Ärzte Zeitung, 13.06.2012

Die jüngste Ärztin von Woldegk

Vier Hausärzte gibt es in Woldegk, die jüngste ist Petra Ehlert, 52. Seit 21 Jahren ist kein jüngerer Kollege dazu gekommen.

Von Dirk Schnack

Wirtschaftlich ist die Praxis eine sichere Bank

Hausärztin Ehlert: "Ein neuer Kollege müsste die ländliche Gegend mögen. Und er muss gerne als Arzt arbeiten."

© Schnack

WOLDEGK. Sie war die letzte Ärztin in der Woldegker Poliklinik, bevor diese geschlossen wurde.

An eine Niederlassung in einem anderen Ort verschwendete die junge Ärztin Petra Ehlert, die gerade ihre Facharztprüfung zur Allgemeinmedizinerin bestanden hatte, im Jahr 1991 keinen Gedanken.

"Das war für mich überhaupt keine Überlegung. Für mich war klar, dass ich mich in Woldegk niederlasse", erinnert sich die Diplom-Medizinerin im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Ehlert war damals, am ersten April 1991, die jüngste niedergelassene Ärztin der Kleinstadt. Das ist sie heute, 21 Jahre später und inzwischen 52 Jahre alt, noch immer.

Jüngere Kollegen sind seitdem nicht dazu gekommen. Dafür haben sich viele andere Dinge für Woldegk und die Ärztin geändert.

100 Patienten an einem Vormittag

Ihre ersten Praxisräume hatte sie noch in der früheren Poliklinik, inzwischen praktiziert die Ärztin in ihrem eigenen kombinierten Wohn- und Praxisgebäude.

War sie anfangs die junge Ärztin, die die erfahrenen Kollegen unterstützen konnte, ist sie heute eine der wenigen Stützen der ambulanten Versorgung.

Ehlert hat es geschafft, ihre Praxis darauf einzustellen - Entlastung aber wäre ihr hoch willkommen. 100 Patienten an einem Vormittag sind keine Besonderheit in ihrer Praxis. Erschwert wird die Situation, weil es viele ältere Patienten in Woldegk gibt.

Praxis Petra Ehlert in Woldegk

Die Chefin: Dipl-Med. Petra Ehlert ist 52. Seit 1991 ist sie in einer Einzelpraxis als Hausärztin niedergelassen.

Das Praxisteam: In der Praxis arbeiten drei Medizinische Fachangestellte (MFA), die der Ärztin viel Bürokratie abnehmen.

Die Kollegen vor Ort: Drei weitere Hausärzte in Woldegk, alle weit älter als Frau Ehlert.

Die Patienten: 1500 Patienten im Quartal, Patienten müssen teilweise wegen Kapazitätsengpässen an Praxen in anderen Orten verwiesen werden.

Diese brauchen mehr Zeit, müssen nicht nur intensiver untersucht werden, sondern benötigen etwa auch länger, um sich an- und auszuziehen.

Ehlert und ihre drei Angestellten bewältigen diesen Ansturm, indem sie die Patienten früh auf die drei Behandlungszimmer aufteilen und dort weitestgehend auf die ärztliche Untersuchung vorbereiten.

Respektvoller Umgang

Wenn Ehlert in das Behandlungszimmer kommt, kann sie sofort mit dem Patientengespräch oder der Untersuchung beginnen.

Für Ehlert ist wichtig, dass sie sich voll und ganz auf ihr Praxisteam verlassen kann. "Bei uns weiß jeder, was er zu tun hat. Ich habe ein Superteam", sagt Ehlert, die zum Beispiel viele bürokratische Aufgaben und die Abrechnung von ihren Mitarbeiterinnen abgenommen bekommt.

Das gegenseitige Vertrauen im Team wirkt sich auf das Klima in der Praxis aus - die Patienten spüren, dass sie trotz des Andrangs nicht als lästig empfunden, sondern mit ihren Beschwerden ernst genommen werden. Dies erhält die Hausärztin auch in Patientenbefragungen bestätigt.

Überhaupt ist das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten in Woldegk trotz eines auch hier steigenden Anspruchsverhaltens noch von einer sehr respektvollen Haltung geprägt.

"Die Patienten halten sich an das, was der Arzt ihnen rät und sie sind sehr dankbar", beschreibt Ehlert diese Haltung.

Wirtschaftlich eine sichere Bank

Eigentlich könnte die Hausärztin mit ihrem Berufsleben also rundum zufrieden sein - wenn sie nicht neue Patienten auf andere, zum Teil weiter entfernte Praxen verweisen müsste.

Denn bei 1500 Patienten im Quartal ist für sie eine Grenze erreicht, die sie nicht überschreiten will.

"Ich wünsche mir mehr Zeit für meine Patienten. Wenn ich noch neue Patienten annehmen würde, könnte ich ihnen nicht mehr gerecht werden", sagt Ehlert.

Eigentlich würde sie am liebsten "nur" 1200 Patienten im Quartal behandeln - was aber bei nur drei ebenfalls ausgelasteten hausärztlichen Kollegen im Ort unrealistisch ist. Für einen weiteren Kollegen wäre also ausreichend zu tun.

Zur wirtschaftlichen Seite: Lukrativ ist die Hausarzttätigkeit nicht nur wegen der hohen Scheinzahl. Mecklenburg-Vorpommern hat es schon seit Jahren geschafft, dass die Allgemeinmediziner im Nordosten im bundesweiten Vergleich gut abschneiden.

"Ich bin zufrieden", sagt Ehlert. Das gilt auch für ihre Standortwahl. Sicher ist Woldegk keine Metropole.

Mann mus das Land mögen

Wenn Ehlert die braucht, setzt sie sich ins Auto. Etwas mehr als eine Stunde benötigt sie, um in Berlin zu sein. In die andere Richtung fährt sie bis Rostock ähnlich lange.

Auf die Frage, wie ein neuer Kollege für Woldegk denn sein müsse, überlegt Ehlert nicht lange: "Er muss die ländliche Gegend mögen. Und er muss gerne als Arzt arbeiten", steht für sie fest.

Wobei ihr bewusst ist, dass gerade junge Ärzte heute dem Familienleben mindestens die gleiche Priorität einräumen wie der Arbeit. Aber das wäre nach ihrer Ansicht im Ort schnell akzeptiert, denn: "Auch eine Teilzeitstelle würde uns ja entlasten."

Noch kann Ehlert in ihrer Kleinstadt mit den drei anderen Hausärzten und den zwei Fachärztinnen einen kollegialen, nicht von Konkurrenz geprägten Austausch pflegen.

Was aber, wenn ihre älteren Kollegen ihren Ruhestand genießen wollen und ihre ärztliche Tätigkeit aufgeben? Darauf hat Ehlert nicht sofort eine Antwort parat.

Nach kurzem Überlegen ist sie sicher: "Ich würde wohl erst mal vier Wochen Urlaub machen, um mich auf die Situation einzustellen." Die Landarztkampagne soll dazu beitragen, dass es dazu nicht kommen muss.

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