Ärzte Zeitung, 07.09.2018

Britische Hausärzte schlagen Alarm

Schmerzgrenze ist erreicht!

Der britische Nationale Gesundheitsdienst knappst offenbar bei den Kosten für Schmerzmittel. Ärzte beklagen sich in offenen Briefen über die Versorgungssituation.

Von Arndt Striegler

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Der staatliche britische Gesundheitsdienst NHS muss sparen. © Becky Stares / stock.adobe.com

LONDON. Tausende Schmerzpatienten in Großbritannien leiden, weil staatliche Hausärzte laut Anweisung des Londoner Gesundheitsministeriums nicht länger die meisten der gängigsten Schmerztherapeutika verschreiben dürfen. Das geschieht offenbar aus Kostengründen.

Bislang war es im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) so, dass Patienten, die etwa nach einer Operation länger unter Schmerzen litten, von ihrem Hausarzt Schmerzmittel verordnet bekamen. Diese wurden in der Regel auf Kosten des NHS verordnet.

Besonders beliebt waren bei den Hausärzten nach Angaben des britischen Hausarztverbandes (Royal College of General Practitioners, RCGP) schmerzlindernde Pflaster, die lokal angewendet werden können.

Angespannte Haushaltslage

Nach Angaben des Londoner Gesundheitsministeriums kostete das den Gesundheitsdienst "jährlich 20 Millionen Pfund" (rund 22 Millionen Euro).

Doch nicht zuletzt aufgrund des Brexit und der seit Jahren andauernden Sparmaßnahmen der Regierung in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens ist die Haushaltslage angespannt.

Was nach Angaben des RCGP dazu geführt hat, dass Schmerzpflaster und andere Mittel vielerorts nicht länger auf Kosten des NHS verordnet werden dürfen.

Die Versorgungslage ist offenbar inzwischen so kritisch, dass kürzlich 114 britische Fachärzte in einem offenen Brief an die Tageszeitung "The Times" die "sehr beklagenswerte Situation" publik machten.

"Unsere Patienten leiden unnötig unter teils starken Schmerzen, weil Hausärzte aus Kostengründen nicht mehr angemessen verordnen dürfen", hieß es.

Öffentliche Briefe von Ärzten sind selten

Derartige öffentliche Briefe von praktizierenden Ärzten sind selten und sie deuten nach Einschätzung von Beobachtern auf eine sich zuspitzende Versorgungskrise in den staatlichen Kliniken hin. Der Brief sorgt landesweit für Schlagzeilen und heftige Diskussionen.

Ein Sprecher des Londoner Gesundheitsministeriums bestritt auf Anfrage der "Ärzte Zeitung", dass die Regierung den staatlichen Hausärzten die Verordnung zahlreicher Schmerzmittel aus Kostengründen verboten habe. Es gehe lediglich darum, bestimmte Therapeutika "angemessener" und "therapeutisch sinnvoller" einzusetzen.

Patientenverbände laufen Sturm und verlangen Gespräche mit den Verantwortlichen im Gesundheitsministerium.

Britische Ärzteverbände haben in jüngster Zeit immer wieder auf teils massive Eingriffe in die Therapiehoheit von Haus- und Fachärzten berichtet. Fast immer scheint dies aus Kostengründen zu geschehen.

Zusätzlich unter Druck gerät der NHS durch die Ungewissheit, ob es zu einem Brexit ohne Vertrag mit der EU kommt.

In einem Brief, der an Medien durchgestochen wurde, warnte ein hochrangiger NHS-Funktionär vor Versorgungsproblemen mit Medikamenten im Fall eines "harten" Brexit.

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