Organspende

Warum Spanien ohne die Widerspruchslösung erfolgreich ist

Gesundheitspolitiker erkunden, wie Organspende in Spanien und Dänemark funktioniert – und kommen mit neuen Einsichten nach Hause.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:
Wünscht sich Widerhall: Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne).

Wünscht sich Widerhall: Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne).

© Julian Stratenschulte / dpa

BERLIN. Gesundheitspolitiker des Bundestags haben in der Debatte über die Reform der Organspende überraschende Erkenntnisse aus dem Ausland mitgebracht. Sechs Gesundheitspolitiker besuchten Spanien und Dänemark, um zu erfahren, wie dort viel höhere Organspendezahlen erzielt werden als in Deutschland.

Hierzulande wurden im Jahr 2016 je einer Million Einwohner 10,4 Organspender realisiert, in Dänemark waren es 17,1 und in Spanien 43,4. Sie habe mit Blick auf Spanien wissen wollen, „welchen Anteil die Widerspruchslösung an den hohen Organspendezahlen hat“, berichtet Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Ärztin und Obfrau der Grünen im Gesundheitsausschuss, der „Ärzte Zeitung“. Das Erstaunen sei groß gewesen, als man den deutschen Gästen berichtete, dass „die Widerspruchslösung in der Praxis keine Rolle spielt“, sagt sie.

Zwar ist ein entsprechender Passus in Spanien schon seit Jahren gesetzlich verankert. Kollegen des spanischen Parlaments versicherten der deutschen Delegation aber übereinstimmend, dass diese Option nicht praktiziert wird, berichtet Erwin Rüddel (CDU/CSU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Eine Organentnahme ohne Zustimmung der Familie finde dort nicht statt.

Diskussion "vergeudete Zeit"

Fraktionsübergreifend habe man die Erkenntnis mit nach Hause genommen, dass der – vermeintliche –  Gegensatz von Widerspruchs- und Entscheidungslösung ein Nebenschauplatz ist. „Diese Diskussion ist vergeudete Zeit“, befindet Rüddel. Er war nach eigenen Angaben noch als Anhänger des Widerspruch-Konzepts nach Madrid gereist.

„Klare Zuständigkeiten und Abläufe bei der Organspende sowie eine Weiterbildung für Ärzte, bei der die Verbesserung der Transplantationsraten einen großen Stellenwert hat“: Das sind für Kappert-Gonther entscheidende Voraussetzungen dafür, dass potenzielle Organspender erkannt und viele Spenderorgane vermittelt werden.

Hier setze der „Gesetzentwurf zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“, den das Bundeskabinett vergangene Woche beschlossen hat, auch aus ihrer Sicht richtige Akzente. Die Ärztin hält es aber für geboten, dass in Deutschland das Thema Organspende „stärker als bisher in der Aus- und Weiterbildung verankert wird“.

Spende per App verwalten

Ihr CDU-Kollege Rüddel war in Dänemark vom ausgefeilten, papierlosen System der Zustimmungsregelung beeindruckt. Per Smartphone können Bürger dort ihre Zustimmung zur Organspende in ihrer elektronischen Gesundheitsakte online aktualisieren oder auch revidieren.

Nach Rüddels Wahrnehmung ist die staatsnahe Organisation der Organspende in den beiden besuchten Ländern für das Vertrauen der Bürger in dieses System eher förderlich. Dieses Vertrauen hat in Deutschland in den vergangenen Jahren gelitten.

Aktuell gibt es hierzulande hohe Zustimmungswerte von 84 Prozent zur Organspende – diese könnten durch die Debatte über die Widerspruchslösung eher beschädigt werden, fürchtet Kappert-Gonther: „Ich hoffe sehr, dass die Ergebnisse unserer Delegationsreise einen Widerhall im Bundestag finden“, sagt die grüne Abgeordnete. Und dies auch mit Blick auf die fraktionsübergreifende Initiative, in der für eine (doppelte) Widerspruchslösung geworben wird.

Ein „Nein“ gegen die Organspende aussprechen zu müssen, hat Jens Spahn (CDU), Mitorganisator dieser Initiative, kürzlich als „zumutbar“ in einer freien Gesellschaft bezeichnet. Sein Parteikollege Rüddel widerspricht. Er befürworte eine ethische Debatte sehr – doch die über Entscheidungs- versus Widerspruchslösung führe „ins Nichts“.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Eine fehlgeleitete Debatte

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