Ärzte Zeitung online, 13.12.2018

Ärzte im Nationalsozialismus

Forschungsergebnisse müssen aktiver Teil der Lehre werden

Das Wissen um die Abgründe der Medizingeschichte ist in Deutschland immer noch lückenhaft, mahnt der Internist und Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster. Doch Erinnerung sei nicht nur aus moralischen Gründen wichtig.

Von Ilse Schlingensiepen

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Beschäftigung mit der Medizin im Nationalsozialismus ist „unerlässlich für die Selbstvergewisserung“: Dr. Josef Schuster.

© picture alliance / dpa

DÜSSELDORF. Die deutsche Ärzteschaft hat sich erst sehr spät – fast zu spät – mit ihrer Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen auseinandergesetzt. Inzwischen ist das Thema von verschiedenen Seiten erforscht worden.

Dieses Wissen muss auch genutzt werden, fordert Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Wir sollten darauf achten, dass diese Forschungsergebnisse nicht in Archiven verschwinden, sondern aktiv in der Lehre eingesetzt werden“, sagte er bei der Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf. „So wie das ‚Nie wieder‘ liegt auch das ‚Nie vergessen‘ in unserer Verantwortung.“

Der 64-jährige Schuster, der Ende November im Amt bestätigt wurde, ist Internist und in Würzburg niedergelassen. Er ist Vizepräsident des World Jewish Congress und des European Jewish Congress.

Keine Ahnung vom Kaiser-Wilhelm-Institut

„Das Wissen um die Abgründe der Medizingeschichte in Deutschland ist oft noch lückenhaft“, beklagte Schuster.

Er nannte ein Beispiel: Als man im Jahr 2014 auf dem Gelände der Freien Universität Berlin menschliche Knochen fand, wurden sie nicht untersucht, sondern eingeäschert – und das, obwohl sich in unmittelbarer Nähe der Fundstelle das ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Eugenik und menschliche Erblehre befunden hatte, das mit anatomischen Proben von Menschenversuchen im KZ Auschwitz gearbeitet hatte.

Dem Leiter der Rechtsmedizin der Charité waren die Kaiser-Wilhelm-Institute offenbar kein Begriff gewesen. Dabei hatte die Max-Planck-Gesellschaft als Rechtsnachfolgerin der Institute ihre Geschichte erforschen lassen, berichtete Schuster.

Mehrere Fachgesellschaften und ärztliche Körperschaften haben sich in den vergangenen Jahren mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. „Die Aufarbeitung, die stattgefunden hat, fand durchweg mit großer Aufrichtigkeit und kritischer Distanz zur eigenen Disziplin statt“, lobte er.

Allerdings ständen fast keine Zeitzeugen mehr als Quelle zur Verfügung, und in der Regel könne niemand mehr zur Verantwortung gezogen werden. „Den Mut, die Täter tatsächlich mit ihren Verbrechen zu konfrontieren, hatte unsere Zunft ebenso wenig wie die übrige Gesellschaft.“

Der Zentralrats-Präsident zeigte Verständnis dafür, dass junge Leute wegen der großen zeitlichen Distanz und der Tatsache, dass viele Dinge nur lückenhaft oder geschönt weitergegeben werden, eine gewisse Distanz zu den Geschehen in der NS-Zeit entwickeln und eine Abwehrhaltung gegen die Thematisierung im Schulunterricht.

Unter Medizinstudierenden sehe es nicht anders aus. Der Schein in Medizingeschichte werde pflichtgemäß gemacht. „Daten werden reingepaukt, egal ob es um die Entdeckung des Penicillins geht oder um Zwillingsversuche von Josef Mengele.“

Wie in der Schule hänge es im Medizinstudium stark vom Lehrpersonal ab, ob sich junge Menschen mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, sagte er.

Pervertierung ethischer Standards

Die Erinnerung an die NS-Zeit sei aus moralischen Gründen wichtig, aber nicht nur. In der Geschichte der Medizin habe es immer Menschenversuche gegeben, fast immer an wehrlosen Menschen.

„So verwerflich dies war, so bleibt es eine historische Tatsache, dass es nie zuvor so grausame medizinische Versuche in einer solchen Dimension gegeben hatte wie im Nationalsozialismus“, sagte Schuster. Nie sei eine so große Gruppe von Menschen als minderwertig und lebensunwert abgestempelt worden, so dass bei vielen Wissenschaftlern und Medizinern die Hemmungen gefallen seien.

„Deutsche Mediziner haben in einem Ausmaß den Eid des Hippokrates und alle auch schon damals vorhandenen ethischen Standards gebrochen und sind schuldig geworden, dass es bis heute für die medizinische Zunft in Deutschland zutiefst beschämend ist.“

Nichts anderes in der Geschichte mache so deutlich, dass ärztliches Handeln immer die Menschenwürde achten muss, so Schuster. „Nur wer weiß, zu welchen Taten ein Mensch imstande ist, nur wer weiß, wie ethische Standards völlig entgleiten, ja pervertiert werden können, entwickelt eine ausreichende Sensibilität für die Bedeutung medizinischer Ethik.“

Die Befassung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Medizingeschichte sei anstrengend, sagte Schuster. „Für die Selbstvergewisserung über unseren heutigen Standpunkt und unser ethisches Handeln ist sie jedoch unerlässlich und hilfreich.“

So wichtig wie die Erinnerung ist dem Arzt auch die Wachsamkeit gegenüber beunruhigenden gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem wachsenden Rechtspopulismus und Antisemitismus. „Wir sind alle gefragt, für unsere Demokratie einzustehen.“

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