Ärzte Zeitung, 21.09.2011

Krücken und Co. bereiten Kasse Sorgenfalten

Heil- und Hilfsmittel kosten die gesetzliche Krankenversicherung immer mehr Geld. Die Barmer GEK will das nicht weiter hinnehmen und fordert deshalb Nutzenbeweise à la AMNOG.

Von Anno Fricke

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Die Kosten für Krücken oder anderen Heil- und Hilfsmittel steigen schneller als die Gesamtausgaben der Kassen.

© begsteiger / imago

BERLIN. Kompressionsstrümpfe statt "Strippenziehen" bei Venenerkrankungen, mehr Beckenbodentraining statt Operationen bei Harninkontinenz, mehr Physiotherapie statt Endoprothesen: Barmer GEK-Vize Dr. Rolf-Ulrich Schlenker fordert von Ärzten, bei der Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln umzudenken.

Häufig würden Heil- und Hilfsmittel zu spät eingesetzt, sagte Schlenker bei der Vorstellung des Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreports 2011 am Mittwoch in Berlin.

Das aber könne Medikamentengaben, chirurgische Eingriffe und Krankenhausaufenthalte vermeiden.

Die Ausgaben für Logopädie und Einlagen wachsen rasch

Die Mahnungen aus der Vorstandsetage der größten Krankenkasse Deutschlands haben einen knallharten wirtschaftlichen Hintergrund. Die Kosten für Heil- und Hilfsmittel steigen schneller als die Gesamtausgaben.

10,5 Milliarden Euro haben die Kassen im vergangenen Jahr für Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Podologie, Einlagen, Gehhilfen, Brillen und mehr ausgegeben. Das waren sieben Prozent mehr als noch im Jahr 2009.

Zum Vergleich: Steigen die Ausgaben für diesen Leistungsbereich im gleichen Umfang weiter, überholen sie im kommenden Jahr die Ausgaben für die zahnärztlichen Behandlungen und den Zahnersatz, für die die Kassen 2010 rund 11,4 Milliarden aufwendeten.

Geld nicht immer sinnvoll ausgegeben

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Ob das Geld immer sinnvoll ausgegeben wird, zweifelt Schlenker an. Es gebe kaum einen Bereich im Gesundheitswesen, in dem die Schere zwischen ökonomischer Dynamik und medizinischer Evidenz so weit auseinander klaffe.

Zwischen 2004 und 2010 verzeichnet das Bremer Zentrum für Sozialpolitik einen Anstieg der Heilmittelausgaben um 26,4 Prozent und der Hilfsmittelausgaben um 14,7 Prozent.

"Die demografische Entwicklung und technische Innovationen treiben die Ausgaben in beiden GKV-Segmenten kontinuierlich nach oben", warnt der Autor des Reports, Zentrumsleiter Professor Gerd Glaeske.

Nutzen mancher Anwendungen zweifelhaft

Dabei sei der Nutzen mancher Anwendungen zweifelhaft. Glaeske plädierte dafür, den Heilmittelkatalog nach Evidenzkriterien neu aufzustellen. Darin fände sich mancher "Unsinn", zum Beispiel die Wärme-Kälte-Therapie als Schlaganfallbehandlung.

Der Blick aufs Detail offenbart, dass nicht nur die Alterung der Gesellschaft die Kosten treibt, sondern auch die Schwäche der Sozialpolitik. Die am stärksten wachsenden Einzelposten bei Heilmitteln sind die Ausgaben für Ergotherapie und Logopädie.

"Heilung der Kindheit"

Für Rolf-Ulrich Schlenker zeichnet sich hier ein Trend zur "Heilung der Kindheit" ab. Die gesetzliche Krankenversicherung dürfe nicht als therapeutische Kompensation für erzieherische Defizite herhalten, sagte Schlenker.

Eltern, überforderte Erzieher, ambitionierte Ergotherapeuten und allzu dienstfertige Ärzte gingen damit eine unheilige Allianz ein.

Ärzte im Osten verschreiben deutlich mehr Heilmittel

Aus den Zahlen der Barmer GEK geht hervor, dass die Verschreibungspraxis, die Angebotsstruktur von Heilmitteln und die Inanspruchnahme der Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten und Podologen regional unterschiedlich ausfällt.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verschreiben die Ärzte deutlich mehr dieser Therapien als in Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalenn und dem Saarland.

Während die Barmer GEK in Sachsen je 100 Versicherten rund 8300 Euro dafür ausgibt, sind es in Baden-Württemberg bei einer vergleichbaren Arztdichte lediglich 5800 Euro.

[24.09.2011, 14:50:10]
Henrika Vogt 
Sorgenfalten ...
oder eher Verständnisprobleme verursacht dieser Artikel bei mir: "..Häufig würden Heil- und Hilfsmittel zu spät eingesetzt, sagte Schlenker bei der Vorstellung des Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreports 2011 am Mittwoch in Berlin.
Das aber könne Medikamentengaben, chirurgische Eingriffe und Krankenhausaufenthalte vermeiden. ..."
Wie passt diese Aussage, die ja eindeutig für ein "Mehr" an Heil-und Hilfsmitteln plädiert zum Rest des Artikels, der die steigenden Kosten für Heil- und Hilfsmittel zu kritisieren scheint und die Sinnhaftigkeit vieler Verordnungen bezweifelt ('[im Heilmittelkatalog| ... fände sich mancher "Unsinn"').
Wo bitte schön, bleibt bei der Erwähnung der zunehmenden Verordnungen ein (objektiver) Blick auf die vermiedenen Operationen, weitergehende Behandlungen und medikamentöse Therapien? Und welche Kasse zahlt überhaupt noch für eine Brille (Kinder mal ausgenommen).
Wie soll die Aussage des Herrn Schlenker mit Blick auf Ergo- und Logopädie verstanden werden? Die Ursachen für Sprach- und motorische Störungen, die mit diesen Therapieformen gut behandelt werden, sind ja wohl nicht zuerst in erzieherischen Defiziten zu suchen.

Mir ist schleierhaft, was Herr Fricke der Welt mit der willkürlichen Zusammenstellung von Zitaten in diesem Artikel eigentlich sagen will. zum Beitrag »
[22.09.2011, 08:28:55]
Erika Derzbach 
Krücken und Co. bereiten Kasse Sorgenfalten
Bei so viel "therapeutischem Schwachsinn" muß man sich die Frage stellen, wie und womit die Herren Professoren eigentlich ihre Titel erwerben. Wahrscheinlich ein reiner Wirtschaftsprofessorentitel?! Immerhin gibt es noch Menschen, die viel lieber eine effiziente Physio- oder Ergotherapie schätzen als sich mit (giftigen oder nebenwirkungsreichen) chemischen (z. B. Schmerz-)Medikamenten vollzustopfen, deren Nutzen zwar möglicherweise in irgendeiner Statistik "nachgewiesen" wird, für den betroffenen Patienten aber oft nicht nachvollziehbar ist. Es ist die Frage, wer den Nutzen hat, wenn die Pharmaindustrie von den Kassen noch mehr unterstützt wird... Auf der anderen Seite, wenn ich den Umgang der Eltern mit ihren Kindern so beobachte, könnten möglicherweise einige logopädische Behandlungen vermieden werden, wenn Eltern mit ihren Kindern viel und deutlich sprechen würden (und zwar von der Schwangerschaft an), anstatt sie vors Fernsehen zu setzen. Aber das soll nicht von der Tatsache ablenken, daß es heute viel mehr Krankheiten und kranke Menschen gibt als noch vor 50 Jahren und das ist nicht alles dem vielbeschworenen "demografischen Wandel" anzulasten. zum Beitrag »
[21.09.2011, 20:13:14]
Dr. Guido Stefanec 
Kosten als einziger Faktor; zu 'Krücken und Co. bereiten Kasse Sorgenfalten'
Dies ist ein gutes Beispiel wie statistiken auf zu simplen Daten beruhend benutzt werden, um Forderungen durchzusetzen.

Es mag zwar stimmen, dass Behandlungen ohne entsprechende Indikation verordnet werden, dies aus der Gesamtsumme der Ausgaben abzuleiten ist aber erstens unangemessen und sollte zweitens dazu fuehren das Arzt-Patienten verhaeltnis und das entsprechende Gepraech zu foerdern. Waehrend "alternative" Heilberufe boomen und beliebter werden, kann moeglicherweise der Kassenarzt vor Ueberlastung oft nur schnell eine Verordnung ausstellen.

Meine These ist, dass mit etwas mehr Zeit die Aufklaerung eines Patienten viele unnoetige, 'schnelle' Aktionen verhindern koennte.
Warum nicht das Gespraech und die klinische Untersuchung aufwerten? zum Beitrag »
[21.09.2011, 19:06:23]
Margot Lechner 
HEILMITTEL UNSINN?
Wenn Herr Glaeske schon einmal erlebt hätte, wie wunderbar sich eine stark spastische Hand nach einer Kältetherapie lösen lässt, würde er nicht so einen "Unsinn" von sich geben. zum Beitrag »

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