Ärzte Zeitung online, 05.09.2019

Statistik

Zahl der Suizide leicht zurückgegangen

Die Zahl der Selbsttötungen ist in Deutschland zuletzt gesunken. Experten machen jedoch weiter Aufklärungsbedarf aus. Denn noch immer rankten sich viele Mythen um das Thema Suizidalität.

Von Thomas Hommel

Zahl der Suizide leicht zurückgegangen

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist zuletzt unter 10000 pro Jahr gesunken – Experten sehen aber weiter hohen Präventionsbedarf.

© SIAM PUKKATO

BERLIN. Jedes Jahr sterben in Deutschland noch immer mehr Menschen infolge eines Suizids als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Darauf haben Vertreter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland (NaSPro) am Mittwoch in Berlin hingewiesen.

Laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes hätten sich 2017 in Deutschland 9241 Menschen das Leben genommen, teilten die Experten mit. Darunter hätten sich 6990 Männer und 2251 Frauen befunden.

„Das ist zwar die niedrigste Anzahl der in Deutschland erhobenen Suizide seit deren Höchststand im Jahr 1981“, betonte die Kommunikationsbeauftragte des NaSPro, Hannah Müller-Pein. 1981 lag die Zahl der Suizide den Angaben zufolge noch bei 18.825. Ein Grund zur Entwarnung bedeute der Rückgang aber nicht, zumal die Häufigkeit von Suiziden unterschiedlichen gesellschaftlichen und persönlichen Einflüssen unterliege. Eine Prognose, wie sich die Zahlen in den kommenden Jahren entwickeln würden, sei deshalb „sehr gewagt“.

9241 Menschen in Deutschland haben sich laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2017 das Leben genommen. 2016 waren es 9838 gewesen, ein Jahr zuvor 10.078 Menschen.

Die Leiterin des NaSPro, Professor Barbara Schneider, sagte, Suizidprävention gelinge nur, wenn Vorurteile und Mythen über Suizidalität abgebaut würden. Zu solchen Vorurteilen zähle etwa die Annahme, dass Menschen, die von Suizid redeten, sich nicht das Leben nehmen würden.

Gefährdung ansprechen

Ebenso irrig sei die Aussage, es sei besser, eine Suizidgefährdung nicht anzusprechen, da dies einen Suizid erst auslöse. Das Gegenteil sei richtig: „Wir möchten das vorurteilsfreie und vertrauensvolle Gespräch über den Suizid fördern. Das ist der erste Schritt zur Hilfe“, so Schneider.

Gelegenheit dazu bietet den Experten zufolge auch der „Welttag der Suizidprävention“ am 10. September. Der Aktionstag wird bundesweit von mehreren Informations- und Diskussionsveranstaltungen begleitet. Er wurde 2003 erstmals von der International Association for Suicide Prevention und der WHO ausgerufen. Ziel ist es, die Öffentlichkeit auf die noch immer verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam zu machen.

Laut WHO kommt es jedes Jahr weltweit zu rund 800.000 Suiziden. Damit nimmt sich statistisch gesehen alle 40 Sekunden ein Mensch selbst das Leben.

„Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen öffnet einen Weg zu Therapie“

Professor Reinhard Lindner, ebenfalls Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms, sagte, neben Informationen über Suizidalität brauche es dringend mehr Wissen in der Gesellschaft, wie psychische Erkrankungen entstünden und zu behandeln seien. „Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen öffnet einen Weg zu Therapie und Unterstützung, auch bei Suizidalität.“

Studien zeigten, dass etwa 90 Prozent der Menschen, die einen Suizid begingen, an einem erheblichen psychischen Problem litten. Allein Depressionen schlügen mit etwa 50 Prozent „zu Buche“. Gleichwohl sei nicht jeder, der depressiv erkrankt sei, suizidgefährdet. Mitunter könne bereits der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes zum Suizid führen, so Lindner.

Der Diplom-Psychologe und langjährige Sekretär des Suizidpräventionspogramms, Georg Fiedler, rief dazu auf, auch die hohe Zahl versuchter Selbsttötungen im Auge zu behalten. Auf jeden Suizid kämen etwa zehn bis 20 Suizidversuche.

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