Realitäten von gewinnorientierten, globalisierten Konzernen, die n i c h t an der Gesundheit, sondern n u r an der Krankheit verdienen wollen. Dagegen nehmen sich Forderungen von Jeanette Vega, Geschäftsführerin der US Rockefeller Stiftung, "Ein Krankenversicherungsschutz für alle Menschen auf der Welt stellt sicher, dass Gesundheit weltweit als Menschenrecht verstanden wird", eher bescheiden und vielleicht viel zu vernünftig für einen desorientierten "World Health Summit" aus.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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