Ärzte Zeitung, 16.12.2016
 

Polio-Infektionen

Das "Schwarze Schaf" Pakistan

Pakistan ist eines der letzten Länder, in dem die weltweite laufende Kampagne zur Ausrottung des Polio-Virus noch nicht ihr Ziel erreicht hat. Die Sicherheit des Landes ist instabil, das Gesundheitswesen des muslimischen Atom-Staates hat krasse Defizite.

Von Martina Merten

KARACHI. Nidas Augen sind beinahe so dunkel wie der schwarze Schleier, der ihr komplettes Gesicht verdeckt. Lediglich der oberste Teil ihrer Nase blinzelt hinter der Burka hervor. Gemeinsam mit Sjida, ihrer Kollegin, klopft die neunzehnjährige Frau an einen Großteil der Häuser in Sachal Goth, einer kleinen Gemeinde inmitten des Millionenmollochs Karachi im Süden der Islamischen Republik Pakistan.

Die Frauen warten eine Weile, in ihren Händen tragen sie große Ringbücher mit vielen Zahlen und kleinen Bildern darin. Das sind die Listen der Häuser, die in Sachal Goth stehen und die die beiden Frauen abgehen müssen. Irgendwann öffnet sich ihnen die Tür.

Erbärmliche Lebensbedingungen

Nida und Sjida sind Impfhelferinnen – so genannte community based vaccinators – im Rahmen der Global Polio Eradication Initiative (GPEI), die es seit 1994 in Pakistan gibt. Pakistan ist neben seinem Nachbarstaat Afghanistan und Nigeria eines der letzten Länder, in dem das verheerende Virus noch vorkommt. Da die beiden jungen Frauen selbst in der Gemeinde Sachal Goth leben, kennen sie die meisten der Familien, die ihnen die Türen öffnen.

Es sind meist ärmliche Haushalte, viele Nomaden, die ihren Lebensunterhalt durch Betteln erwerben. "Die meisten Leute vertrauen uns", erzählt Nida. Widerstände gegen die Polio-Impfungen gebe es immer seltener. Lediglich in Gebieten, in denen viele Pashtunen leben – sunnitische Muslime, die stark vom orthodoxen Islam geprägt sind – hätten die Familien ab und zu Angst, der Impfstoff können sich negativ auf die Familienplanung auswirken.

Impfhelferinnen aus den Gemeinden

Dank eines speziellen Trainings, das alle Gemeinde-Impfhelferinnen vor ihren Einsätzen erhalten, wissen die beiden jungen Frauen, was in solchen Fällen zu tun ist. In Rollenspielen lernen sie, wie sie mit Widerstand umgehen und welche Antworten sie auf bestimmte Fragen zu geben haben, erklärt Dr. Rana Safdar, Chef-Koordinator des Emergency Operation Center (EOC) in Islamabad, einer Art nationalen Schaltzentrale, von der aus die gesamte Polio-Ausrottungskampagne überwacht wird.

Für ihre Tätigkeit erhalten Nida und Sjida 15.000 Rupees (rund 200 Euro) jeden Monat. Das ist viel Geld in einem Land, in dem 60 Prozent der Menschen von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen.

Impfhelferinnen, die aus den Gemeinden stammen, in denen sie arbeiten, sind in Pakistan Rana zufolge erst seit Anfang 2015 im Einsatz. Sie sind ein Versuch der GPEI-Akteure – allen voran des EOC-Chefs – Pakistan vom "Schwarzen Schaf"-Image zu befreien. Der Beratungsausschuss der GPEI hatte den Aktivitäten zur Bekämpfung der Kinderlähmung in Pakistan in seinem 2014er Bericht ein verheerendes Zeugnis ausgestellt.

Schwere Zeiten für Impfhelfer

Das Gremium, das in regelmäßigen Abständen die Fortschritte im Rahmen der Initiative kommentiert, bezeichnete das muslimische Land als "Gefährdung für den Erfolg des gesamten Programmes". Das Handeln der Akteure vor Ort sei unkoordiniert. Jeder – seien es die Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die von UNICEF, Rotary oder die Mitarbeiter der pakistanischen Regierung – mache, was er wolle.

Erschwerend wirken Presseberichte über die wiederkehrenden Angriffe der Taliban auf Polio-Impfteams. Familien trauten sich kaum noch, den ihnen meist unbekannten Impfhelfern, die im Rahmen der Kampagne von Tür zu Tür gehen, ihre Kinder anzuvertrauen. Es sah nicht gut aus für ein Land, das ohnehin aufgrund seiner desolaten wirtschaftlichen Lage, der immensen Armut und eines unterfinanzierten Gesundheitssystems gebeutelt ist.

Rana entwarf ein Konzept für eine Schaltzentrale (das EOC), von der aus die Aktivitäten aller PolioAkteure koordinierter als bislang organisiert werden. Ferner begannen Trainings für Gemeinde-Impfhelfer. Für Aidan O'Leary, Polio-Teamleiter von Unicef in Pakistan, sind Frauen als Impfhelfer eine Art "soziale Revolution".

Impfrunden von "Tür zu Tür"

Die Impfkampagnen in Pakistan im Rahmen der Ausrottungsinitiative laufen über das gesamte Jahr durch, erklärt Emma Sykes, bei der WHO in Islamabad für Öffentlichkeitsarbeit rund um das Polio Programm in Pakistan zuständig. Einmal pro Monat finden jeweils montags bis mittwochs von Tür zu Tür Impfrunden statt.

Zusätzlich gibt es an einigen Orten wie kleinen Gesundheitszentren oder an Krankenhäusern feste Stützpunkte, an denen Familien ihre Kinder gegen das Polio-Virus impfen lassen können. Auch an Transitpunkten wie Bahnhöfen und Autobahn-Mautstellen sind Polio-Helfer im Einsatz.

Von Donnerstag bis Freitag finden noch einmal von "Tür zu Tür" Impfrunden statt, um nach denjenigen Kindern zu fragen, die die GPEI-Impfhelfer von Montag bis Mittwoch nicht finden konnten. Im Anschluss an diese fünf Tage diskutieren alle Mitarbeiter, was gut gelaufen ist und was hätte besser laufen können.

Ehrgeiziges Ziel: keine neuen Fälle

Bislang gab es in 2016 lediglich 18 neue Polio Fälle, das Ziel, 2017 keinen neuen Fälle mehr zu haben, scheint zum Greifen nah, fasst es Aziz Memon, Vorstand des Pakistanischen Rotary Polio-Plus Ausschusses, zusammen. "Geschafft haben wir es aber noch nicht", gab er am Rande einer Konferenz anlässlich des Welt-Polio-Tages Ende Oktober in Islamabad zu bedenken.

Denn das Problem Pakistans bei der Ausrottung des Polio-Virus ist nicht allein die Struktur der Kampagne und die Arbeit der Akteure. Die Probleme des Landes sind weitaus vielschichtiger: In Pakistan bedarf es enormer Anstrengungen, um eine Grundimmunisierung der Kinder gegen Polio zu erreichen, erklärt Dr. Abdi Mahamud, Teamleiter für Polio bei der WHO in Pakistan.

Während in einem Land wie Deutschland die ausschließliche viermalige Gabe von inaktiviertem Polio-Impfstoff (IPV) ausreicht, um eine Grundimmunisierung der Kinder gegen das Virus zu erreichen, müssen Impfhelfer in Pakistan rund zehn Gaben von Lebendimpfstoff (OPV) verabreichen, in besonders prekären Teilen des Landes idealerweise eine Kombination von IPV und OPV, so Abdi.

Mehr Geld für Gesundheitswesen

Der Grund: 40 Prozent aller Kinder in Pakistan sind fehl- oder unterernährt. 40 Prozent aller schwangeren Frauen sind fehl- oder unterernährt – ein Grund, warum eins von vier Babys mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht zur Welt kommt, ergänzt Professor Iqbal A. Memon, ehemaliger Präsident der Vereinigung für Kinderheilkunde in Pakistan.

Aufgrund desolater hygienischer Bedingungen – also einem Mangel an Toiletten und sauberem Trinkwasser – sind Durchfallerkrankungen bei Kindern an der Tagesordnung. Erhält ein Kind zu einem Zeitpunkt, zu dem es Durchfall hat, eine Polio-Impfung, ist diese unwirksam. "Die Hälfte der Kinder, die in 2016 an Polio erkrankt sind, war gegen das Virus geimpft", betont Abdi von der WHO.

Die Mutter-Kind-Gesundheit in Pakistan zu verbessern steht deshalb beim dortigen Gesundheitsministerium ganz oben auf der Agenda, sagt Muhammad Ayub Shaikh, Staatssekretär für Gesundheit. Innerhalb der nächsten drei Jahre wolle sich sein Land insbesondere auf diesen Bereich fokussieren, zudem soll schrittweise mehr Geld in das Gesundheitswesen fließen.

Das war bislang nicht der Fall. Der Anteil der Ausgaben für Gesundheit am Bruttoinlandsprodukt beträgt Shaikh zufolge lediglich ein Prozent. Das schlägt sich auch auf die Ausstattung lokaler Gesundheitszentren oder staatlicher Krankenhäuser nieder: es mangelt an jedweden Diagnosemöglichkeiten.

In den meisten staatlichen Einrichtungen im Gesundheitswesen – sei es auf primärer, sekundärer oder tertiärer Ebene – herrscht gähnende Leere. Außer Arzneimittausgaberäumen und leeren Untersuchungszimmern finden Patienten nicht viel vor.

Ringbücher voll mit Notizen

Wenn Nida und Sjida am Nachmittag mit ihrer Arbeit fertig sind, laufen sie meist zum "Pakistan Rotary Resource Center" – einem ehemaligen Schulgebäude, in dem lediglich ein paar Tische und Plastikstühle stehen. Hierhin, erklärt Sadia Shakeel, die das Zentrum im Auftrag von Rotary leitet, können alle Impfhelferinnen kommen, die an der laufenden Kampagne teilnehmen.

Während es draußen zum Teil an die 50 Grad heiß ist, herrscht in dem einfachen Gebäude eine angenehme Temperatur. Mehrere Ventilatoren hängen an den Decken. In einem der Räume haben sich an die 20 Impfhelferinnen versammelt. Noch immer vollkommen verschleiert sitzen sie auf Plastikstühlen um einen großen Tisch herum, vor ihnen liegen ihre Ringbücher mit den Notizen zu ihren Hausbesuchen.

Eine von ihnen, mit Anfang 30 die älteste, bringt es auf den Punkt: "Wir wollen diese Krankheit einfach nicht mehr in unserem Land haben", sagt sie mit ernstem Blick. "Es ist fürchterlich, dass Pakistan noch immer betroffen ist."

Pakistan im Fokus:

37 Millionen Kinder sind jünger als fünf Jahre.

Sieben Millionen Neugeburten verzeichnet die Statistik pro Jahr.

Ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird in Pakistan für Gesundheit ausgegeben. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 11,6 Prozent.

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