Ärzte Zeitung online, 19.09.2018

WHO besorgt

Viele kranke Männer in Europa

Zu viele Männer in Europa sterben an vermeidbaren Ursachen, so die WHO in einem Bericht zur Männergesundheit. Besonders Rauchen, Alkohol und Gewalt sind Probleme, aber auch zu wenig Vorsorge bei chronischen Leiden.

Von Wolfgang Geissel

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Rauchen, Alkohol und andere Drogen führen besonders oft in östlichen Ländern der WHO-Region Europa zu frühem Tod.

© Kartarzyna Bialasiewicz / iStock / Thinkstock

ROM. "In der Europäischen Region sind frühe Todesfälle durch nicht-übertragbare Krankheiten eindrucksvoll reduziert worden. Trotzdem erreichen die Gesundheitsdienste vor allem viele Männer nicht und viele von ihnen sterben jung an Unfällen und den `noncommunicable diseases´ (NCDs)", betont WHO-Regionaldirektorin Dr. Zsuzsanna Jakab in einer WHO-Mitteilung zu einem Bericht über Männergesundheit in den 53 Ländern der WHO-Region Europa.

Weite Kluft bei Lebenserwartung

Zwischen den Ländern gibt es dabei eine weite Kluft bei der Lebenserwartung von Männern. Je nach Land sterben diese nach den Daten von 2016 im Mittel mit 64 oder sie werden 81 Jahre alt, ein Unterschied von 17 Jahren.

Russland liegt dabei mit unter 70 Jahren an zweitletzter Stelle vor Turkmenistan. Die im Schnitt ältesten Männer gibt es in der Schweiz. Deutschland liegt mit knapp unter 80 auf Platz 18 der 53 Länder. Der Bericht nennt einige Erklärungen:

»86 Prozent der Todesfälle bei Männern werden durch NCDs oder Unfälle in jungen Jahren verursacht.

»In Osteuropa gibt es 37 Prozent der NCD-Todesfälle bei unter 60-Jährigen, in Westeuropa bei 13 Prozent.

»Die häufigsten Todesursachen bei 30- bis 59-jährigen Männern sind kardiovaskuläre Leiden, Krebs, Diabetes und Atemwegs-Erkrankungen

»In einigen Ländern Osteuropas haben Männer ein sieben Mal höheres kardiovaskuläres Sterberisiko wie in Westeuropa.

»Drei Viertel der bei Verkehrsunfällen gestorbenen Männer sind unter 25 Jahre alt.

Rauchen: Eine Million Todesfälle

Risikoverhalten von Männern werde fast schon als angeboren angesehen, so die WHO. Das sei jedoch falsch, wie die Unterschiede in den verschiedenen Ländern zeigen.

Vielmehr bedingen bei Männern im Vergleich zu Frauen gesellschaftliche Normen und Erwartungen die hohen Raten etwa an Rauchern, hohem Alkoholkonsum, riskantem Verhalten im Straßenverkehr oder auch bei zwischenmenschlicher Gewalt.

Ungesunde Ernährung verschlechtert die Gesundheit von Männern zudem: So wird zum Beispiel in Zentralasien im Vergleich mehr Salz konsumiert und in Westeuropa fehlen häufig Obst und Gemüse in der täglichen Kost. Die neuen Daten belegen:

»Rauchen hat 2016 eine Million Todesfälle in der WHO-Region Europa verursacht und rangiert als führender Gesundheitsrisikofaktor bei Männern in West- und Zentraleuropa.

»Alkohol- und Drogenkonsum ist der führende Risikofaktor in Osteuropa und bei Männern für jedes vierte verlorene Lebensjahr verantwortlich.

Darüber hinaus wenden sich Männer seltener an Ärzte. Auch werden bei ihnen emotionale Probleme und Depressionen oft nicht erkannt, weil sie die Symptome nicht ernst nehmen. So führen psychische Probleme bei 30- bis 49-jährigen Männern zu fünf Mal höheren Suizidraten als bei gleichaltrigen Frauen.

Gleichberechtigung fördern!

Wohlstand, Bildung, Beschäftigung, soziale Teilhabe sowie Lebensumstände wie Ruhestand sind nach dem Bericht die Schlüsselfaktoren für gute Männer-Gesundheit.

Leben in einer für Männer und Frauen gleichberechtigten Gesellschaft beugt vielen Risiken vor, und ist bei Männern verbunden mit einer höheren Lebenserwartung, mehr Wohlergehen, halbiertem Depressionsrisiko, sicherer Sexualität, geringen Selbstmordraten und einem um 40 Prozent reduzierten Risiko für gewaltsamen Tod.

Die Förderung von Gleichberechtigung ist daher der beste Weg für eine bessere Männergesundheit, betont die WHO. Dazu gehören mehr Teilhabe an der Versorgung in Familien, Prävention von Gewalt gegen Frauen und eine gemeinsame Verantwortung von Männer und Frauen für die Fortpflanzung.

Bei der Tagung in Rom wird dazu eine Strategie für eine bessere Männergesundheit diskutiert, die im Dialog mit Ländern, Experten, Partnerorganisationen und der Zivilgesellschaft entwickelt worden ist.

Dazu gehört ein Maßnahmenbündel mit dem Regierungen zum Beispiel Gleichberechtigung der Geschlechter fördern, Gewaltprävention optimieren und die Beteiligung von Männern an der Fortpflanzungs-Verantwortung begünstigen können.

Gesundheitssysteme müssen zudem für Jungen und Männer besser erreichbar sein. Ein besseres Verständnis für spezifische Männergesundheit, geschlechtsspezifische Ansprache und eine auf Männer abgestimmte Gesundheitsförderung sind ebenso Teil der Strategie.

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