Ärzte Zeitung online, 01.06.2015

Pflege

Im Ausland wird kaum nach Arbeitskräften gesucht

Deutschland gehen die Pflegekräfte aus: Schon jetzt klagen Heime, Kliniken und Pflegedienste über Probleme, freie Stellen zu besetzen. Im Ausland nach Fachkräften zu suchen, ist dabei trotzdem für die meisten keine Option, wie eine aktuelle Befragung zeigt.

Von Anno Fricke

Im Ausland wird kaum nach Arbeitskräften gesucht

Mulin Lin bei der Arbeit im AWO-Seniorenzentrum in Magdeburg. Hier wurden alle Hindernisse überwunden.

© Wolf / dpa

BERLIN. Sie kommen aus Spanien, Polen, Rumänien und Griechenland. Auch Pflegekräfte aus Vietnam, den Philippinen und China sind im Alltag sichtbar. Doch trotz eines manifesten Fachkräftemangels - mehr als drei Fünftel der Pflegebetriebe haben offene Stellen - zucken viele Arbeitgeber vor dem Schritt auf ausländische Arbeitsmärkte noch zurück.

Zu diesem Ergebnis kommt die Bertelsmann Stiftung in ihrer am Montag veröffentlichten Studie "Internationale Fachkräfterekrutierung in der deutschen Pflegebranche".

Ausländische Pflegekräfte in Deutschland

73.600 ausländische Pflegekräfte waren 2013 in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Das waren 5,5 Prozent aller Pflegekräfte.

Mit 9949 Pflegekräften war Polen am stärksten vertreten, knapp gefolgt von der Türkei, woher 9071 Fachkräfte kamen. Das andere Ende der Skala bildet China mit 106 in Deutschland tätigen Pflegekräften.

Demnach haben nur rund 16 Prozent der dafür befragten 600 Unternehmen ausländische Fachkräfte im Einsatz. Mit gutem Erfolg: Drei von fünf Personalverantwortlichen sind mit den neuen Mitarbeitern zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Weil die bürokratischen Hürden bei der Einstellung ausländischer Pflegekräfte oft ebenso hoch sind wie die Sprachbarrieren, versuchen viele Unternehmer eher Personal von der Konkurrenz abzuwerben und die Mitarbeiter im Betrieb zu qualifizieren. Ein gutes Arbeitsklima und ein sinkender Krankenstand soll helfen, die Mitarbeiter zu halten.

Weniger Papierkram für mehr Zufriedenheit

Unterstützung kommt vom Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), der derzeit auf einer Tour durch Deutschland ist, um für die Annahme des von ihm mit angestoßenen Entbürokratisierungskonzepts zu werben. Weniger Papierkram soll für mehr Zufriedenheit beim Personal sorgen und Zeit für die Pflege am Bett freischaufeln.

Schon in zehn Jahren dürften in Deutschland zwischen 150.000 und 370.000 Vollzeitstellen in der Pflege fehlen, heißt es in der Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. "Wir werden die Herausforderung des drohenden Fachkräftemangels in der Pflege allerdings nicht alleine mit dem Zuzug von ausländischen Arbeitskräften bewältigen können", sagte Laumann der "Ärzte Zeitung" und betonte, dass er jede ausländische Pflegekraft durchaus für eine Bereicherung halte, solange sie angemeldet sei und ordentlich bezahlt werde.

Der Arbeitsmarkt in Deutschland sei jedoch so lange nicht ausgeschöpft, so lange das Problem der unfreiwilligen Teilzeit fortbestehe, schreibt Laumann den Unternehmern ins Stammbuch. Einer Untersuchung zufolge hat nur jede zweite Pflegekraft in Deutschland eine Vollzeitstelle.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie geben sieben Empfehlungen ab, wie ausländische Pflegekräfte reibungsloser in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Ganz oben steht die Forderung nach einem bundesweit einheitlichen und kompetenzorientierten Verfahren der Berufsanerkennung. Zudem sollten mögliche Bewerber schon zu Hause Möglichkeiten vorfinden, Deutsch zu lernen.

Beruf soll attraktiver werden

"Die Hürden für die Einstellung ausländischer Fachkräfte in Deutschland sind zu senken", forderte die pflegepolitische Sprecherin der SPD, Hilde Mattheis. Allerdings reiche die Anwerbung außerhalb Deutschlands nicht aus, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Der Beruf müsse attraktiver werden. Die Koalition werde noch im laufenden Jahr eine Ausbildungsreform anstoßen, mit der zum Beispiel die Akademisierung der Pflege vorangetrieben werden solle.

Auch ethische Standards fordern die Studienautoren ein. Die Umfrage habe deutlich gemacht, dass nicht alle Unternehmen von sich aus bedächten, dass sich durch ihr Engagement Lücken in der medizinischen und pflegerischen Versorgung der Entsendeländer auftun könnten.Einem Export des Pflegenotstandes in andere Länder erteilt die pflegepolitische Sprecherin der Fraktion der Linken, Pia Zimmermann eine Absage.

"Es ist verantwortungslos, Pflegekräfte aus Ländern abzuwerben, denen schon jetzt oder in absehbarer Zukunft selbst gut ausgebildetes Personal fehlt", sagte Zimmermann am Montag der "Ärzte Zeitung".Das sieht auch Grünen-Politikerin Elisabeth Scharfenberg so. "Die Arbeitsbedingungen der Pflegekrfte zu verbessern ist der richtige Ansatz", sagte sie der "Ärzte Zeitung". Dazu zählten Weiterbildung, die Vergütung und die Familienfreundlichkeit.

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