Ärzte Zeitung online, 25.01.2019

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Notfalldose – Flaschenpost zur Rettung

Neben Marmelade, Joghurt, Käse und Wurst findet sich in immer mehr Kühlschränken hierzulande auch eine Notfalldose. Sie soll Ärzten und Rettungssanitätern dabei helfen, Leben zu retten.

Von Michael Kuderna

Notfalldose – Flaschenpost zur Rettung

Gewöhnungsbedürftiges Bild: Eine Notfalldose neben Marmelade und Tomatenmark im Kühlschrank.

© Michael Kuderna

HANAU. „Eine Dose, die Ihr Leben retten könnte“ – mit diesem großen Versprechen wirbt ein Lions Club aus Hanau für sein Produkt.

Die im britischen Raum geborene und dort als „Message in a Bottle“ beworbene Idee ist einfach: Vor allem ältere und alleinlebende Menschen hinterlegen für einen Notfall wichtige Informationen wie Vorerkrankungen, Allergien, Medikation und Kontaktpersonen in dem kleinen Behältnis, stellen dieses in den Kühlschrank und weisen mit Aufklebern an dessen Tür sowie am Wohnungseingang auf die Box hin. Notdienste sollen dadurch wertvolle Zeit gewinnen.

Im Saarland waren die kleinen runden Dosen bis vor Kurzem weitgehend unbekannt. Doch dann brachten Bekannte von Hans Bur, dem Vorsitzenden des Seniorenbeirats in St. Ingbert, aus dem Urlaub in Münster ein Exemplar mit.

So fand das mit weißen SOS-Buchstaben auf knallrotem Untergrund bedruckte Behältnis seinen Weg in die Johannis-Apotheke im Stadtteil Rohrbach, und ein Artikel in der Lokalzeitung sorgte für ein bisschen Werbung.

„Die Nachfrage ist groß. Auch eine Arztpraxis wollte schon Flyer haben. Es ist ja auch wirklich eine gute Sache“, freuen sich die Apothekerin Monique Albrecht und ihre Tochter Beatrice Reichert.

Ministerin als Botschafterin

Auch die Deutsche Rheuma-Liga Saar will „den kleinen Lebensretter bekannt machen.“ Die Geschichte, wie Projektleiter Hans Joachim Lei auf die Notfalldose aufmerksam wurde, ähnelt der von Bur. „Meine Frau ist in der Selbsthilfe tätig und sah bei einem Vortrag in der Pfalz eine Dose auf dem Tisch“, berichtet er.

Mit Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) fand die Rheuma-Liga eine prominente Botschafterin für die etwa zehn Zentimeter hohen Dosen. Die Politikerin lobte das Engagement für die „innovative Idee“ und vor allem den interessanten Verwahrungsort – denn ein Kühlschrank sei schließlich in jeder Wohnung vorhanden.

Wird aus dem Konzept eine Erfolgsstory? Über 100.000 Treffer bei einer Google-Stichprobe sprechen dafür, dass es sich gerade im Stil einer klassischen Graswurzel-Bewegung flächendeckend ausbreitet. Typisch dafür ist auch eine gewisse Vielfalt bei den Produkten, die allerdings erst bei näherer Beschäftigung mit dem Thema auffällt.

So bemerkte der Autor dieses Beitrags eher zufällig, dass die Dosen verschiedene Farben haben und sich auch beim Namen unterscheiden: Die rote Variante aus Hanau nennt sich „SOS-RETTUNGsdose“ und wirbt mit dem Slogan „Rettung aus der Dose“, die grüne firmiert unter „Notfalldose“ und zeigt neben einem Kreuz ein „i“, das für „Informationen für die Lebensrettung“ steht.

Sie wird, wie die weitere Recherche ergibt, von einem privaten Hausnotruf-Dienst in Bremen vertrieben. Damit aber nicht genug: Über eine größere Verbreitung kann sich auch die „Lions Info Notfallbox“ erfreuen, die Text und Logo blau auf gelbem Grund präsentiert.

Aufbewahrungsort Kühlschrank

Im Prinzip funktionieren die drei Plastikdosen nach gleichem Muster: Aufbewahrungsort Kühlschrank, ein Blatt zum Einlegen, zwei Türaufkleber und ein Flyer. Zudem können Partner wie beispielsweise Wohlfahrtsverbände, Seniorenbüros, Vereine oder Apotheken auf dem Deckel der Dose ihre eigenen Logos anbringen. Der Bremer Unternehmer Nico Volbert hat nach eigener Schilderung darüber hinaus Krankenhäuser mit Tausenden Dosen für das Entlassungsmanagement beliefert.

Es mag den Laien schon irritieren, dass jeder der drei Anbieter auch auf seine Schutzrechte beim Deutschen Patent- und Markenamt hinweist. Der Blick in die dortige Datenbank führt zu ernüchternden Befunden.

Anfang 2015 wurde die Notfalldose als Wort-Bildmarke in zwei Klassifikationen rund um medizinische Dienstleistungen eingetragen, vier Monate später die Rettungsdose in der Klassifikation rund um Dosen, Kästen und Kisten aus Holz und Kunststoff.

Die Lions-Notfallbox ist mit und ohne Text als Design-Darstellung registriert. In dieser Rubrik finden sich ebenfalls mehrere Treffer für die Aufdrucke der Notfalldose. Damit wird klar: Die Schutzhinweise dienen vor allem dem Marketing, denn sie verhindern nur platte Kopien, nicht aber eine Nachahmung.

Über die Absatzzahlen will oder kann keiner der drei Anbieter exakte Angaben machen. Bei den nach Mengen gestaffelten Preisen gibt es große Unterschiede auch innerhalb der Produktlinien: Manche Partnerorganisationen geben die Dosen kostenfrei ab, meist werden zwischen zwei und sechs Euro fällig, für Einzelexemplare gibt es aber vor allem im Internet auch teurere Angebote.

Geschäft oder ideelles Projekt?

Notfalldose – Flaschenpost zur Rettung

Gestapelte SOS-Dosen in einer Apotheke. Die Nachfrage nach der Dose ist gut.

© Michael Kuderna

Während es sich bei der professionell vertriebenen Notfalldose im Kern um ein unternehmerisches Engagement handelt, strebt Lions noch zusätzliche soziale Effekte an.

So wird die Notfallbox nach Angaben des zuständigen Ansprechpartners und früheren Distrikt-Governors Hans-Peter Fischer in einer Behindertenwerkstätte gefertigt und der Gewinn von durchschnittlich 20 Cent pro Dose vollständig an das Friedensdorf Oberhausen abgegeben. Die Hanauer Initiative arbeitet ehrenamtlich und unterstützt Club-Projekte im Bereich Frauen, benachteiligte Kinder und Hospiz.

Die Ärzte und Notfallretter dürfte die Frage nach dem Erstgeburtsrecht und das Geschäftsmodell weniger interessieren als die Inhalte. Zwar unterscheiden sich die Formulare, die in die Dosen eingelegt werden, im Aufbau und Erscheinungsbild deutlich, doch eine Inhaltsanalyse zeigt dann relativ wenige Abweichungen.

Sowohl die beiden Lions-Dosen als auch die Notfalldose sehen Angaben zur Person und ein Foto vor. Im medizinischen Bereich erfassen die Fragen zu Erkrankungen und Arzneitherapien bei der Notfalldose mehr Details, auch Organspendeausweis, Muttersprache, Religion und regelmäßige Termine werden nur hier abgefragt. Die Lions-Produkte denken dafür auch an Impfpass und Wunsch-Krankenhaus.

Schaden können sie nicht

Damit rückt die Grundsatzfrage in den Fokus: Wie nützlich sind die Angebote tatsächlich? Bei allen unterschiedlichen Antworten gibt es einen Minimalkonsens: Schaden können sie nicht. In Testimonials, etwa in Fernsehbeiträgen und Internet-Videos, werden die Initiativen von Ärzten und Rettungskräften gelobt.

Zudem übt die bloße Vorhaltung der Dosen offenbar auf viele Senioren eine beruhigende Wirkung aus. Andererseits wurden auf Anfragen nur ganz wenige Fälle genannt, bei denen die Dosen wirklich Leben gerettet haben.

Viele Experten sind, auch wenn sie sich nicht gerne öffentlich äußern wollen, aus mehreren Gründen derzeit noch eher zurückhaltend. Zum einen sei die Zahl der möglichen Nutznießer nicht so groß wie auf den ersten Blick angenommen, denn betroffen seien ja fast nur Patienten, die alleine lebten und in der Notsituation nicht mehr Auskünfte geben könnten.

Dann sei aber schnellstes Handeln wichtiger als die Lektüre von Datenblättern. Deshalb sollten sich die Angaben auf das Wesentliche beschränken. Zum anderen müssten die Informationen auf jeden Fall aktuell gehalten werden.

Viele Ärzte kennen die Dose nicht

Einige Akteure haben diese Krux erkannt. Seniorenbeirat Bur empfiehlt den Abnehmern der Dosen deshalb, den Hausarzt beim Ausfüllen der Formulare einzubeziehen.

Hausnotruf-Spezialist Volbert ist nach eigenen Angaben mit Ärztekammern im Kontakt und Lions-Clubs haben auch Arztpraxen mit ins Boot geholt. Dennoch haben – wie mehrere Stichproben ergaben– viele Ärzte von den Dosen noch nichts gehört.

Und doch propagieren Aktivisten bereits ein neues Anwendungsfeld. „Wir haben auch eine gute Nachfrage fürs Handschuhfach im Auto“, berichtet Apothekerin Albrecht.

Bei Unfällen auf der Straße seien die Patienten zunächst immer „eine Blackbox“, gab ein leitender Notarzt in Berlin im ZDF-Interview zu Bedenken: „Notfalldose to go wäre dann noch die Steigerung, aber wir können ja erst mal klein anfangen.“

Pro: „Dose ist psychologische Hilfe“

Dr. Joachim Meiser, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Saarland und als Allgemeinmediziner jahrzehntelang als Hausarzt tätig, sieht in den Dosen eine mögliche Ergänzung zum Hausnotruf.

Ärzte Zeitung: Was überwiegt – der mögliche Nutzen der im Kühlschrank hinterlegten Infos für Retter und Ärzte oder der Beruhigungseffekt für allein stehende Patienten?

Dr. Joachim Meiser: Zweifelsohne sind die Dosen eine psychologische Hilfe für allein stehende Patienten – aber auch dann nur im häuslichen Umfeld. Mindestens so wichtig erscheint mir aber, dass ein Hausnotruf existiert, weil die Alarmierung die Voraussetzung für eine Hilfemaßnahme ist. Ob objektiv eine Versorgungsverbesserung zu erreichen ist, bleibt abzuwarten. Es ist sicher eine interessante Option.

Halten Sie die Angaben auf den Formularen für zielführend, ausreichend oder zu ausführlich?

Meiser: Elementar sind sicher ein aktueller Medikationsplan, wichtige Operationen und Eingriffe und eine Übersicht über schwere Allergien. Alles andere ist interessant, aber nicht wirklich notwendig.

Falsche oder veraltete Auskünfte auf den Formularen könnten ja sogar schaden. Haben Hausärzte Zeit, ihren Patienten beim richtigen Ausfüllen zu helfen und die Angaben regelmäßig zu aktualisieren? Könnte dies sogar vergütet werden?

Meiser: Die Aktualität ist sicher ein Problem. Ich bezweifle, dass Hausärzte diese Zeit haben. Als privatärztliche Leistung wäre das eine Option. Ich bezweifle aber, dass Aufwand und Ertrag in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen sind. Ich sehe hier eher eine Aufgabe für Sozialdienste und Angehörige.

Wären Arztpraxen geeignete Multiplikatoren für diese Idee, etwa durch Plakate oder Flyer?

Diese Option ist sicher gegeben und für viele auch kein Problem. (kud)

Contra: „Aktualisierung der Daten ist das Problem“

Der Anästhesist Dr. Thomas Schlechtriemen, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst des Saarlandes, verfügt über eine 25-jährige Erfahrung als Notarzt. Er setzt andere Prioritäten als Informationen im Kühlschrank.

Ärzte Zeitung: Haben Sie oder Ihre Mitarbeiter schon konkrete Fälle erlebt, in denen sich die Dosen bewährt haben?

Dr. Thomas Schlechtriemen: Nein – vielleicht ist es hierfür aber auch etwas früh.

Können Notfalldosen im Kühlschrank tatsächlich nützen? Wären andere Informationswege wichtiger als die Dosen?

Schlechtriemen: Plakativ könnte man sagen: Andere europäische Länder führen den Gesundheitschip ein – wir legen Informationen in den Kühlschrank! Selbstverständlich ist es von essenzieller Bedeutung, wenn der Notarzt oder das Rettungsdienstfachpersonal in der Notfallsituation – insbesondere, wenn der Patient diese Auskünfte nicht mehr selber geben kann – einige zentrale medizinische Informationen zu relevanten Vorerkrankungen oder der Dauermedikation eines Notfallpatienten hat.

Wenn auf der Versichertenkarte des Patienten diese Informationen gespeichert und wie die Adressdaten von autorisierten Personen ausgelesen werden könnten, hätte der Notarzt diese lebenswichtigen Informationen vorliegen. Dann könnten diese Informationen auch bei jedem Besuch beim Hausarzt beispielsweise hinsichtlich der Änderung der Dauermedikation oder neu hinzukommender Diagnosen aktualisiert werden. So muss man hoffen, dass der Patient die Gesundheitsinformationen in der Rettungsdose stets auf dem Laufenden hält.

Letztlich haben heute schon viele ältere oder chronisch kranke Patienten die Dauermedikation ihres Hausarztes sowie den Arztbrief des letzten Klinikaufenthaltes für den Notarzt parat oder ihre Angehörigen wissen, wo diese Dokumente zu finden sind.

Letztlich käme die Rettungsdose nur bei der sehr kleinen Gruppe von Patienten zum Tragen, die allein wohnen und im Notfall selber keine Auskunft mehr geben können – hier würde man dann als Rettungsdienst Informationen an einem vordefinierten Ort – eben im Kühlschrank – vorfinden.

Halten Sie die Angaben auf den Formularen für zielführend, ausreichend oder zu ausführlich?

Schlechtriemen: Die Angaben sind zielführend und ausreichend – das Problem ist die kontinuierliche Aktualisierung.

Was halten Sie davon, auch in Handschuhfächern von Autos Gesundheitsangaben zu platzieren?

Schlechtriemen: Es ist doch absurd, an vielen Stellen – Kühlschrank, Handschuhfach des Autos oder am Arbeitsplatz – sensible Gesundheitsdaten im Notfall für jedermann zugänglich aufzubewahren und gleichzeitig aus Datenschutzgründen den deutlich besser kontrollierbaren Zugang zu Gesundheitsdaten auf der Versichertenkarte abzulehnen, die man überall mit sich herum trägt. (kud)

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