Ärzte Zeitung online, 16.02.2018

Voller Sorgen

Brexit-Verhandlungen machen Ärzte und Pharmafirmen ratlos

Für EU-Ausländer, die in Großbritannien leben, und für viele Unternehmen wird der Brexit massive Folgen haben. Langsam, aber sicher wachsen die Zweifel der Betroffenen, ob die Politiker wirklich wissen, was sie zu tun haben.

Von Arndt Striegler

Brexit-Verhandlungen machen Ärzte und Pharmafirmen ratlos

Ginge es beim Brexit nicht um so viel, sowohl für die EU als auch für Großbritannien – man könnte das seit Monaten dauernde Hin und Her zwischen Brüssel und London leicht als eine Art Schwank aus dem Hamburger Ohnsorg Theater abtun.

So auch vergangene Woche: EU-Chefunterhändler Michel Barnier warnte die Briten öffentlich davor, krumme Dinger während der anvisierten zweijährigen Übergangsphase nach dem EU-Austritt im März 2019 zu drehen. Und Londons Chef-Unterhändler in Brüssel, David Davis, entrüstete sich prompt, das seien ja nun "wirklich keine netten Worten und Gesten".

Was zwar einerseits stimmt. Anderseits aber vermutlich viel mit der (traurigen) Tatsache zu tun hat, dass London nach wie vor nicht klipp und klar sagt, wie man sich die Post-Brexit-Beziehung zur Europäischen Union vorstellt.

Anstatt also klare Vorschläge bei den derzeit wieder laufenden Verhandlungen in Brüssel auf den Verhandlungstisch zu legen, kündigte die britische Premierministerin Theresa May mehr Reden und mehr interne Kabinettsberatungen an. Die sind zwar wichtig, denn in Mays Kabinett geht's seit Monaten drunter und drüber.

Brexit-Gegner bekriegen sich mittels Interviews und Zeitungsartikeln mit Brexit-Fans wie dem exzentrischen Außenminister Boris Johnson. Was die Sache freilich weder für Brüssel noch für die Europäische Union leichter macht. Und auch die britische Pharmaindustrie ist – um eine vertraute Redewendung der Queen zu bemühen – not amused.

Pharmabranche enorm wichtig fürs Königreich

Wie nervös man in der britischen und wohl auch in der europäischen Arzneimittelbranche inzwischen ist, zeigen jüngste Äußerungen der Glaxo-Chefin Emma Walmsley. Frau Walmsley, eine in Großbritannien hoch angesehene Unternehmerin und Persönlichkeit, mahnte Downing Street jetzt öffentlich, "endlich Klarheit" zu schaffen und möglichst rasch einen Deal mit Brüssel auszuhandeln, wie die zweijährige Übergangsphase nach März 2019 aussehen soll.

"Das Aller-Aller-Wichtigste ist, dass wir einen Übergangs-Deal für mindestens zwei Jahre aushandeln der im März 2019 beginnt und der spätestens im April 2018 fertig sein muss!" Andernfalls drohten in der britischen Pharmabranche massive Probleme.

Die Pharmabranche gehört in Großbritannien zu den wichtigsten, weil exportorientierten Wirtschaftszweigen. Jährlich erzielen in Großbritannien ansässige Arzneimittelhersteller Rekord-Exportüberschüsse und helfen so, die miese britische Außenhandelsbilanz zumindest etwas aufzuhübschen ...

"April 2018" als Stichmonat, um einen Deal auszuhandeln. Das ist in zwei Monaten! Zwei Monate, um der Industrie hier in Großbritannien und auf der anderen Seite des Ärmelkanals Planungssicherheit zu geben.

Keine Investitionen bis Klarheit herrscht

Bereits heute gibt es Indizien, dass viele Firmen mit neuen Investitionen warten, bis klarer ist, was Brexit genau für sie bedeuten wird. Und nach wie vor spukt im Hintergrund das Horror-Szenario eines "No-Deal-Brexit", der katastrophale Folgen für beide Seiten haben würde.

Nun sollte man meinen, wenn eine angesehene Unternehmerin wie Glaxos Emma Walmsley, deren Unternehmen weltweit mehr als 100 000 Menschen beschäftigt, öffentlich zur Eile mahnt, dass dies bei Theresa May und ihren Ministern Gehör findet.

Zumal es hier eben nicht nur um ein großes Unternehmen geht, sondern auch um allgemein-wichtige Fragen wie die zukünftige Zulassung und Überwachung von Arzneimitteln etc. Doch während die Industrie zusehends verzweifelter nach möglichst raschen Lösungen im Hinblick auf gegenseitige Anerkennungen von Zulassungen und Reglementierungen lechzt, ist man in London weiterhin vornehmlich damit beschäftigt, untereinander zu streiten.

Wie gesagt: Wenn die Sache nicht so wichtig wäre, könnte man meinen, einem Schwank im Theater mit beizuwohnen ...

Viele finden die Situation belastend

Nicht nur die Arzneimittelbranche hier in Großbritannien ist nervös angesichts des mangelnden Fortschritts im Brexit-Poker. Auch im staatlichen britischen Gesundheitswesen (National Health Service, NHS) sorgt man sich angesichts der großen Unsicherheit, wie die Zukunft außerhalb der EU aussehen wird.

Das merke ich derzeit fast täglich, wenn ich mit im NHS praktizierenden Ärzten oder auch Krankenschwestern und -pflegern rede. "Ich finde diese Situation persönlich sehr belastend, denn ich habe das Gefühl, dass meine Zukunft völlig in den Sternen steht", so eine spanische 28-jährige Krankenschwester im Londoner St. Thomas Hospital, die mir vergangene Woche eine Blutprobe abnahm. "Das ist ein mulmiges Gefühl."

Elena ist nicht allein mit diesem mulmigen Gefühl. Erst vor wenigen Tagen wurden in London neue Zahlen veröffentlicht, die zeigen wie stark britische Krankenhäuser und Arztpraxen ebenso wie ambulante Versorgungseinrichtungen auf qualifizierte Fachkräfte aus der Europäischen Union angewiesen sind. Mehr als 13.000 der über eine Million NHS-Bediensteten kommen derzeit aus Irland; 9000 aus Polen; 14.000 aus Spanien und Portugal, 2400 aus Deutschland. Und so weiter.

Seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 verlassen regelmäßig mehr qualifizierte EU-Fachkräfte die Insel als neue hinzukommen. Dementsprechend groß ist bereits heute der Personalmangel. Was sich wiederum in teilweise chaotischen Zuständen vor allem in den staatlichen Kliniken widerspiegelt.

Bleibt zu hoffen, dass Wirtschafts-Größen wie Glaxos Emma Walmsley ihren Einfluss in der britischen Brexit-Politik nutzen, damit jetzt möglichst schnell konkrete Verhandlungsergebnisse erzielt werden. Wie schon gesagt: die Zeit drängt. Übrigens: Frau Walmsley kennt Premierministerin Theresa May persönlich. Was mich hoffen lässt ...

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