Ärzte Zeitung online, 29.03.2017
 

Krankenversicherung

Höhere Beiträge als "unumkehrbarer Trend"?

Arbeitgebernahes Institut warnt vor wachsender Finanzierungslücke bei GKV und Pflegekassen.

Von Florian Staeck

KÖLN. Trotz aktuell gut gefüllter Sozialkassen gehen GKV und soziale Pflegeversicherung schwierigen Zeiten entgegen. Nach einer Simulationsrechnung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln könnten in der GKV die Beitragssätze bis zum Jahr 2050 um rund 35 Prozent wachsen, in der Sozialen Pflegeversicherung (SPV) könnte der Anstieg bis zu 63 Prozent betragen.

Die IW-Forscherin Susanna Kochskämper hat untersucht, wie sich der demografische Wandel auf beide Sozialkassen auswirkt, wenn ein Status-quo-Szenario unterstellt wird. So wird angenommen, dass sowohl die Versichertenzahlen als auch die der Beitragszahler in den einzelnen Altersgruppen sich analog zu denen der Gesamtbevölkerung entwickeln.

Bei den Krankheits- und Pflegekosten nimmt Kochskämper an, dass sie bei Frauen jährlich mit der Wachstumsrate der Bruttolöhne steigen. Bei Männern geht sie von einer Steigerung aus, die 0,5 Prozent oberhalb dieser Rate liegt. Erschwert wird die Simulation von einer teils prekären Datenlage. So werden in den amtlichen Statistiken den Empfängern von Pflegeleistungen keine durchschnittlichen Pflegekosten zugeordnet.

Trotz methodischer Unwägbarkeiten kommt die Studie zu diesen Ergebnissen:

- Alterung:Die Zahl der über 50-Jährigen wird von gegenwärtig 31,2 auf 34,2 Millionen im Jahr 2050 zunehmen. Die Zahl der Pflegebedürftigen könnte im gleichen Zeitraum von 2,6 auf vier Millionen steigen. Drastisch wird sich das Verhältnis von GKV-Mitgliedern und beitragspflichtigen Rentnern verändern, und zwar von 2,2 zu 1 (2015) auf 1,4 zu 1 (2050). Die Alterung hat Folgen auch für die Einnahmeseite von GKV und Pflegekassen. Laut Simulation sinken die beitragspflichtigen Einkommen bis 2050 um zehn Prozent.

- Finanzierungslücke und Beitragssätze: Bei gleichbleibendem Leistungsniveau und konstantem Steuerzuschuss entsteht bereits im Jahr 2020 eine Finanzierungslücke von 20 Milliarden Euro in der GKV. 2050 beläuft sie sich schließlich auf fast 61 Milliarden Euro sowie rund 17 Milliarden Euro in der SPV. Der Beitragssatz könnte zur Jahrhundertmitte bei 20,2 Prozent liegen, in der Pflegeversicherung bei 3,7 Prozent.

Weder der Pflegevorsorgefonds noch künftige Lohn- und Rentensteigerungen können diesen Trend umkehren, warnt Kochskämper. Der Gesetzgeber müsse "neue Wege" definieren, damit die Beitragssätze nicht aus dem Ruder laufen. Berücksichtigt werden müsse auch die Entwicklung in der Rentenversicherung. Hier sei bis 2040 von einem Beitragssatz von 26 Prozent auszugehen. Damit würde sich die Beitragsbelastung für die drei Sozialkassen auf 48 Prozent addieren.

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