Ärzte Zeitung, 14.03.2013
 

Kommentar zum WHO-Bericht

Gesundheit in Europa - eine Region der Widersprüche

Von Helmut Laschet

Der in Kopenhagen und London publizierte Europäische Gesundheitsbericht der Weltgesundheitsorganisation 2012 enthält ein Eingeständnis, das auf den ersten Blick mehr Realitätssinn versprechen könnte.

Traditionell hat die WHO Gesundheit als einen "Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen" definiert. Über 60 Jahre, so die Selbstkritik, habe es "die WHO versäumt, Wohlbefinden zu messen und zu dokumentieren und sich stattdessen auf Mortalität, Krankheit und Behinderung fokussiert".

Daraus folgt eine neue Zielsetzung für 2020: Das Wohlbefinden und Wohlergehen der Bevölkerung zu definieren und Fortschritte zu erfassen. Wobei objektiv die Aspekte Gesundheit, Bildung, Arbeitsplatz, soziale Beziehungen, Umwelt, Sicherheit, Bürgerbeteiligung und Politikgestaltung und subjektiv die Lebenserfahrungen von Menschen erfasst und verknüpft werden sollen.

Wäre dies ein Bericht für die Wohlstandsregionen der Europäischen Union, so könnte man von einer ambitionierten, aber nicht völlig unrealistischen Zielsetzung sprechen. Die WHO-Region Europa erfasst aber auch die Staaten östlich der EU: Russland, die Armenhäuser Moldawien, die Kaukasus-Staaten und die Länder des ehemaligen Jugoslawien und die kranken Kinder der EU, Rumänien und Bulgarien.

Dem immensen Reichtum der Luxemburger mit einem Bruttoinlandsprodukt von 105.000 Euro pro Kopf stehen bittere Armut und Ungleichheit in Osteuropa gegenüber.

"Glückseligkeits-Indikatoren" abwegig

Angesichts dessen erscheint der Ansatz der WHO, objektive und subjektive "Glückseligkeits-Indikatoren" bis 2020 zu entwickeln, als unrealistisch und abwegig, ja sogar in die Irre führend.

Die umfangreichen Fakten, die der aktuelle Bericht präsentiert, mahnen vielmehr zu weitaus bescheideneren, aber realistischeren Zielsetzungen: effektive Instrumente gegen den immensen Tabak- und Alkoholabusus in Osteuropa zu entwickeln, den Kampf gegen HIV/Aids und Tuberkulose - weltweit wachsen die Inzidenzen dafür in Osteuropa am schnellsten! - aufzunehmen und diese Krankheiten zu enttabuisieren.

Dazu gehört auch ein Mindestmaß an Zugang zu essenziellen Gesundheitsleistungen, etwa die staatliche Finanzierung von Medikamenten in der ambulanten Versorgung.

Europa hat - glücklicherweise - seit 23 Jahren immer mehr offene Grenzen. Damit fluktuieren auch Krankheiten. Dem wohlhabenden Europa kann daher das Schicksal der Menschen in den Armenhäusern nicht gleichgültig sein. Das erfordert pragmatische Zielsetzungen. Und davon ist die WHO weit entfernt.

Lesen Sie dazu auch:
Gesundheits-Vergleich: Im Osten krankt's

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