Ärzte Zeitung, 19.11.2008

Betriebskassen zahlen beim Fonds drauf

Wenige Wochen vor dem Start des Gesundheitsfonds haben die Kassen jetzt endlich Klarheit über ihre Einnahmen im kommenden Jahr. Pro Versichertem gibt es 2009 zwischen 100 und 280 Euro. Klarer Gewinner des Fonds ist das AOK-System.

Von Bülent Erdogan

Im Vergleich zum Status quo sind die Ortskrankenkassen die Gewinner des neuen Fonds.

Am Montag haben die Manager der bundesweit noch 207 Krankenkassen nun also endlich die lang ersehnte Post aus Bonn erhalten: Darin teilte das Bundesversicherungsamt (BVA) den Vorständen mit, wie viel Geld es für die Kassen aus dem 2009 startenden Fonds geben wird. Auf vier Stellen nach dem Komma errechnete das BVA die jeweilige kassenindividuelle risikoadjustierte Grundpauschale. Danach erhalten die Kassen zwischen 100 und 280 Euro pro Monat und Versichertem.

Wie erwartet gehören die Allgemeinen Ortskrankenkassen dabei zu den Gewinnern der neuen Fondssystematik. Sie werden nach heutiger Berechnung mit 64,8 Milliarden Euro rund 2,4 Milliarden Euro mehr Geld zur Verfügung haben als nach der bisherigen Systematik der Umverteilung zwischen den Kassen.

Die Ersatzkassen können mit 51,6 Milliarden Euro rechnen, auf die Betriebskrankenkassen sollen 28,8 Milliarden entfallen, auf die Innungskrankenkassen zwölf Milliarden. Die anderen Kassen, darunter die Knappschaft, sollen 9,6 Milliarden Euro aus dem Fonds erhalten. Dieser ist mit insgesamt 166,8 Milliarden Euro gefüllt.

Ein Grund für das deutliche Plus der Ortskrankenkassen ist der neue morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich, der für 80 häufige oder kostspielige Krankheiten, etwa Diabetes oder verschiedene Krebserkrankungen, Zuschläge zu den Zuweisungen vorsieht. Dieser Effekt macht 1,5 Milliarden Euro aus. Der bisherige Risikoausgleich berücksichtigte nur Alter und Geschlecht. Der andere Grund ist, dass der Fonds aus den Beitragseinnahmen aller GKV-Mitglieder gespeist wird.

Das kommt den Ortskrankenkassen zugute, denn im Vergleich zu anderen Kassen waren bei ihnen eher Mitglieder mit geringen sozialversicherungspflichtigen Einkommen versichert, die Einnahmebasis somit niedriger. Dieser Effekt macht noch einmal 900 Millionen Euro zusätzlich zu dem aus, was bereits im bisherigen Finanzkraftausgleichsverfahren der Kassen untereinander umverteilt wurde.

Schleswig-Holstein profitiert von Konvergenzklausel
Für Versicherte in diesen Ländern erhalten Kassen 2009 zusätzlich Geld.
Bundesland Monatlicher Zuschlag je Versicherten
Schleswig-Holstein + 4,9917 m
Hamburg + 0,8305 m
Hessen + 1,6402 m
Baden-Württemberg + 2,6367 m
Bayern + 1,8279 m
Quelle: Bundesversicherungsamt

Allerdings müssen die Ortskrankenkassen künftig auch deutlich höhere Zahlungen als bisher an die Kassenärztlichen Vereinigungen leisten. Verlierer des neuen Ausgleichsystems sind vor allem die Betriebskrankenkassen. Über das Gesamtjahr 2009 stehen ihnen 1,1 Milliarden Euro weniger zur Verfügung als nach altem Muster. Bei den Ersatz- und Innungskrankenkassen ist es noch jeweils eine halbe Milliarde Euro.

Um die monatlichen Zuweisungen zu berechnen, hat das BVA in den vergangenen Wochen 3,3 Milliarden Diagnosedatensätze aller rund 70 Millionen GKV-Versicherten aus dem Jahr 2006 ausgewertet. Alle sechs Monate will das BVA Veränderungen in der Versichertenstruktur in die Zuweisungen einfließen lassen. Die Diagnosedaten für 2007 will das BVA ab April 2009 berücksichtigen.

Eine Überraschung ergaben die Berechnungen zu der von Bayern durchgesetzten so genannten Konvergenzklausel: Mit ihr sollen Mindereinnahmen der Kassen eines Bundeslandes durch den Fonds auf 100 Millionen Euro pro Jahr begrenzt werden. Allerdings profitiert davon nicht Bayern am meisten, sondern Schleswig-Holstein. Für jeden Versicherten im Norden erhalten Kassen 4,99 Euro, für Versicherte in Bayern indes nur 1,83 Euro extra.

Grundpauschale, Zu- und Abschläge

Die kassenindividuellen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds errechnen sich aus einer aktuell auf knapp 186 Euro festgesetzten Grundpauschale, Zu- und Abschlägen je nach Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus und Morbidität, einer Pauschale für die Verwaltungsausgaben und Satzungsleistungen sowie für Versicherte in strukturierten Behandlungsprogrammen (DMP). Dazu kommen Gelder aus der Konvergenzklausel.

Nach Angaben des Bundesversicherungsamtes betragen die Zuweisungen je nach Kasse zwischen 100 und 280 Euro pro Versichertem und Monat. Basis für die Berechnung sind 3,3 Milliarden Diagnosedaten aus dem Jahr 2006.

Lesen Sie dazu auch:
Gesundheitsfonds beschert AOK-System 2,4 Milliarden extra

Topics
Schlagworte
Krankenkassen (17607)
Organisationen
AOK (7468)
BVA (481)
Krankheiten
Diabetes mellitus (9098)
Personen
Bülent Erdogan (214)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Herpes-Viren unter Alzheimerverdacht

Die Virus-Hypothese erhält neue Nahrung: Eine immunschwächende Aktivität der Herpesviren könnte Alzheimer befeuern, so eine Studie. mehr »

Das alles muss das Verarbeitungsverzeichnis enthalten

Zur Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung müssen Arztpraxen ein "Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten" anlegen. Was darin alles aufgeführt werden muss, fassen zwei Medizinrechtler zusammen. mehr »

Übermüdete Teens oft adipös und hyperton

Sowohl zu kurzer als auch schlechter Schlaf erhöht bei Jugendlichen das kardiometabolische Risiko. In der bisher größten Studie zum Thema wirkten sich entsprechende Defizite negativ auf Taillenumfang, Blutdruck und Lipide aus. mehr »