Ärzte Zeitung online, 15.06.2019

Arndt Striegler bloggt

Höhere Kindersterblichkeit – ein Symptom für den darbenden NHS

Inmitten der Brexit-Wirren kommt die Nachricht auf, dass die Kindersterblichkeit im Königreich gestiegen ist. Vielleicht nur ein statistischer Ausreißer? Auf jeden Fall ein weiteres Indiz für den Abwärtstrend, der den NHS erfasst hat, meint Arndt Striegler.

Von Arndt Striegler

LONDON. Der Brexit-Wahnsinn geht in die nächste Runde. Dazu gleich mehr.

Zunächst möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf eine andere Neuigkeit aus dem Vereinigten Königreich aufmerksam machen, die nicht nur Pädiater und Hausärzte traurig stimmen dürfte: In England und Wales steigt seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 die Kindersterblichkeit.

Wie aus neuen Zahlen des Office for National Statistics (ONS) hervor geht, gab es 2016 in England und Wales insgesamt 2651 Todesfälle bei Unter-Einjährigen. 2015 waren es noch 2578 Todesfälle (zum Vergleich 1986: 6313 Todesfälle.) Damit ist die Mortalität bei Kleinkindern erstmals seit vielen Jahren wieder gestiegen, von 3,7 Prozent pro 1000 Lebendgeburten (2015) auf 3,8 Todesfälle (2016).

Diese Zahlen irritieren nicht nur Kinderärzte im Königreich, sondern haben auch bei Gesundheitspolitikern aller Parteien Alarm ausgelöst. Immerhin dreht ein seit Jahrzehnten stetig positiver Trend ins negative.

Kausale Verbindung? Eher nicht

„2016 haben wir eine kleine Steigerung der Mortalität bei Kindern in England und Wales im Vergleich zu 2015 beobachtet, aber die Rate bleibt historisch gesehen auf relativ niedrigem Niveau“, sagt ein Sprecher des ONS. „Die Kindersterblichkeit ist seit den 90er Jahren stetig gesunken – bis 2015. Seitdem steigt sie wieder.“

Es ist fraglich, ob es hier eine kausale Verbindung zum Brexit gibt, vermutlich eher nicht. Doch die seit 2016 steigende Kindersterblichkeit in England und Wales (Schottland und Nord-Irland haben ihre eigenen Statistiken) zeigt, dass sich die Gesundheitsversorgung im Königreich seit Jahren schrittweise verschlechtert hat.

Und der Brexit – das sagen mir Ärzte und Krankenschwestern und -pfleger, mit denen ich bei regelmäßigen Arzt- und Klinikbesuchen in London spreche, ist ein entscheidender Faktor bei dieser Verschlechterung!

Um es einfach auszudrücken: Großbritannien und der staatliche britische Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) sind seit dem Brexit-Votum deutlich unattraktiver für ausländische Ärztinnen und Ärzte und weiteres Gesundheitspersonal geworden. Wobei der NHS seit Jahrzehnten auf qualifiziertes Personal aus dem Ausland angewiesen ist.

Wartezimmer sind voller denn je

Die Wartezeiten, um eine fachärztliche Konsultation zu erhalten, werden länger und länger. Die Wartezimmer in den NHS-Hausarztpraxen sind voller denn je und das, obwohl sie zu dieser sommerlichen Jahreszeit gewöhnlich weniger gut besucht sein sollten.

Und befreundete Klinikärzte berichten mir regelmäßig beim Pub-Besuch, wie schwer es inzwischen geworden sei, qualifiziertes Klinikpersonal aus dem Ausland für eine Arbeit in staatlichen britischen Krankenhäusern zu gewinnen.

Ich lebe seit 33 Jahren hier, bin seit 33 Jahren Patient des NHS und muss berichten, dass es solche Klagen vor dem Brexit-Referendum deutlich seltener gab. Und hier wage ich es, eine Kausalität zur Entscheidung, die EU verlassen, herzustellen.

Großbritannien wird am 31. Oktober 2019 die EU verlassen. Der ursprünglich für Ende März 2019 geplante Austritt wurde bekanntlich in letzter Minute verschoben, nachdem sich das Unterhaus nicht auf ein Ausstiegsabkommen mit Brüssel einigen konnte. Ich erinnere mich noch genau an die damaligen Worte Donald Tusks, der die Briten Ende März mahnte, diese Extra-Zeit nicht zu vergeuden.

Grabenkämpfe kosten viel Zeit

Doch genau dies geschieht nun erneut. Anstatt sich im Parlament zusammen zu raufen, um sich zunächst auf die Details des Ausstiegs zu einigen, verzettelt sich das politische System in partei-internen Grabenkämpfen, wer der nächste Premierminister werden soll. Das wird sich bis Ende Juli hinziehen. Dann folgt die Sommerpause des Parlaments.

Und dann wird es September sein, bis sich die britischen Politiker wieder ernsthaft mit dem Thema Brexit befassen können. Ich finde das unfassbar und schockierend – und bin mit dieser Meinung nicht alleine.

Um einen befreundeten Klinikarzt zu zitieren: „Was wir in Sachen Brexit gerade erleben, ist so, wie als wenn der Kapitän der „Titanic“ mit seinem Ersten Offizier darüber streitet, ob die Liegestühle an Deck nun rechts oder links stehen sollen, während das Schiff sinkt.“

Wir wissen, wie das im Fall der „Titanic“ ausging.

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