Ärzte Zeitung, 11.07.2019

Kinderschutz

Hilfe für Ärzte bei Verdacht auf Kindesmissbrauch

Auf einem Campingplatz in Lügde sind jahrelang Kinder sexuell missbraucht worden. Damit solche Fälle früher ans Licht kommen, hoffen NRW-Politiker auf Ärzte und den Rettungsdienst. Helfen soll ihnen ein neues Kompetenzzentrum.

Von Ilse Schlingensiepen

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Wirksame Strukturen des Kinderschutzes fehlen: Wie können Ärzte Fälle der Gefährdung von Kindeswohl rechtzeitig erkennen?

© Patrick Pleul / dpa

LÜDGE. Der Missbrauchs-Skandal in Lügde hat erneut eindrücklich vor Augen geführt: Es ist unfassbar, was Erwachsene Kinder antun können – und wie lange das Martyrium der Opfer dauern kann, bevor jemand eingreift. Die Vorgänge in der westfälischen Stadt haben gezeigt, dass es an wirksamen Strukturen zum Kinderschutz mangelt.

Viele sehen ein Defizit bei den Handlungsmöglichkeiten von Ärzten bei Verdacht auf Kindesmissbrauch oder -misshandlung.

So hat sich die Expertenkommission für innere Sicherheit der nordrhein-westfälischen Landesregierung unter Leitung des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach dafür ausgesprochen, eine ärztliche Datenbank für solche Verdachtsfälle einzurichten.

Selbst wenn die betroffenen Kinder immer neuen Ärzten vorgestellt werden, ließe sich auf diesem Weg eine Häufung der Vorfälle erkennen. Auch die Ärztekammer Nordrhein spricht sich für eine solche Datenbank aus.

Eine fraktionsübergreifende große Mehrheit der Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag wolle effizientere Strukturen für den Kinderschutz in der Medizin schaffen, sagte Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei der Auftaktveranstaltung des Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW (KKG) in Köln.

„Der Landtag wollte, dass Ärzte ohne Einwilligung der Eltern Kollegen zur Beurteilung eines Falls einbinden können“, berichtete er. Nach einem Rechtsgutachten ist das aber zumindest auf Landesebene nicht möglich.

Zwei Millionen Euro Förderung

Weil das Land Ärztinnen und Ärzte bei Fragen des Kinderschutzes aber unterstützen will, entstand die Idee des KKG.

In der im April gegründeten Einrichtung werden die kinderärztliche und die rechtsmedizinische Kompetenz gebündelt. Hauptstandort ist das Institut für Rechtsmedizin an der Universität Köln. Es kooperiert mit der Medizinischen Kinderschutzambulanz der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln.

„Die beiden Klinken hatten die überzeugendsten Konzepte“, sagte Laumann. Das Ministerium fördert das Zentrum über drei Jahre mit knapp zwei Millionen Euro.

Das KKG hat zwei Schwerpunkte: die Beratung und Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten und anderen Akteuren im Gesundheitswesen bei allen Fragen rund um den Kinderschutz sowie die Entwicklung von Fortbildungen zum Thema.

Die Beratung erfolgt am Telefon oder über ein Online-Konsil. Dort können Ärzte anonymisierte Anfragen an die Rechtsmediziner senden und auch Fotos von Verletzungen hochladen. Alle Angebote sind kostenlos.

Schon in den drei Monaten des Aufbaus hat sich gezeigt, dass es Bedarf für die Leistungen des Zentrums gibt. Die Experten seien bereits in 35 Fällen um Rat gefragt worden, berichtete KKG-Leiterin Privatdozentin Sibylle Banaschak. „Es war alles dabei, was wir uns vorgestellt hatten.“

Schwerpunkt war die Interpretation von Verletzungen, es gab aber auch Fragen zum Verdacht auf sexuellen Missbrauch und zu vernachlässigten Kindern.

Rettungsdienst als wichtiger Baustein

Das KKG baut nach und nach den Kontakt zu Ansprechpartnern im Gesundheitswesen auf, um sich als Anlaufstelle bekannt zu machen. Es bietet Fortbildungen für Kinderschutzgruppen an Kliniken und unterstützt Häuser, die noch keine solche Gruppe haben. In einem nächsten Schritt werden niedergelassene Ärzte, Zahnärzte, der ÖGD und der Rettungsdienst eingebunden.

Der Rettungsdienst könne ein wichtiger Baustein sein, sagte Rechtsmedizinerin Banaschak. „Die Mitarbeiter kommen zum Teil in Wohnungen, in denen noch keiner war.“

Wenn ihnen Missstände auffielen, wüssten sie aber häufig nicht, wie sie sich verhalten sollten und an wen sie sich wenden können. „Über den Rettungsdienst können wir Kinder erfassen, die wir sonst nicht sehen.“

Die Ärzte der Kinderschutzambulanz in Datteln verfügen über eine breite multidisziplinäre Expertise in allen Facetten der Kindeswohlgefährdung, sagte Oberärztin Dr. Tanja Brüning, die Leiterin des Dattelner KKG-Standortes. „Durch die bedauerlich hohen Fallzahlen haben wir schon viel gesehen.“

Ziel der Experten in der Ambulanz sei eine breite Risikoeinschätzung. „Wir haben gemeinsam immer den Fokus auf dem Kind“, betonte sie.

Dauerhafte Strukturen nötig

Innerhalb des KKG beraten Dattelner Ärzte und Kliniken im Umgang mit Verdachtsfällen, über den eingetretenen oder befürchteten Schaden für das Kind – gerade dann, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt.

Außerdem bieten sie Unterstützung bei der Abklärung des Verdachts und der Einleitung von Hilfen.

Minister Laumann zeigt sich optimistisch, dass sich das KKG als wichtiges Element im Kinderschutz durchsetzen wird. Dann brauche es aber dauerhafte Strukturen, betonte er. „Aus der Projektfinanzierung muss die Regelfinanzierung werden.“

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