Ärzte Zeitung, 26.09.2016

Mehr als heiße Luft?

Flammender UN-Appell zur Stärkung der Gesundheitssysteme

Vor einem Engpass von 18 Millionen Gesundheitsfachkräften bis zum Jahr 2030 warnt die UN-Kommission. Besonders betroffen seien die ärmsten Ländern der Welt. Mit einem Reformkatalog will das Gremium gegensteuern - was kann verändern?

Von Matthias Wallenfels

Flammender Appell der UN zur Stärkung der Gesundheitssysteme

Weltweit könnten bis 2030 18 Millionen Pflegekräfte fehlen.

© epd / imago

Mit einem flammenden Appell wandten sich die Präsidenten von Frankreich und Südafrika, François Hollande und Jacob Zuma, diese Woche im Zuge der UN-Generalversammlung in New York an die Staatengemeinschaft. Neuesten Prognosen zufolge würden weltweit bis zum Jahr 2030 insgesamt 40 Millionen neue Gesundheitsfachkräfte benötigt.

Durch strukturelle Defizite vor allem in den Ländern mit geringem und mittleren Einkommen im unteren Bereich werde sich dort eine Unterdeckung an Gesundheitspersonal in Höhe von 18 Millionen Menschen ergeben, so die Warnung.

Nach der Definition der Weltbank sind dies zum einen Länder mit einem Bruttonationaleinkommen von maximal 1045 US-Dollar pro Kopf und Jahr, wie Guinea, Liberia und Sierra Leone, sowie zum anderen Länder mit einem Bruttonationaleinkommen zwischen 1046 und 4125 US-Dollar je Kopf und Jahr, wie Indien, Indonesien oder Myanmar.

Zehn zentrale Empfehlungen

In ihrer Funktion als Vorsitzende der im März von der UNO etablierten "High-Level Commission on Health Employment and Economic Growth" stellten Hollande und Zuma ihren aktuellen Bericht "Working for Health and Growth" vor.

Darin enthalten sind zehn zentrale Empfehlungen, um aus der Erfahrung der jüngsten Ebola-Epidemie in Westafrika zu lernen. Diese habe gezeigt, wie Inaktivität und chronische Unterfinanzierung die menschliche Gesundheit gefährden und zudem zu schweren wirtschaftlichen und sozialen Rückschlägen führen könnten.

"Ergänzendes Monitoring, Krisenreaktionsmechanismen und Gesundheitspersonal sind die Eckpfeiler eines resilienten Gesundheitssystems", philosophieren Hollande und Zuma.

Disruptive Entwicklungen mit Potenzial

In der Tat lesen sich die Empfehlungen wie ein Handbuch zur reibungslosen Transformation ärmster Länder in stabile prosperierende Wirtschaften inklusive Rechtssicherheit für Investoren. Die Forderung nach dem Einsatz modernster IT-Lösungen, also E-Health und Telemedizin, zum Beispiel, betont das Potenzial einer disruptiven Entwicklung der teils maroden medizinischen Infrastruktur.

Ein Vorbild dafür wäre das in Afrika vor allem in der Peripherie seit mehreren Jahren bereits weit verbreitete Bezahlen via Mobiltelefon. Der Einsatz digitaler Lösungen setzt aber wiederum neben einem profunden medizinischen Grundwissen auch eine Technikkompetenz voraus.

Beides kann nur durch tiefgreifende Reformen des Schulwesens erreicht werden, die zudem auch Mädchen den Unterrichtsbesuch erlaubt – zwei weitere Handlungsempfehlungen. Mehr Bildungschancen sollen somit qualifizierten Einwohnern neue Optionen eröffnen, Gesundheitsberufe zu ergreifen.

Paradigmenwechsel gefordert

Wie es in dem Bericht weiter heißt, werde die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen weiter steigen und für Millionen neue Jobs sorgen. Nebeneffekt: Weltweit schaffe eine neue Stelle im Gesundheitswesen ein bis zwei neue in anderen Sektoren. Gesundheit ist somit auch ein Prosperitätsfaktor – ein in den OECD-Staaten unbestrittener Fakt. Weltweit sei der Gesundheitssektor 5,8 Billionen US-Dollar schwer.

Ein Umdenken fordern die Präsidenten auch bei der Reform der Gesundheitssysteme. So sollte ein Paradigmenwechsel stattfinden von der klinischen Versorgung und Spezialisierung an wenigen Punkten – exemplarisch hierfür steht die Situation in Guinea, Liberia und Sierra Leone während der Ebola-Krise – hin zu einem Ansatz, der die Prävention und die Primärversorgung in den Mittelpunkt stellt.

Privater Sektor soll seinen Beitrag leisten

Des Weiteren wird empfohlen, den privatwirtschaftlichen Gesundheitssektor zu forcieren und gleichzeitig die flächendeckende Versorgung vor allem der armen Bevölkerung durch staatliche Einrichtungen zu gewährleisten – ein Ansatz, den Indonesien verfolgt. Die Präsidenten mahnen die schwächeren Länder auch zum Aufbau eines belastbaren Kriseninterventionsmechanismus, der Gefahren für die öffentliche Gesundheit schnell identifizieren und managen könne.

Die meisten Länder seien in der Lage, ein effektives Gesundheitssystem aus eigener finanzieller Kraft auf die Beine zu stellen, heißt es. Aber den schwächsten und fragilen Ländern soll auch über internationale Finanzierungsmechanismen der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur ermöglicht werden, so die Forderung.

Ein weiteres Anliegen ist den Präsidenten die Steuerung der internationalen Migration von Gesundheitsfachkräften. So dürften die wohlhabenden Ländern ärmere nicht ausbluten lassen, indem sie deren Fachkräfte abwürben.

Eine Welt ohne Krankheiten, Hunger, Armut, Gewalt und Analphabetismus

Ihre Empfehlungen betten Hollande und Zuma in den Kontext der im vergangenen Jahr auf der UN-Vollversammlung verabschiedeten Nachhaltigkeitsziele – Sustainable Development Goals (SDG) – ein.

Damit haben sich die Staaten verpflichtet, bis 2030 eine Welt frei von Krankheiten, Hunger, Armut, Gewalt und Analphabetismus zu schaffen – verbunden mit einem universellen Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung sowie einer gesundheitlichen Versorgung, die das physische, mentale und soziale Wohlbefinden ermöglicht.

Gewiss wurden bei Indikatoren wie der Müttersterblichkeit oder der Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren Verbesserungen erzielt, dennoch hinken viele Länder weit hinter den Zielen her. Da klingt es abermals illusorisch, dass die präsidialen Ratschläge zur Stärkung der Gesundheitsmärkte und die daraus resultierende Prosperität der schwächsten Länder bald Realität wird.

Die Ebola-Krise hat zwar die Weltgemeinschaft wach gerüttelt. Die Krux ist nur, dass viele Staaten, die der Bericht adressiert, von Auto- und Kleptokraten regiert werden und von nepotistischen Strukturen durchfilzt sind – keine ideale Basis für funktionierende Gesundheitssysteme.

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