Ärzte Zeitung, 15.08.2012

Bedarf

Hausärzte gebraucht zur Ethikberatung in Heimem

Immer mehr Pflegeheime etablierten eine Ethikberatung für ihre Bewohner. Aber die Kooperation bei den Fallbesprechungen zwischen Pflegeheimen und Hausärzten steckt vielerorts noch in den Kinderschuhen. Es fehlen Zeit und Honorar.

Hausärzte gebraucht zur Ethikberatung in Heimem

Mehr Verständnis auch für schwierige Patienten in sehr schwierigen Situationen sollen Ethikberatungen bringen.

© Alexander Raths / fotolia.com

Von Christian Beneker

HANNOVER. Ethische Fallbesprechungen tragen mithilfe eines Moderators systematisch die Perspektiven aller Beteiligten zusammen und analysieren die medizinische Situation, die rechtlichen und pflegerischen Aspekte und treffen schließlich eine Entscheidung über das weitere Vorgehen.

Oft geht es zum Beispiel um aggressive Patienten, um Fragen der Ernährung am Lebensende, um Schwierigkeiten mit dementen Patienten, um die Medikation oder der Interpretation des Patientenwillens.

Wesentlich in der Besprechung sei die offene Art der Kommunikation, die durch abwägenden Austausch mehr Verständnis für den Patienten in seiner sehr schwierigen Situation schafft. "Sicherheit in der Unsicherheit", nennt das die Ärztin Dr. Andrea Dörries vom Zentrum für Gesundheitsethik in Hannover.

Alle sind kompetent - und verantwortlich

"Wichtig ist die Einsicht, dass alle kompetent sind und alle verantwortlich. Dann schält sich die Antwort auf die Frage, die im Kreis behandelt wird, ganz von alleine heraus", sagt Erika Nola, Vorsitzende des ambulanten Hospizdienstes Bremen Horn. Dort ist die ethische Fallbesprechung seit 2004 eingeführt und findet jährlich rund 30 bis 40 Mal statt.

Das Zeitproblem für die Hausärzte lösen die Bremer so, dass sie "möglichst am Mittwochnachmittag oder mittags die Besprechungen ansetzen", so Nola.

Auch wenn eine Besprechung bis zu einer Stunde dauern kann, sparen die Hausärzte schließlich Zeit. Am Lebensende ergeben sich viele ethische Fragen, deren Beantwortung Patienten und Betreuenden viele Umstände und Belastungen ersparen können, so Dörries.

"Wir betreuten einen alten Herrn, der immer aggressiver wurde und viel Zeit und Energie in Anspruch nahm", berichtet Nola. "Durch die Fallbesprechung haben wir erfahren, dass jüngst seine Frau gestorben war. Er war einfach einsam und wütend. Wir haben dann einen Begleiter geschickt, und das Aggressions-Problem war gelöst."

ethische Fallbesprechungen auch in onkologische Praxen

Nicht nur Heime und Hospizdienste geben immer häufiger die Möglichkeit zu diesen Besprechungen. "Auch große onkologische Praxen widmen sich immer mehr den ethischen Fallbesprechungen", sagt Dörries.

Grundsätzlich seien auch Hausärzte sehr interessiert, aber das Problem der Honorierung ist ungelöst. "Es wäre wünschenswert, wenn die Hausärzte diese Leistung abrechnen könnten", meint Dörries.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten im Konzert? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Orchester bietet beiden eine ganz besondere Konzertreihe - mit drei verschiedenen Formaten. mehr »