Ärzte Zeitung online, 22.08.2018

Rückfall

Die Lebenserwartung steigt – in den USA ganz langsam

Wissenschaftler haben die jüngste Entwicklung der Lebenserwartung in 18 Industriestaaten untersucht. Im Land der grenzenlosen Freiheit kommt der Tod vor allem für Jüngere früher. Doch auch in Europa gibt es Problemfälle.

Von Florian Staeck

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Der grassierende Missbrauch von Drogen und Opioiden in den USA ist mittlerweile auch in neuen Daten zur Lebenserwartung ablesbar.

© Stuart / stock.adobe.com

BERLIN. Die USA fallen bei der durchschnittlichen Lebenserwartung ihrer Einwohner immer weiter hinter anderen Industriestaaten zurück. Das hat ein Vergleich der Entwicklung der Lebenswartung in 18 Industriestaaten ergeben. Wissenschaftler der University of Southern California und der Princeton University haben ihre Ergebnisse im BMJ veröffentlicht (DOI:10.1136/bmj.k2562).

Sie untersuchten neben westeuropäischen EU-Staaten die USA, Japan, Australien, Norwegen und die Schweiz.

Kaum mehr Lebensjahre

Dabei wiesen die USA von allen 18 Staaten im Zeitraum von 2010 bis 2016 den geringsten Zuwachs an Lebenserwartung auf. Sie nahm bei Frauen um 0,19 auf 81,4 Jahre und bei Männern um 0,04 Jahre auf 76,4 Jahre zu. Zum Vergleich: die durchschnittlichen Steigerungsraten betrugen in den 17 anderen Ländern 0,88 (Frauen) und 1,38 Jahre (Männer).

Für Deutschland geben die Wissenschaftler als Zuwachs 1,12 Jahre (Männer) und 0,82 Jahre (Frauen) an. Damit hat sich in den sechs Jahren der Abstand zwischen der Lebenserwartung in den USA und dem Durchschnitt der anderen 17 Staaten auf 3,04 (Frauen) und 3,4 Jahre (Männer) erhöht.

Welten liegen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan, dem Land mit der höchsten Lebenserwartung nämlich 5,2 (Frauen) und 5,7 (Männer) Jahre.

Überrascht hat die Forscher, dass die Lebenserwartung in den Jahren 2014/15 in zwölf der 18 untersuchten Länder zurückgegangen ist. Am stärksten fällt diese Entwicklung in Italien aus. Dort beträgt der Rückgang bei Frauen 0,55 und bei Männern 0,43 Jahre. In Deutschland verringerte sich die Lebenserwartung insgesamt um 0,35 Jahre.

Bei der Suche nach den Ursachen für dieses Ausnahmejahr bestätigt sich die Sonderstellung der USA im Vergleich: Drogenmissbrauch und Opioidkrise tragen dort bei Männern zu 42 Prozent zum Rückgang der Lebenserwartung bei. Hinzu kommt, dass diese Entwicklung insbesondere jüngere Menschen betrifft.

Ganz anders etwa in Italien: Hier lassen die Todesursachenstatistiken erkennen, dass insbesondere Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems ursächlich für den Verlust an Lebensjahren sind. Vergleichbar stellt sich die Entwicklung in Deutschland dar – auch hier sehen die Forscher – anders als in den USA – einen vorübergehenden Rückgang der Lebenserwartung insbesondere bei alten Menschen.

Umschwung in den Jahren 2015/16

Bereits 2015/16 zeichnet sich in Italien und in der Mehrzahl der anderen Länder wieder ein Umschwung ab. So stieg die Lebenserwartung dort wieder um 0,45 Jahre. Ausnahmen von dieser Entwicklung sind – erneut – die USA und Großbritannien.

Weil die Studie sozioökonomische Daten nicht erhoben hat, bleiben die Erklärungsansätze für die ungewöhnliche Entwicklung in den Jahren 2014/15 vage. Einen Einfluss könnte, so die Autoren, der in diesem Jahr wenig wirksame Grippe-Impfstoff gehabt haben

 In Deutschland hat sich die steigende Lebenserwartung indes fortgesetzt, berichtet das Statistische Bundesamt im Frühjahr. Nach der neuen Sterbetafel erhöhte sie sich für neugeborene Jungen und Mädchen um zwei Monate. Bei den über 65-Jährigen gewannen Männer einen Monat Lebenszeit hinzu, Frau zwei.

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[22.08.2018, 13:45:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Verbesserung von Lebenserwartung/"Quality of Life" dramatischer eingebrochen, als gedacht!
Die Publikation: "Recent trends in life expectancy across high income countries: retrospective observational study"
BMJ 2018; 362 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k2562 (Published 15 August 2018) Cite this as: BMJ 2018;362:k2562
von Jessica Y Ho und Arun S Hendi
liest sich in ihren Schlussfolgerungen dramatisch:
"Conclusions Most of the countries that experienced declines in life expectancy during 2014-15 experienced robust gains in life expectancy during 2015-16 that more than compensated for the declines. However, the United Kingdom and the United States appear to be experiencing stagnating or continued declines in life expectancy, raising questions about future trends in these countries."

Die Verringerungen der Lebenserwartung im Zeitraum von 2014 bis 2015 wurden in den meisten reichen Ländern der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) durch Zugewinne während der Jahre 2015 bis 2016 mehr als kompensiert. Das Vereinigte Königreich (GB) und die USA scheinen jedoch eine Stagnation bzw. eine weitere Verringerung zu erfahren. Damit stellt sich die Frage nach zukünftigen Trends in diesen beiden Ländern.

Begleitende Editorials: "Editorials - Reversals in life expectancy in high income countries?" von Domantas Jasilionis
BMJ 2018; 362 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k3399 (Published 15 August 2018) Cite this as: BMJ 2018;362:k3399
sehen "Recent trends in life expectancy across high income countries" der reichsten OECD-Länder
ähnlich problematisch.

Der Editorialist bezieht auch die zeitgleich publizierte, systematische, statistische Todesursachenanalyse aus den USA mit ein:
"Changes in midlife death rates across racial and ethnic groups in the United States: systematic analysis of vital statistics" von Steven H Woolf et al.
BMJ 2018; 362 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k3096 (Published 15 August 2018) Cite this as: BMJ 2018;362:k3096

Letztere Publikation zeigt auf, warum die Lebenserwartung in den USA hinter anderen reichen Ländern zurückliegt bzw. erklärt deutlich die Ursachen aufgrund unterschiedlicher genetischer und ethnischer Gruppenzugehörigkeiten. ["Showing how US life expectancy is lagging behind other rich countries, which citizens are affected, and the causes of death that have risen most sharply in recent years."]

Die alles entscheidende Frage, warum die Lebenserwartung in den USA insbesondere wegen der Zunahme gewaltsamer/BTM-bedingter Todesursachen unterhalb von allen anderen vergleichbaren OECD-Staaten liegt, wird empirisch belegt und dargestellt unter
"Visual summary available
Showing how US life expectancy is lagging behind other rich countries, which citizens are affected, and the causes of death that have risen most sharply in recent years."
https://www.bmj.com/content/bmj/suppl/2018/08/15/bmj.k3096.DC1/mid_life_mortality_v37_datasupp.pdf

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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