Ärzte Zeitung, 27.07.2010

Bald jeder Rentner mit Endoprothese?

Laut einer neuen Studie gaben die Kassen im vergangenen Jahr 3,5 Milliarden Euro für neue Knie und Hüften aus

BERLIN (hom). In Kliniken werden immer mehr künstliche Hüft- und Kniegelenke implantiert. Laut neuem "Krankenhaus-Report 2010", vorgelegt von Deutschlands größter gesetzlicher Krankenkasse Barmer GEK, bekamen allein im vergangenen Jahr 209 000 Patienten eine neue Hüfte und 175 000 Patienten ein neues Knie eingesetzt.

Bald jeder Rentner mit Endoprothese?

Krankenhausbehandlungsfälle mit Erstimplantationen bei Knie und Hüfte haben seit 2003 deutlich zugenommen.

"Wenn das so weitergeht, haben bald alle 60- bis 65-jährigen Rentner ein neues Knie oder eine neue Hüfte", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. Inklusive medizinischer Rehabilitation oder ambulanter Nachbehandlungen hätten die stationären Eingriffe am Knie und an der Hüfte jährlich Kosten in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro verursacht. Das entspreche in etwa zwei Prozent aller von den gesetzlichen Kassen getätigten Ausgaben. "Da erschrickt man schon etwas als Krankenkassenmensch."

Schlenker äußerte in diesem Zusammenhang die Vermutung, dass möglicherweise öfter als nötig operiert werde. Seit Beginn der Erhebungen vor sieben Jahren habe es 18 Prozent mehr solche Eingriffe an der Hüfte und sogar 52 Prozent mehr am Knie gegeben. Stelle man in Rechnung, dass in der gleichen Zeit der Alterungsprozess in der Gesellschaft vorangeschritten sei, habe es "altersbereinigt" immer noch ein Wachstum von neun beziehungsweise 43 Prozent gegeben. "Hier stellt sich dann doch die Frage, ob wir nicht einen Trend zur Überversorgung feststellen müssen." Schlenker kündigte an, seine Kasse wolle die Preiskalkulation für endoprothetische Leistungen überprüfen und in Verträge zur integrierten Versorgung eine erfolgsorientierte Vergütung einbauen. Derzeit kostet die Implantation einer neuen Hüfte die Kassen im Schnitt 7626 Euro, die eines neuen Knies durchschnittlich 7373 Euro.

Nach Angaben von Studienautorin Professor Eva Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin (ISEG) in Hannover waren mehr als die Hälfte der Patienten mit neuer Hüfte 75 Jahre und älter. Der Gesundheitssystemforscher Professor Friedrich Wilhelm Schwartz sagte, die zunehmende Zahl von Knie- und Hüftgelenksimplantationen hänge auch mit der steigenden Zahl stark übergewichtiger Menschen zusammen, da Adipositas die Gelenke schädige.

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[27.07.2010, 17:50:20]
Dr. jens wasserberg 
Wem will Herr Schlenker denn die Prothese vorenthalten ?
Da die Endoprothetik heute sicherer und besser geworden ist, ist die reine Tatsache, dass heute mehr Operationen als vor Jahren an den betroffenen Gelenken vorgenommen werden, für sich genommen selbstverständlich und erklärlich. daraus eine Überversorgung abzuleiten ist insofern falsch, als dass der betreffende Kassenchef hier offenbar den Zustand vor einigen Jahren als die Regelversorgung definiert. Womit will er das denn nur belegen ? Früher sind die Menschen mit kaputten Knie eben ohne OP ausgekommen, aber viele von diesen Patienten sind heute schmerzfrei und mobil mit einer Prothese. Jedenfalls taugt diese Entwicklung nicht für die einfache Unterstellung, dass hier aus rein pekuniären Gründen zunehmend operiert würde. Dies ist eine zunächst einmal völlig unbelegte Unterstellung. Vor allem soll er dann als Kassenchef konkret sagen, welchen seiner Versicherten er in Zukunft eine Prothese vorenthalten will. Das ist nämlich nicht eine ärztliche Aufgabe. Die hier wiedereinmal aufblitzende Priorisierung über die reine Mittelreduktion ist pervers. Die Kassen behaupten, alle Patienten werden optimal versorgt, grenzen aber dann die Mittel stetig ein, so dass die Ärzte diesen Mangel auf die Patienten herunterbrechen müssen. Das ist schlicht verantwortungslos. Wer da einsparen will, der muss konkret belegen, wann, wo und warum. Es ist sicherlich eine Überlegung, ob ein 90-Jähriger noch den kompletten Segen der Medizin in Anspruch nehmen muss, aber diese Entscheidung muss gesellschaftlich gelöst werden und nicht über eine stetige Mitteleingrenzung. Da müssten die Kassen, die diese Patienten ja versichern, klar und konkret Farbe bekennen.
Mache sie aber nicht.

Dr. med Jens Wasserberg
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