Ärzte Zeitung online, 08.11.2018

Transplantationsmedizin

Experten stützen Spahns Kurs bei Organspenden

Deutsche Transplantationsmediziner loben den Gesetzentwurf der Bundesregierung, sprechen sich aber auch deutlich für die Widerspruchslösung aus.

Von Angela Mißlbeck

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Organspendeausweis: Transplantationsmediziner wollen erreichen, dass sich jeder mit dem Thema Organspende auseinandersetzen muss.

© Petra Steuer / JOKER / pictur

BERLIN. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) unterstützt den Gesetzentwurf der Bundesregierung für eine bessere Organisation von Organspenden uneingeschränkt. „Alle Maßnahmen, die darin vorgesehen sind, sind gut und überfällig“, sagte DTG-Präsident Professor Bernhard Banas bei der Jahrestagung der Fachgesellschaft am Donnerstag in Berlin. Es bleibe zu hoffen, dass das Gesetz nun zügig vom Bundesrat und Bundestag verabschiedet werde und in der ersten Jahreshälfte 2019 in Kraft treten könne.

Weitere Hoffnungen knüpfen die Transplantationsmediziner an das neu eingerichtete Transplantationsregister. „Die technische Grundlage ist da, sodass man das Register mit Daten befüllen kann“, sagte Banas. Der DTG-Präsident hofft, dass die Dateneingabe zum Jahresanfang 2019 startet.

Kritisch bewertet die DTG indes die Mindestmengenregelung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA). Vor allem bei Nieren- und Lebertransplantationen sei sie inadäquat. „Alle Daten, die wir haben, zeigen, dass kleine Transplantationszentren nicht schlechter arbeiten als große“, sagte Banas. Die DTG hat deshalb den GBA gebeten, die Mindestmengen in der Transplantationsmedizin auszusetzen.

Viele Transplantationszentren unter den GBA-Anforderungen?

Die Fachgesellschaft rechnet damit, dass bis zu 20 Prozent der Transplantationszentren in Deutschland unter den Anforderungen des GBA bleiben könnten. Die Transplantationsmediziner fürchten, dass in solchen Fällen Kostenträger sich weigern zu zahlen oder Landesbehörden den Zentren die Zulassung entziehen.

Zudem warnt Banas vor deutlichen Fehlanreizen durch Mindestmengen in der Transplantationsmedizin. Sie könnten dazu führen, dass auch weniger gut geeignete Organe verpflanzt würden. Eine Diskussion um Quantität sei vor dem Hintergrund des anhaltenden Spenderorganmangels in Deutschland fatal. „Man müsste stattdessen eine Diskussion um Strukturqualität führen“, forderte der DTG-Präsident.

9,3 postmortale Organspender pro einer Million Einwohner gab es 2017 in Deutschland. In Spanien waren es 46,9.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) hat indes in diesem Jahr bis Anfang November bereits 802 Organspenden gezählt. Das sind schon jetzt mehr als im ganzen vergangenen Jahr erreicht wurden. Dr. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, führt das unter anderem darauf zurück, dass die anhaltende Diskussion um den Spenderorganmangel in Deutschland die Aufmerksamkeit in den Kliniken auf das Thema gelenkt habe.

 „Ein Zeichen dafür ist auch, dass die Kontaktaufnahmen mit der DSO aus den Kliniken deutlich zugenommen haben“, sagte er. Dennoch bleibe Deutschland mit Blick auf die Spenderhäufigkeit im unteren Drittel der europäischen Staaten. Nach DTG-Angaben gab es 2017 in Deutschland nur 9,3 postmortale Spender pro einer Million Einwohner. In Holland waren es den Angaben zufolge 14,3, in Belgien 30,7 und in Spanien 46,9 postmortale Spender pro einer Million Einwohner.

Die Transplantationsmediziner fordern daher, dass statt ausdrücklicher Zustimmung zur Organspende künftig auch in Deutschland wie in den Nachbarländern ein ausdrücklicher Widerspruch die Regel sein soll. Die DTG erwartet von der Widerspruchsregel zwar keine schnellen Effekte, ist aber überzeugt, dass sie langfristig eine Kultur pro Organspende schafft. „Wir glauben, dass sie nötig ist, um einen Prozess anzustoßen. Wir wollen ein Umdenken, dass es zum Leben und Sterben dazu gehört, sich Gedanken um Organspenden zu machen“, sagte DTG-Generalsekretär Professor Christian Hugo. Die DTG favorisiert ein Widerspruchsmodell nach niederländischem Vorbild, bei dem Bürger mehrfach nach ihrem Willen befragt werden.Sie begrüßt ausdrücklich, dass die parlamentarische Debatte darüber bereits Ende November beginnen soll.

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[09.11.2018, 17:21:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nach wie vor fehlender öffentlicher Diskurs?
M.E. sind einige Transplantations-Mediziner nicht ganz unschuldig an Unehrlichkeiten und mangelnden Orientierungen in der Transplantationsmedizin:

Ursache mangelnder Organspende-Bereitschaft ist in Deutschland nach wie vor die fehlende gesellschaftspolitische Debatte über bio-psycho-sozialen Auswirkungen der Transplantationsmedizin. Bei möglichst lebensfrischen, transplantablen Spenderorganen mit zu Recht geforderten, guten Erfolgsaussichten bei den Organempfängern kann es keine "postmortale", sondern nur eine p e r i m o r t a l e Organspende geben.

Verantwortliche Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen, bzw. die Organ-Ex-, -Trans- bzw. -Implanteure, deren chirurgisch-fachliche Qualifikation ich nicht in Frage stelle, bewegen sich auf einem denkbar schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Es geht um Minuten zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen.

Will man "mehr Organspende-Bereitschaft wagen", geht das nur mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut u n d Offenheit. In einer säkularen Gesellschaft sind eine "Wiedergeburt" (Transplantationsmediziner Prof. E. Nagel) ebenso wie eine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende" oder ein "Ja" oder "Nein" ebenso spekulativ wie appellativ unwirksam.

Allein die nicht nur von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, sondern auch von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, in die Debatte geworfene "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) quasi von Geburt an potenzieller Organspender wäre und bleiben solle, wenn er nicht ausdrücklich widerspräche, reflektiert einen undemokratischen Fundamentalismus und vernebelt den Blick. Sie wird in Spanien gar nicht in dieser Form verwirklicht, wie eine Gruppe von Parlamentariern jüngst feststellen musste: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/975345/organspende-spanien-widerspruchsloesung-erfolgreich.html

Die Widerspruchslösung offenbart in der medizinischen Grenzsituation einer primären oder sekundären Reanimation unauflösbare medizinisch-ethische Zielkonflikte und Fragen:
1. Eine (prä-)klinische Reanimation wird nur halbherzig durchgeführt, um den Hirntod zur Erreichung eine Organspende-Option feststellen zu können?
2. Eine Reanimation wird ohne erkennbare Wiederbelebungs-Effekte in extenso ohne klinischen Erfolg so lange fortgesetzt, bis ein Transplantationszentrum erreichbar ist?
3. Eine (prä-)klinische Reanimation wird selektiv in Abhängigkeit vom Organspende-Status gemacht?

Diese 3 Fragen sind zugegebenermaßen provokativ, müssen aber gestellt und diskutiert werden. In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, auch keine fremden Organe bekommen solle". Dies verkennt neben dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen.

Bei allem Respekt, auch wenn die bisherige, verfassungskonforme Entscheidungs-/Zustimmungslösung von einer breiten Mehrheit im Deutschen Bundestag durch eine m. E. verfassungswidrige Widerspruchslösung ersetzt würde, müsste die Bereitschaft zur Organspende ebenfalls durch endlich von der Bundesregierung verabschiedete flankierende Maßnahmen verbessert werden. Dazu gehören die finanzielle und ideelle Aufwertung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und die bessere Ausstattung von Explantations-Teams. Die GKV-Krankenkassen haben viel zu lange gespart und die hohen logistischen Aufwendungen konterkariert.

Aber wenn wie bisher Manipulationen praktiziert, oder auch nur der Hauch eines Verdachts der Diskriminierung Organspende-unwilliger Betroffener entsteht, bricht die Organspende-Bereitschaft erneut zusammen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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