Ärzte Zeitung online, 15.03.2018

DAK-Gesundheitsreport

Rätselhafter Rücken

Hoher Krankenstand, Fehlsteuerung in der Versorgung, unwirksame Prävention – Rückenleiden geben Gesundheitsexperten Rätsel auf. Ein Hamburger Sportmediziner denkt, dass Gesundheitskompetenz die Volkskrankheit zurückdrängen könnte.

Von Helmut Laschet

Rätselhafter Rücken

Rückenschmerz: ein Volksleiden. Jeder Versicherte hat im Durchschnitt 3,24 Fehltage deswegen.

© Lars Zahner / stock.adobe.com

BERLIN. Mit 324 Fehltagen je 100 Versicherten sind Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems die wichtigste Ursache von registrierter Arbeitsunfähigkeit – noch vor psychischen Erkrankungen. Das geht aus dem am Donnerstag anlässlich des Tags des Rückenleidens veröffentlichten DAK-Gesundheitsreport "Rätsel Rücken" hervor, den das IGES-Institut erstellt hat.

Nach einer Umfrage unter 5224 Beschäftigten im Jahr 2017 litten 27 Prozent unter Rückenschmerzen, in den zurückliegenden zwölf Monaten waren es sogar drei Viertel der Befragten. Bei knapp 15 Prozent war der Rückenschmerz chronifiziert. Ein großer Teil der Betroffenen lässt sich allerdings nicht vom Arzt krankschreiben.

Risikofaktoren für Rückenschmerz-bedingte Arbeitsunfähigkeit sind Chronifizierung, Übergewicht/Adipositas, Beamtenstatus, Arbeit in unbequemer Haltung sowie häufige Arbeitsüberlastung.

6 von 10 mit Physiotherapie

Wer ärztliche Behandlung in Anspruch nimmt, erhält zu 60 Prozent eine Physiotherapie, zu 42 Prozent Schmerzmittel. Jeder Dritte wird krank geschrieben, gut 31 Prozent erhalten Schmerzspritzen. Nur 20 Prozent werden beraten, wie sie mit dem Schmerz umgehen und ihn mildern können. Ein Gespräch zum Thema "Stress und Rückenschmerz" fand nur bei fünf Prozent der Patienten statt.

Um 80 Prozent ist die Zahl der Krankenhausfälle mit der Diagnose Rückenschmerz seit 2007 gestiegen. 46 Prozent der Betroffenen wurden dabei als Notfälle aufgenommen, zu großen Teilen werktags zwischen 8 und 11 Uhr, wenn auch die Praxen niedergelassener Ärzte geöffnet haben.

Dieter Nolting vom IGES-Institut sieht darin eine erhebliche Fehlsteuerung, denn viele Klinikpatienten erhalten eine interventionelle Schmerztherapie, die auch ambulant verfügbar wäre, 54 Prozent "sonstige Prozeduren", die eher unspezifisch seien.

Bei der Selbsthilfe der von Rückenschmerz Betroffenen setzen die meisten auf Ruhe: Wärmeanwendung (61 Prozent), Schmerzmittel (35 Prozent), Abwarten (34 Prozent). Immerhin 42 Prozent bewegen sich, etwa bei einem Spaziergang.

Mangelnde Kompetenz führt zu Schmerzen?

Zum besseren aktiven Umgang mit Rückenschmerzen bietet die DAK neuerdings das Online-Programm Rücken@Fit an, einen Dialog-Coach, der entsprechend der nationalen Versorgungsleitlinie für unspezifische Rückenschmerzen erstellt worden ist.

Eine wesentliche Ursache für die Häufigkeit von Rückenschmerzen sieht der Hamburger Sportmediziner Professor Ingo Froböse in mangelnder Gesundheitskompetenz. 80 Prozent der Schmerzen seien muskulär, bedingt. Präventiv — und, wenn es bereits schmerzt – helfe wechselnde Bewegung, die schon in Kita und Schule gelernt werden müsse. (HL)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
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Dr. V. Rachaniotis
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