Ärzte Zeitung online, 04.12.2017
 

Arndt Striegler bloggt

Britannien alleine zu Haus – Fachkräfte, wo seid ihr?

Dass der Brexit volkswirtschaftliche Verwerfungen produziert, ist keine fixe Idee naiver Europa-Freunde auf der Insel. Die OECD attestierte Großbritanniens Wirtschaft, sie gehe sehenden Auges einem Fachkräftemangel entgegen.

Von Arndt Striegler

Britannien alleine zu Haus – Fachkräfte, wo seid ihr?

Korrespondent Arndt Striegler berichtet schon seit fast 20 Jahren für die "Ärzte Zeitung" aus London.

© privat

LONDON. Die Brexit-Uhr tickt und noch immer ist unklar, wie der Ausstieg der Briten aus der EU das Leben, die Wirtschaft und die Politik in Europa verändern wird.

Zu vage ist bisher das, was die Londoner Regierung auf den Brüsseler Verhandlungstisch gelegt hat. Aber in diesen unsicheren Zeiten gibt es zumindest eine gute Nachrichtaus London: die Europäische Arzneimittel Agentur (European Medicines Agency, EMA) wird nicht zu den Brexit-Opfern gehören. Die Agentur wird von London nach Amsterdam umziehen, um von dort aus ihre Aufgaben bei der europäischen Arzneimittelzulassung weiter zu verfolgen.

Kein Wunder, dass man in allen EU-Ländern Erleichterung verspürt, und zwar nicht nur in den Chefetagen der großen Pharmaunternehmen. Viel hängt davon ab, dass die Zulassung neuer und innovativer Medikamente auch nach dem Brexit in ganz Europa gewährleistet bleibt. Dass dagegen in London Katerstimmung herrscht, überrascht nicht. Schließlich bedeutet der Wegzug wichtiger europäischer Institutionen wie der EMA oder der Europäischen Bankenaufsicht (sie zieht nach Paris) für die britische Hauptstadt einen Schlag ins Kontor. Vom verlorenen Prestige ganz zu schweigen.

EMA – und weg ist sie!

Rund 36.000 Besucher jährlich und rund 30.000 Hotelübernachtungen zog EMA bisher jährlich in die britische Hauptstadt. Von hunderten EMA-Mitarbeitern und deren Familien und Angehörigen, die dort leben und Geld ausgeben, nicht erst zu reden. Zudem trug die Agentur dazu bei, dass hoch qualifizierte Fachleute aus den der EMA zuarbeitenden Wirtschafts- und Forschungsabteilungen nach London kamen. Aus! Vorbei! Diese Leute, nach denen sich jedes Land die Finger leckt, werden künftig an die Amstel reisen.

Wie passend, dass in der Woche, in der der EMA-Wegzug bekannt gegeben wurde, die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) eine neue Studie zum Fachkräftemangel in Großbritannien vorlegt ("Getting Skills Right: Challenges and recommendations for the United Kingdom"). Dass der Brexit enorme Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Großbritannien haben wird, liegt auf der Hand. In Krankenhäusern des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) und in den staatlichen Primärarztpraxen ist das bereits heute zu spüren. Qualifiziertes Pflegepersonal sucht das Weite, weil die Zukunft in einem Land, in der die Regierungschefin eindeutig nicht länger das Sagen hat, zu ungewiss ist. Denn qualifiziertes Pflegepersonal wird auch in anderen EU-Ländern gebraucht wird.

Reallöhne sind gesunken

Obendrein sinken in Britannien seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 die Reallöhne. Gerade sind Statistiken veröffentlicht worden, denen zufolge ein durchschnittlicher Arbeitnehmer im Königreich "dank" Brexit bereits heute pro Jahr Lohn oder Gehalt für eine Woche weniger in der Tasche hat. Viele Ärzte zwischen London und Liverpool, die vom Festland stammen, stellen sich die Frage, wo sie nach dem Brexit arbeiten werden.

Genau in diese Kerbe schlägt die OECD mit ihrer Analyse. "Der Fachkräftemangel in Großbritannien könnte sich nach dem Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union noch verstärken", heißt es darin. Eine Änderung der Einwanderungspolitik nach dem Brexit werde den Zugang von benötigten Fachkräften aus Europa reduzieren und den Fachkräftemangel weiter verstärken, so die Experten.

Happy End ist nicht garantiert

Zumal die Arbeitslosenquote in Großbritannien derzeit bei 4,3 Prozent liegt. So niedrig war sie zuletzt 1975. Wenn dann noch quasi die Grenzen dichtgemacht werden – woher sollen die benötigten Fachkräfte kommen, die das Gesundheitswesen so dringend braucht?

Als ich diese und andere Fragen kürzlich einem Pressesprecher am Regierungssitz in der Downing Street stellte, gab es bestenfalls ausweichende Antworten. Überzeugt davon, dass der Brexit-Poker für Britannien ein Happy End nehmen wird, hat mich das Gespräch jedenfalls nicht.

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