Ärzte Zeitung online, 04.07.2017

Kinder

Psychotherapeuten beklagen Versorgungsdefizite

Zusammen mit der KBV hat die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung ein Konzept zur psychotherapeutischen Versorgung von schwer erreichbaren Kindern und Jugendlichen vorgelegt. Noch fehlen die Krankenkassen als Partner.

Von Angela Misslbeck

Psychotherapeuten beklagen Versorgungsdefizite

Junger Flüchtling sucht Orientierung. Vor allem für begleitete Kinder wird zu wenig getan, kritisiert die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung.

© Roessler / dpa

BERLIN. Bessere Bedingungen für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen fordert die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). Vor allem aufsuchende koordinierte Behandlungskonzepte hält sie für dringend nötig und erfolgversprechend.

"Wir brauchen mehr Handlungsmöglichkeiten, um Kinder da aufzusuchen, wo sie sind", forderte die DPtV-Vorsitzende Barbara Lubisch anlässlich eines Fachsymposiums in Berlin. Vorhandene Konzepte müssten umgesetzt werden, so Lubisch weiter.

Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat die DPtV im Februar ein Konzept zur psychotherapeutischen Versorgung von schwer erreichbaren Kindern und Jugendlichen vorgelegt. Doch zur Umsetzung des integrierten Versorgungskonzeptes fehlen nach wie vor Krankenkassen als Partner.

Defizite bei Flüchtlingskindern

Lubisch fordert, dass das Gesundheitswesen den psychischen Problemen von Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit widmen muss. "Viele Kinder brauchen Versorgung, bevor sie krank werden", sagte die Psychotherapeutin. Das gilt nach ihren Angaben vor allem für Kinder psychisch kranker Eltern, aber auch für Flüchtlingskinder. "Für begleitete Kinder wird viel zu wenig getan", kritisierte Lubisch.

Die Sozialpädagogin Michaela Willhauck-Fojkar wies darauf hin, dass nicht nur eigene Erkrankungen der Eltern, sondern auch die zunehmende Ganztagsbetreuung und volle Berufstätigkeit der Eltern die Behandlungsmöglichkeiten für Kinder in den Praxen der Therapeuten immer mehr einschränken würden. Willhauck-Fojkar forderte, die Möglichkeiten für aufsuchende Behandlungen und für eine koordinierte Behandlung unter Einbeziehung von Tagespflege, Jugendhilfe und Lehrern auszubauen.

Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt, dass solche Modelle auch Kinder und Jugendliche erreichen können, die unter herkömmlichen Bedingungen kaum Zugang zu Psychotherapie erhalten. Die sogenannte Multisystemische Therapie (MST) wendet sich im Kern an problematische Kinder und Jugendliche, die in Gefahr sind, ihren Schul- oder Ausbildungsplatz zu verlieren.

Eine Variation des Modells spricht Kinder und Jugendliche an, deren Eltern ihren Erziehungsaufgaben nicht gerecht werden. Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen zu stärken und die Eltern zur Übernahme ihrer Verantwortung zu bewegen. "MST ist hochwirksam, spart Geld und vermeidet Heimerziehung", sagte der Diplom-Psychologe Marc Schmid aus Basel.

Intensive Therapie

Die intensive Therapie mit drei bis vier Terminen pro Woche findet im häuslichen Umfeld der jungen Patienten statt. Die Therapeuten sind rund um die Uhr per Rufbereitschaft erreichbar. Sie beziehen alle Hilfesysteme ein, übernehmen das Case Management und koordinieren die Hilfen. So verbindet das Konzept Lebenswelt und Psychotherapie. Die Behandlungsdauer ist auf fünf Monate begrenzt – bei der Variation auf neun Monate. Diese Begrenzung soll die Motivation zur Veränderung stärken.

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