Ärzte Zeitung online, 10.09.2019

Berechnungen

Gesundheitswesen klimaschädlicher als Flugverkehr

Eine Nichtregierungsorganisation will erstmals den ökologischen Fußabdruck des weltweiten Gesundheitswesens berechnet haben. Und gibt Empfehlungen, wie der Sektor bis 2050 klimaneutral werden könne.

Von Matthias Wallenfels

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Der ökologische Fußabdruck der Gesundheitsbranche scheint größer als oftmals angenommen.

© Carolina K Smith MD / stock.adobe.com

BRÜSSEL. Nach Berechnungen der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Health Care Without Harm“ (HCWH) trägt das weltweite Gesundheitswesen mit 4,4 Prozent der globalen Schadstoffemissionen mehr zum Klimawandel bei als der weltweite Flugverkehr (drei Prozent) oder die Schifffahrt (zwei Prozent).

In Zahlen heiße das: Weltweit entsprechen die Emissionen des Gesundheitswesens zwei Gigatonnen CO2 und somit dem jährlichen Treibhausgasausstoß von 514 Kohlekraftwerken.

Wie die NGO behauptet, habe sie als Erste den globalen Klima-Fußabdruck des Gesundheitswesens berechnet. In diese Bilanz des globalen ökologischen Healthcare-Fußabdruckes flossen demnach die direkten und indirekten Treibhausgasemissionen der jeweiligen nationalen Gesundheitssektoren ein.

Das beinhalte zum Beispiel Kohlenstoffemissionen bei Krankenfahrten genauso wie zum Beispiel die Herstellung von Medizinprodukten. Denn nach HCWH-Lesart trägt das Gesundheitswesen zu den Treibhausgasemissionen durch Energieverbrauch, Transport, Produktherstellung und -gebrauch sowie Entsorgung bei.

Pariser Abkommen im Blick

HCWH mahnt zum stringenten und konsequenten Handeln, wollten die 195 Signatarstaaten der Pariser Klimarahmenkonvention vom Dezember 2015 das Ziel umsetzen, die Erderwärmung langfristig bei 1,5 Grad zu halten. Langfristig sollten dafür nicht mehr Treibhausgase wie CO2 ausgestoßen werden, als gleichzeitig zum Beispiel von Wäldern wieder aufgenommen werden können.

Die NGO wähnt sich bei ihrem Ansinnen in der Gunst von WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus.

„Die Orte, an denen Menschen geheilt werden, sollten mit gutem Vorbild vorangehen und die Belastung nicht weiter vorantreiben“, wird dieser in einer HCWH-Pressemitteilung zitiert – und gibt in ihrem Bericht Empfehlungen, wie der Gesundheitssektor bis 2050 klimaneutral werden kann.

Im ersten Schritt sollte der ökologische Fußabdruck des Gesundheitswesens an Emissionsschwere verlieren. Das sei zum Beispiel durch den Bau klimaneutraler Krankenhäuser möglich. Die Nutzung klimaneutralen Stroms im Gesundheitsbereich wird ebenfalls empfohlen.

An zweiter Stelle müsse das jeweilige Gesundheitswesen den gesellschaftlichen Übergang zu sauberer, erneuerbarer Energie unterstützen, heißt es weiter.

Im dritten Schritt stehe die gegenseitige Unterstützung der Länder bei der Erreichung der Klimaresilienz des Healthcare-Sektors an.

Auf dem Weg zur globalen klimafreundlichen Gesundheit mahnt HCWH auch multilaterale Finanzierungsinstitutionen wie Entwicklungsbanken und Stiftungen an, sieht aber auch die Philanthropen-Vereinigungen in der Pflicht, sich für den klimafreundlichen Gesundheits-Fußabdruck zu engagieren.

Versorgungstrategien im Blick

Im fünften Schritt setzt die NGO auf politisch – von Regierungs- und Parlamentsseite – initiierte nationale Strategien für eine klimafreundliche Gesundheitsversorgung.

Last, but not least solle das noch recht junge wissenschaftliche Forschungsfeld der Zusammenhänge zwischen der Gesundheitsversorgung und dem Klimawandel forciert werden, mahnen die Aktivisten an.

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