Ärzte Zeitung online, 16.10.2018

Arndt Striegler bloggt

Das Brexit-Brimborium

Unser Londoner Blogger Arndt Striegler hat alle Tests bestanden und ist nun auch britischer Staatsbürger. Doch auch als Passinhaber ist er sich sicher: Die Briten werden nach dem EU-Ausstieg nicht besser dastehen als vorher.

Von Arndt Striegler

Das Brexit-Brimborium

Die EU und Großbritannien kämpfen mit harten Bandagen um ihren jeweiligen Fortschritt bei den Brexit-Verhandlungen.

© Ezio Gutzemberg / stock.adobe.com

LONDON. Ein Wechselbad der Gefühle – so lässt sich die derzeitige Stimmung in Sachen Brexit in Großbritannien beschreiben. Montags warnt die britische Premierministerin mit erhobenem Zeigefinger, der in Richtung Brüssel gerichtet ist, vor den Gefahren eines No-Deal-Brexit. Um dann gleich im nächsten Satz einen drauf zu legen mit der Drohung, sie werde nicht davor zurückschrecken, die (zählen) Verhandlungen abzubrechen, sollte die EU nicht schleunigst mehr Flexibilität und Rücksichtnahme auf britische Befindlichkeiten an den Tag legen.

Dienstags dann frohe Kunde aus Brüssel und Dublin. Die irische Regierung lässt wissen, man könne sich durchaus eine gütliche Einigung bei der äußerst kniffligen Grenzfrage zwischen Nord-Irland (gehört zu Großbritannien) und der Republik Irland vorstellen. Hört sich erst einmal gut an, zumal die nach wie vor ungelöste Irland-Frage eines der (vielen) Großhindernisse auf dem Weg zu einer gütlichen Brexit-Einigung ist.

Mittwoch und Donnerstag verdichten sich dann die Anzeichen, der ganze Brexit-Spuk könnte doch noch ein Happy End haben – bloß um dann am Freitag gleich wieder zunichtegemacht zu werden: "Die Einwanderung von wenig oder gar nicht qualifizierten Arbeitskräften aus der EU nach Großbritannien hat uns kaum oder gar keine wirtschaftlichen Vorteile gebracht", posaunt der von der Londoner Regierung bestellte Immigration Zsar (Einwanderungs-Zar), Professor Alan Manning. Also doch Brexit hard?

Einwanderungs-Zar – was ist das?

Von der doch eher befremdlich klingenden Berufsbezeichnung des "Einwanderungs-Zars" mal abgesehen: Wirklich? Manning, der dem Migrations-Ausschuss der Regierung vorsitzt, rechnete vor, dass die Einwanderung vornehmlich von osteuropäischen Arbeitskräften seit 2004 dem Königreich wirtschaftlich nichts gebracht habe.

Vielmehr würden die seit nun fast 15 Jahren nach Großbritannien strömenden Polen, Bulgaren, Rumänen und andere EU-Bürger den britischen Steuerzahler mehr an Gesundheits- und Sozialleistungen kosten, als sie an Steuern ins Land brächten. Auch hier ein gedehntes "Hmm" von mir.

Hatte nicht vor nicht allzu langer Zeit die weltweit angesehene London School of Economics vorgerechnet, dass EU-Einwanderung unterm Strich gut ist für das Königreich? Dass EU-Einwanderer – egal ob Erdbeer-Pflücker, Krankenpfleger oder Chefarzt – unterm Strich mehr Geld ins Land bringen, als sie kosten?

Gerade im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) würden sofort die Lichter in den OP-Sälen und auf den Stationen ausgehen, gäbe es nicht eine Heerschar von qualifizierten Krankenschwestern und -pflegern, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen aus der EU?

Ich kann mich als NHS-Patient nicht daran erinnern, in den vergangenen zehn Jahren auch nur einmal in einem staatlichen Krankenhaus nicht auch von einer osteuropäischen Pflegekraft mitbetreut worden zu sein.

Brexit – man bedenke das Ende

Kein Wunder, dass Krankenhausmanager landauf landab sehr besorgt in die Zukunft blicken. Wenn Großbritannien am 29. März kommenden Jahres wie geplant die EU verlassen wird, ist unklar, wie es weitergehen soll. Ich habe in den vergangenen zweieinhalb Jahren seit dem Brexit-Referendum jedenfalls den Eindruck gewonnen: Die Briten haben da was gestartet, ohne sich vorher allzu viele Gedanken darüber zu machen, was nach dem EU-Ausstieg geschehen soll.

Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass dieses Land sowohl wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch nach dem EU-Aus schlechter dastehen wird als vorher. Das freilich möchten die wenigsten meiner Landsleute hören.

Ich schreibe bewusst "Landsleute". Denn ich bin seit dem vergangenen Mittwoch nach langen Monaten des Bangens, des Formulare-Ausfüllens, des Lernens für den British Knowledge Test und des Zweifelns offiziell britischer Staatsbürger!

In meinem örtlichen Rathaus im Süd-Londoner Stadtteil Lambeth durfte ich zunächst einen Eid auf die Queen schwören, um dann wenig später vom Ortsbürgermeister feierlich meine Einbürgerungs-Urkunde in Empfang zu nehmen. Damit habe ich Bleibe-Sicherheit egal, wie die Verhandlungen letztendlich ausgehen werden. Genau darum ging es mir. Und ja, als ich die Urkunde in die Hand gedrückt bekam, hatte ich feuchte Augen.

Deutscher und Brite – erleichtert

Wie fühlt sich das an, plötzlich außer Deutscher auch Brite zu sein? Ziemlich erleichtert, würde ich meine derzeitige Gemütslage beschreiben. Erleichtert deshalb, weil ich dank des britischen Passes nun selbst bestimmen kann, was ich in einem ehemaligen EU-Land wie dies Großbritannien bald sein wird, unternehme.

Erleichtert, weil damit meine in mehr als 30 Jahren Großbritannien erworbenen Ansprüche auf Gesundheits- und Sozialleistungen gesichert sind.

Erleichtert auch, weil dies der vorläufige Schlussstrich unter zweieinhalb Jahre großer persönlicher Unsicherheiten ist. Werde ich bleiben? Ja! London ist noch immer eine tolle, weltoffene Stadt,die mehrheitlich gegen Brexit votierte. Und davon mal ganz abgesehen, macht mir mein Job als Londoner Korrespondent viel zu viel Freude, um jetzt die Flinte ins Korn zu werfen.

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