Ärzte Zeitung online, 20.11.2013
 

Großbritannien

Pflegenotstand in den Kliniken

Die Arbeitszeiten sind zu lang, der Lohn ist bescheiden, Arbeitsbedingungen sind mies: In Großbritannien werden zunehmend die Pflegekräfte rar. Es droht der Notstand.

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Keine Pflegekräfte zu sehen: Eine kleine Patientin in einer Londoner Krebsklinik.

© i Images / imago

LONDON. Britische Klinikärzte schlagen Alarm, weil in vielen staatlichen Krankenhäusern im Königreich inzwischen "ein schlimmer Pflegenotstand" herrsche. Das gefährde Patientenleben, setzte Ärzte unter enormen Druck und führe "zu einer generellen Verschlechterung der stationären Versorgungsqualität".

Laut aktuellen Zahlen fehlen landesweit rund 20.000 Krankenschwestern und -pfleger. Erst kürzlich hatte die größte britische Krankenpflegergewerkschaft (Royal College of Nursing, RCN) einen Bericht vorgelegt, in dem die Zustände innerhalb des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) untersucht werden. Das Resultat bestätigt, was die Klinikärzte öffentlich anprangern.

"Wir schätzen, dass jede 20. Stelle im stationären Pflegebereich nicht mehr besetzt ist", so RCN-Sprecher Dr. Peter Carter. Grund für den Pflegenotstand sei eklatanter Geldmangel. "Die Kassen sind leer."

Die Untersuchung der Krankenpflegergewerkschaft basiert auf Zahlen aus insgesamt 61 NHS Trusts. Das sind Zusammenschlüsse staatlicher Krankenhäuser und anderer Gesundheitsdienstleister, die auf lokaler Ebene kooperieren.

Die Regierung verteilt an diese Organisationen jährlich das Geld aus dem Gesundheitsetat, die Trusts wirtschaften damit in Eigenverantwortung.

Ärzte bestreiten offizielle Statistiken

Als Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise fließen heute deutlich weniger Gelder aus London in die Regionen. Vielen Kliniken bleibt laut der British Medical Association (BMA) nichts anderes übrig, als Stellen zu streichen. Das geschieht offenbar häufig in der Krankenpflege.

Erschwerend komme hinzu, dass in Großbritannien nicht länger ausreichend Krankenschwestern und -pfleger ausgebildet würden. "Lange Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung und miese Arbeitsbedingungen auf den Stationen" führten laut RCN dazu, dass die Zahl der in der Ausbildung steckenden Pflegekräfte in den vergangenen Jahren "um 15 Prozent gesunken" sei.

Zugleich steige der Bedarf an Pflegeleistungen nicht zuletzt als Folge demografischer Entwicklungen. Resultat: 22 Prozent aller NHS Trusts rekrutieren qualifizierte Pflegekräfte inzwischen im Ausland.

"Oft übernehmen die Klinikärzte Aufgaben, die eigentlich vom Pflegepersonal zu verrichten sind", berichtete ein Londoner Krankenhausarzt der "Ärzte Zeitung". Sowohl die Ärzteverbände als auch Vertreter der Pflegeberufe und Patienten verlangen daher vom Gesundheitsministerium die Einstellung von mehreren Tausend qualifizierten Pflegekräften.

Das Ministerium argumentiert, dass seit 2010 "4000 Ärzte und Pfleger zusätzlich eingestellt" worden seien, während die Zahl der Verwaltungsposten "um 22.000 gesunken" sei. Diese Zahlen werden von Ärzten und Pflegern bestritten. (ast)

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