Ärzte Zeitung, 18.09.2015

Flüchtlinge

Ärztliche Hilfe aus den eigenen Reihen

Unter den Flüchtlingen, die in diesen Tagen in Deutschland ankommen, sind auch zahlreiche Ärzte. Die hiesige Versorgung könnte davon profitieren - sofern die Integration gelingt.

Von Jana Kötter

Ärztliche Hilfe aus den eigenen Reihen

Der pakistanische Flüchtling Muhamad wird untersucht - der Arzt erhält dabeiUnterstützung von einem weiteren Flüchtling, der dolmetscht.

© Marijan Murat/dpa

NEU-ISENBURG. Reyadh Aun arbeitete seit 30 Jahren als Gefäßchirurg in seiner Heimat Homs, als er fliehen musste.

Die Flucht aus Syrien bedeutete für den Mediziner nicht nur persönliches Leid, sondern - zunächst einmal - auch die Aufgabe seines Berufs. Denn trotz seiner fachlichen Qualifikation fehlte es Aun an den nötigen Deutschkenntnissen, um weiterhin als Arzt tätig sein zu können.

Aun ist mit seinem Schicksal nicht allein: Trotz der jüngst eingeführten Kontrollen an Deutschlands Grenzen kommen weiterhin Tausende Flüchtlinge an.

Viele von ihnen sind hochqualifiziert und könnten auch in der medizinischen Versorgung anderer Landsleute, die aus dem Nahen Osten fliehen mussten, helfen.

Vor allem im Süden Deutschlands ist die Lage dringlich: 1600 Flüchtlinge waren allein am Mittwoch am Münchner Hauptbahnhof angekommen.

An der deutsch-österreichischen Grenze sind am Donnerstag weitere Notunterkünfte für Flüchtlinge eingerichtet worden. Seitdem die Zugverbindung von Salzburg nach Deutschland zwischenzeitlich eingestellt wurde, kommen Hunderte Flüchtlinge zu Fuß über die Grenze - zum Teil schwer traumatisiert und vom langen Fußmarsch gezeichnet.

Das Problem der ankommenden Ströme - und damit auch der medizinischen Versorgung - wird damit von Tag zu Tag dringender.

Sprachkurse für Mediziner

Das Förderprogramm "Medici in Posterum - Ärzte für die Zukunft" ist an jene adressiert, die helfen könnten, die Situation zu entschärfen: Ärzte mit Migrationshintergrund, die zwar schon ein wenig Deutsch sprechen, denen aber medizinisches Fachvokabular und wichtige Worte für den Praxisalltag fehlen.

So wie Reyadh Aun: Der Gefäßchirurg ist einer von aktuell elf Teilnehmern des EU-geförderten Sprachkurses "Berufsbezogenes Deutsch für Ärztinnen und Ärzte".

Ursprünglich war das Weiterbildungsangebot für Mediziner aus Osteuropa vorgesehen. Schnell verschob sich der Fokus seit dem Start des Projekts im Februar aber auf andere Asylbewerber: "Die Teilnehmer stammen überwiegend aus dem Nahen Osten, vor allem aus Syrien und dem Irak", erläutert Projektmanager Elmar Kretschmer. "Der Zuspruch wird immer größer, für den nächsten Kurs werden 30 Teilnehmer erwartet."

Das Seminar findet berufsbegleitend statt und gibt den Beteiligten so Raum, nebenher in Krankenhäusern und Arztpraxen zu arbeiten - auch bei der Vermittlung hilft "Ärzte für die Zukunft".

Nach erfolgreich bestandener Prüfung vergibt die Ärztekammer in Rheinland-Pfalz ein Zertifikat, mit dem den zukünftigen Ärzten ihre Approbation durch das Landesamt erteilt wird.

"Nach der Qualifizierung begleiten wir die Migranten weiter und versuchen sie auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln", so Kretschmer.

Auch für Deutschland bringe das Chancen mit sich: So könnte medizinisches Personal aus den Flüchtlingsströmen langfristig helfen, Lücken auf dem Land zu füllen.

"Viele kommen mit falschen Vorstellungen nach Deutschland und müssen dann hier erkennen, dass der Arbeitsmarkt tatsächlich hart umkämpft ist - und dass gerade in Großstädten womöglich gar kein Bedarf ist", sagt Kretschmer im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Sie müssen sich dann notgedrungen von der Vorstellung verabschieden, in der Großstadt tätig zu sein und sich in Richtung Land orientieren. Das bringt Chancen für beide Seiten."

Eine dringende Voraussetzung für Ärzte sei jedoch, dass sie trotz der meist beschwerlichen Flucht die entsprechenden Dokumente dabei hätten, betont Kretschmer. In anderen Berufen, etwa dem Handwerk, könne die Berufsanerkennung zum Teil auch ohne diese erfolgen - doch wenn Flüchtlinge ins Land kommen, die angeben, ein medizinisches Studium absolviert zu haben oder in der Heimat gar als Arzt tätig gewesen zu sein und dies nicht belegen können, stellt das die Behörden vor Probleme.

"Schwankender rechtlicher Grund"

Hier will das Bundesgesundheitsministerium ansetzen: Es plane aktuell eine Regelung, die es ermöglicht, dass Ärzte und Pflegekräfte aus den Flüchtlingsregionen die Gesundheitsversorgung ihrer Landsleute hierzulande unterstützen dürfen, sagte Staatssekretär Lutz Stroppe am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Berlin.

In Lenbach und Gießen seien schon Ärzte und Pflegekräfte in Erstaufnahmeeinrichtungen unterstützend in der Gesundheitsversorgung tätig, berichtete Stroppe, "allerdings auf sehr schwankendem rechtlichen Grund", schränkte er ein.

Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sprach das Thema jüngst bei seinem Besuch einer Flüchtlingseinrichtung an: "Sektoren wie die Pflege sind auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen", sagte er der "Ärzte Zeitung".

"Wir müssen sehen, wie wir die, die dauerhaft hierbleiben wollen, mit Spracherwerb und sehr guter Bildung qualifizieren." Ärzte, die die Sprache von Flüchtlingen sprechen, könnten eine wichtige Hilfe bei der Versorgung von Flüchtlingen sein.

Weitere Maßnahmen, die laut Stroppe aktuell in der Abstimmung mit den Ländern seien, zielen auf Abrechnungsmodalitäten: So soll die psychotherapeutische Versorgung und die Versorgung in Einrichtungen ohne Abrechnungsmöglichkeiten in der Gesetzlichen Krankenversicherung für Flüchtlinge auch nach dem Ablauf der 15-Monats-Frist zu sichern.

Bisher gebe es danach einen Bruch. Das solle geändert werden, kündigte Stroppe an.

Schnelle Lösungen müssen her

Ermöglicht werden soll auch die flächendeckende Einführung der Gesundheitskarte. Bisher haben diese nur wenige Bundesländer; vielerorts mussten Einzelverträge zwischen Kommunen und Kassen geschlossen werden, damit die Versorgung der Flüchtlinge über die Gesundheitskarte laufen kann.

"Hier haben wir die Erfahrung gemacht, dass eine Reihe von Ländern keine Krankenkassen finden", meinte Stroppe. Deshalb plane das Ministerium nun einen Kontrahierungszwang für diesen Bereich.

Das Problem bleibt dabei jedoch die Zeit: Jüngst hatte Nordrhein-Westfalen angekündigt, die Gesundheitskarte für Flüchtlinge einzuführen.

Die ersten Karten werden voraussichtlich jedoch erst im Januar 2016 ausgegeben - die akute Problematik wird folglich nicht entschärft.

Ehrenamtliche Helfer sind in der Versorgung der Flüchtlinge in großen Teilen Deutschlands also auch weiterhin unentbehrlich.

Die Hilfsbereitschaft der deutschen Ärzte ist groß - doch Sprachbarrieren machen vielerorts zu schaffen. Dolmetscher und Ärzte, die selber als Flüchtlinge kamen, könnten helfen, das Problem zu entschärfen - so wie schon bald Reyadh Aun. (mit Informationen von ami)

[18.09.2015, 11:57:34]
Dr. Klaus Günterberg 
Nicht so einfach
In Zusammenhang mit der gegenwärtigen Zuwanderungswelle und mit dem Fachkräftemangel in unserem Land werden ja immer wieder und wieder Facharbeiter. Ingenieure, Akademi-ker und vor allem Ärzte als Beispiel dafür angeführt, wie uns Zuwanderer bereichern.

Da habe ich bei solchen Äußerungen zunächst einmal ein sehr zwiespältiges Gefühl: Wir ziehen den ärmsten Ländern ihre fähigsten Leute ab, vergrößern dort wegen eines vermeintlichen Vorteils für uns den Mangel an Fachkräften und zahlen hinterher diesen Ländern über den Finanzausgleich innerhalb der EU, über die UN, über Spenden und über viele Organisationen umfangreiche Entwicklungshilfen. Ohne ihre fähigsten Köpfe aber können diese Volkswirt-schaften nicht genesen.
Ich weiß natürlich, dass es eine Konkurrenz um diese Leute gibt. Sollten wir diese Fachleute evtl. nicht aufnehmen, dann werden sie aber von Kanada, Australien, Neuseeland, den USA und anderen Ländern mit offenen Armen empfangen.

Aber welche Chancen haben fremde Ärzte in Deutschland? Vorweg gesagt: Ich kenne Ärzte aus Russland, Polen, Rumänien, Iran und Palästina, die hier als Wissenschaftler und als praktizierende Ärzte eine hervorragende Arbeit leisten. Die meisten davon haben allerdings ganz oder teilweise hier studiert und sprechen und schreiben auch perfekt Deutsch.

Welche Hürden, vom Nachweis seines erfolgreichen Hochschulabschlusses und der formalen Berufserlaubnis einmal abgesehen, hat ein frisch zugewanderter Arzt hier, was fordern wir von uns Ärzten, was fordern wir von ihm?

Der Arzt muss unsere Sprache verstehen, sprechen und schreiben - ohne dies keine Diagnose, keine Beratung, kein Rezept, keine Verordnung, keine Bescheinigung, kein Befundbericht und kein Gutachten. Und keine Akzeptanz durch unsere Patienten. Er braucht ausreichende Kenntnisse unserer Medikamente - Irrtümer wären lebensgefährlich. Er muss unsere Heil- und Heilhilfsmittel kennen - ohne dies keine Therapie. Er muss mit der Medizintechnik umgehen können. Für viele ärztliche Tätigkeiten ist die Approbation nicht ausreichend, da bedarf der Arzt der Facharztanerkennung und oft auch noch zusätzlicher Qualifikation mit Prüfung und Genehmigung. Er braucht solide Kenntnisse unseres Gesundheitswesens und des Sozialrechts - ohne dies ist keine Niederlassung möglich. Als Niedergelassener braucht er Kenntnisse unseres Miet-, Arbeits-, Arbeitsschutz- und Versicherungsrechts, er braucht Bankverbindungen und muss wissen, wie unser Kredit- und Finanzwesen funktioniert. Er muss solide Kenntnisse von der Informatik haben - ohne Computer läuft in der Medizin heute nichts mehr. Als Fach- oder Krankenhausarzt hat er eine ständige Fortbildung (cme) nachzuweisen.

Diese Hürden sind nicht einfach zu nehmen. Und es sind diese Kenntnisse auch nicht in wenigen Monaten zu erwerben, das braucht Jahre. Auch dann, wenn der Hochschulabschluss eines fremden Arztes als unserem gleichwertig anerkannt wird, kann dieser Arzt noch lange nicht bei uns selbständig und/oder eigenverantwortlich arbeiten.

Wir sehen am Beispiel des Arztes, wie schwierig berufliche Integration sein kann. Und dass die Vorstellung, man könne zugewanderte Ärzte schnell in Arbeit bringen oder mit ihnen unseren Haus- und Facharztmangel beseitigen oder ihn wenigstens merkbar reduzieren, von der Realität weit entfernt sind.
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