Ärzte Zeitung, 20.01.2010

Pflegebegleiter schultern einen Teil der Last

Barbara Geisse kann gut zuhören. Und sie weiß, was Pflege bedeutet. Fast zehn Jahre lang hat sie ihre an Alzheimer erkrankte Mutter betreut. Heute ist sie ehrenamtliche Pflegebegleiterin im Marburger Hinterland.

Von Gesa Coordes

zur Großdarstellung klicken

Pflegebegleiter der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf. Barbara Geisse bei dem Ehepaar Herbert und Gisela Scheld in Eckelshausen. © Wegst

MARBURG. Ortstermin bei Familie Scheld in Biedenkopf-Eckelshausen: Barbara Geisse sitzt mit Gertrud Scheld (71) am Küchentisch. Heute morgen ist der 75-jährige Ehemann gestürzt. Sein Knöchel scheint verstaucht zu sein. Vielleicht braucht er in Zukunft einen Rollator für die Spaziergänge. Seit drei Jahren pflegt Gertrud Scheld ihren an Demenz erkrankten Ehemann Herbert. Seitdem kann sie sich nicht mehr so wie früher mit ihrem Mann unterhalten: "Ich muss jetzt immer für zwei Menschen denken und alles organisieren", sagt die 71-Jährige. Mit Barbara Geisse zu sprechen, tue ihr sehr gut: "Da hat man jemanden, mit dem man reden kann", sagt Gertrud Scheld.

Persönliche Ansprechpartner für betroffene Angehörige

Schließlich kommt sie selbst kaum noch aus dem Haus. Sogar ihren geliebten Chor musste sie in den vergangenen Monaten dauernd ausfallen lassen. Sie selbst ist nämlich auch nicht gesund. Seit der Operation im vergangenen Sommer stecken zehn Schrauben in ihrem Rücken. Barbara Geisse besuchte sie damals im Krankenhaus.

Die 58-jährige Buchhalterin gehört zu den 28 ehrenamtlichen Pflegebegleitern im Kreis Marburg-Biedenkopf. Unter Trägerschaft der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf entlasten sie allerdings nicht durch Mithilfe bei der Pflege. Die durch eine Schulung vorbereiteten Freiwilligen kümmern sich als persönliche Ansprechpartner um die pflegenden Angehörigen. Freilich wird das kostenlose Angebot niemandem aufgedrückt. Die Pflegebegleiter kommen nur auf Wunsch.

"Am wichtigsten ist das Zuhören und Wertschätzen", sagt die Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft, Angela Schönemann. Schließlich seien die meisten Menschen nicht darauf vorbereitet, dass Familienmitglieder pflegebedürftig werden: Der Partner ist nicht mehr so wie vorher. Pflegedienste, medizinische Hilfe, Fahrten und Finanzen müssen organisiert werden. Wenn dann noch Konflikte in den Familien aufbrechen, kommen viele Pflegende an ihre Grenzen. "Man braucht einen Raum, um seine Sorgen los zu werden", erklärt der ehrenamtliche Pflegebegleiter, Heinrich de Waal.

Schnelle Hilfe, wenn es brennt

Schließlich seien viele sehr isoliert, erzählt Schönemann. Freunde und Bekannte ziehen sich oft zurück. Und die Pflegenden haben kaum Zeit, etwas zu unternehmen. Da hilft es, mit den Pflegebegleitern zu sprechen: "Für die Angehörigen ist es gut zu wissen, dass es jemanden gibt, den man anrufen kann, wenn es brennt", erklärt Projektinitiatorin Heide Sänger. Zudem kennen sich die Pflegebegleiter gut aus. Bei praktischen Problemen können sie Tipps geben oder bei der Formulierung von Anträgen helfen. Sie wissen von Angehörigen-Cafés, Informationsnachmittagen und Betreuungsgruppen.

Und sie machen Mut, damit die Pflegenden "nicht im Jammertal versinken". Sie ermuntern dazu, neue Dinge auszuprobieren. Es gebe auch noch schöne Stunden mit den Kranken, weiß Heide Sänger. Zugleich bräuchten die Angehörigen Zeit für sich selbst. So war Gertrud Scheld kürzlich zum ersten Mal seit Langem wieder bei einem Konzert. Den Anstoß gab Pflegebegleiterin Barbara Geisse.

Weitere Informationen: www.pflegebegleiter.de, Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf: Tel. 06421-690393

Bundesweit über 2000 Pflegebegleiter

In Hessen gibt es derzeit Pflegebegleiter an den Standorten Frankfurt, Marburg, Bebra, Bad Hersfeld, Limburg und Kassel. Sie sind Teil eines bundesweiten Modellprojekts, zu dem 100 Standorte mit mehr als 2000 Pflegebegleitern gehören. Sie arbeiten ehrenamtlich und absolvieren zuvor einen 60-stündigen Vorbereitungskurs. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt durch das Forschungsinstitut Geragogik.

Drei Viertel aller Pflegebedürftigen in Hessen werden zuhause versorgt, davon 73 Prozent ausschließlich durch ihre Angehörigen. Nur in gut jedem vierten Fall unterstützen Pflegedienste. In jedem zehnten Fall werden Angebote der Kurzzeitpflege oder der Tagespflege genutzt. (coo)

Topics
Schlagworte
Pflege (4804)
Demenz (1905)
Krankheiten
Demenz (3077)
Personen
Gesa Coordes (99)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »