Ärzte Zeitung online, 15.05.2017
 

Großbritannien

"Weniger Pausen" für Ärzte

Das britische Gesundheits-ministerium kritisiert die Arbeitsmoral der Hausärzte im Land. Ärzteschaft und Abgeordnete schießen zurück.

Von Arndt Striegler

LONDON. Britische Hausärzte sollten "weniger Pausen" einlegen und ihre Praxen durchgehend länger für Patienten geöffnet halten, um die Patientenversorgung zu verbessern. Mit diesem Vorschlag verärgert das Londoner Gesundheitsministerium aktuell die britische Ärzteschaft.

Laut Gesundheitsministerium leide die Patientenversorgung im primärärztlichen Sektor des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS), weil jede zweite NHS-Hausarztpraxis eine "überlange Mittagspause" einlege beziehungsweise an einem Tag der Woche – oft am Mittwoch – nachmittags gar nicht öffne.

"Millionen Patienten erschweren diese langen Pausen den Zugang zum Hausarzt. Das ist nicht akzeptabel", monierte der britische Gesundheitsminister kürzlich. Im NHS gibt es derzeit rund 7600 Hausarztpraxen.

Ärzte oder Politik Schuld?

Interessant: In einer gesundheitspolitischen Debatte im Londoner Unterhaus kritisierten hingegen die Abgeordneten aller Parteien eine "total verfehlte" Personalpolitik im staatlichen Primärarztsektor.

Konkret kritisierten die Abgeordneten, dass zum Beispiel nicht genug Allgemeinmediziner rekrutiert würden, was in vielen Landesteilen zu "gefährlichen Versorgungsengpässen" und "nicht akzeptablen Wartezeiten" auf einen Arzttermin führe. Oft warten Patienten bis zu drei Wochen auf einen Termin bei ihrem Hausarzt.

Erst kürzlich hatte die britische Regierung versprochen, bis zum Jahr 2020 "mindestens 5000 neue Hausärzte" einzustellen. Davon ist allerdings bislang nichts zu merken.

Ärztebund: Mediziner unter Druck

"Unsere Hausarztpraxen stehen unter einem historisch noch nie da gewesenen Druck, immer mehr Patienten zu behandeln", betonte die Labour-Abgeordnete Kate Hoey während der hitzig geführten Parlamentsdebatte. "Das hat mit einer immer älter werdenden Bevölkerung und auch mit einer zunehmenden Zahl von Asylbewerbern zu tun. Ohne zusätzliche Hausärzte und ohne zusätzliches Geld wird unser Hausarztsektor binnen weniger Jahren in sich zusammenbrechen", so die Abgeordnete.

Der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) sieht das ähnlich. "Die Versorgungslage ist prekär und wir haben schon heute in einigen Landesteilen einen Ärztemangel", so ein BMA-Sprecher zur "Ärzte Zeitung" in London.

Und: "Hausärzten die Pausen zu streichen ist der falsche Ansatz! Stattdessen sollte mehr Geld in den Primärarztbereich investiert werden, um den Hausärzteberuf wieder attraktiver zu machen."

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