Ärzte Zeitung, 11.04.2013

Jugendliche

Wenig Bock auf Vorsorge

Mehr als jeder dritte Jugendliche scheut die Vorsorge-Untersuchung J1. Pädiater wollen sie jetzt via SMS, E-Mail und Facebook zur Teilnahme animieren.

Von Raimund Schmid

Wenig Bock auf Vorsorge

Vorsorge beim Kinder- oder Allgemeinarzt: Nur jeder dritte Jugendliche in Deutschland nimmt diese Möglichkeit wahr.

© JackF / Fotolia.com

WEIMAR. Nur 35 Prozent aller Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren nutzen die Jugendgesundheitsuntersuchung J1 beim Kinder- oder Allgemeinarzt. Dies sind zwar fünf Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

Von den Inanspruchnahmeraten der Kindervorsorgen, die je nach Alter und Bundesland zwischen 80 und nahezu 100 Prozent liegen, ist die J1-Quote aber noch weit entfernt.

Ursachen dafür wurden beim diesjährigen 19. bundesweiten Kongress für Jugendmedizin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Weimar analysiert.

So stellte der wissenschaftliche Kongressleiter Dr. Uwe Büsching zunächst fest, dass Krankheit für die meisten Jugendlichen "etwas ganz Fernes" sei, mit der sich viel junge Menschen überhaupt nicht beschäftigen möchten.

Jeder vierte Junge und jedes vierte Mädchen mit psychischen Auffälligkeiten

Eine Fehleinschätzung, denn nach den Ergebnissen der BELLA-Studie (Befragung zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten) weisen 24,8 Prozent der Jungen und 20,5 Prozent der Mädchen psychische Auffälligkeiten auf.

Zudem werde Vorsorge bei den Jugendlichen häufig mit Altersvorsorge gleichgesetzt und damit von vorneherein abgelehnt.

Schließlich fürchten viele Jugendliche, dass Ärzte gerade bei Leistungs- oder Verhaltensproblemen in der Schule gemeinsame Sache mit den Lehrern machen könnten. Büsching: "All das hält Adoleszente davon ab, zur Vorsorge zu gehen."

Dennoch sind punktuelle Erfolge durchaus möglich. So ist es zum Beispiel in Brandenburg gelungen, durch ein konsequentes Einladungswesen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes die Quote der J1 um fast zehn auf jetzt 43 Prozent hochzuschrauben.

Auch Recall-Systeme in der Praxis scheinen erfolgversprechend zu sein. So stellte der Berliner Jugendmediziner Dr. Burkhard Ruppert Ergebnisse aus seiner Praxis vor, nach denen zwei Drittel aller Jugendlichen positiv auf Erinnerungen an die J1 reagieren.

Auch Ruppert ist es so gelungen, deutlich mehr als nur jeden dritten Jugendlichen zur J1 zu bewegen.

"Recall 2000" soll Jugendliche animieren

Auf der Grundlage dieser positiven Erfahrungen will der BVKJ nun das Projekt "Recall 2000" etablieren.

So sollen in ausgewählten Praxen im vierten Quartal 2013 Jugendliche des Jahrgangs 2000, die in den zurückliegenden drei Jahren zumindest einmal in der Praxis gewesen sind, per SMS und E-Mail an die J1 erinnert werden. Und das zweimal im Abstand von rund drei Wochen.

Ausbauen will der BVKJ sein Facebook-Angebot, um Jugendliche zu erreichen, die niemals von sich aus eine Arztpraxis aufsuchen würden. Schließlich sollen auch Themen in der J1 zur Sprache kommen, die Jugendliche tatsächlich bewegen.

Dazu zählen Gewalt, Fitness, Sexualität und Medienkonsum. Gerade bei der Medienkompetenz besteht laut Büsching Handlungsbedarf, da inzwischen zwei Prozent eines jeden Jahrgangs (14.000 bis 16.000) als internetabhängig gelten.

35 Euro für 20 Minuten

Dazu entwickelt der BVKJ mit der Rheinischen Fachhochschule Köln derzeit einen Fragebogen, der in 100 Praxen mit jeweils 100 Jugendlichen getestet werden soll.

Allerdings wies Professor Ronald Schmid, Vizepräsident im BVKJ, darauf hin, dass eine J1 mit diesem hohen Anforderungsprofil und dem mittlerweile standardmäßigen Einsatz des 63-teiligen wissenschaftlich evaluierten Mannheimer Jugendlichen-Fragebogens nicht mehr in 20 Minuten absolviert werden kann.

Daher sei das Honorar von 35 Euro nicht mehr zeitgemäß.

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