Ärzte Zeitung online, 13.10.2017
 

Nahlah Saimeh zu ihrem Buch: Ich bring dich um!

Das Gewaltspektrum hat sich verändert

Dr. Nahlah Saimeh weiß, wieso aus scheinbar "normalen" Menschen Mörder werden können. Ihre Erfahrungen sind Thema in ihrem neuen Buch "Ich bring dich um!". Im Gespräch mit der Ärzte Zeitung schildert die Forensikerin, was heute typisch bei Gewalttaten ist.

Von Ruth Ney

Frauen holen bei der Gewalttätigkeit auf

Gewalttätigkeit ist vor allem ein Problem jüngerer Männer. Bestimmte schwere Deliktgruppen sind dabei seit Jahrzehnten insgesamt rückläufig. Sexualstraftaten machen nur 0,8 Prozent aller angezeigten Delikte aus.

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Ärzte Zeitung: Sie arbeiten schon seit vielen Jahren in der forensischen Psychiatrie und erstellen Gutachten über Gewalt- und Sexualverbrecher. Jetzt haben sie bereits ein zweites Buch über "ihre" Fälle vorgelegt. Was fasziniert Sie nach wie vor am Thema "Gewalt" und "Gewaltbereitschaft"?

Nahlah Saimeh: Gewalt finde ich nicht faszinierend. Ich sehe Gewalt als ein individuelles und als ein gesellschaftliches Problem an. Die Forensische Psychiatrie erfüllt eine sekundärpräventive Aufgabe. Wir behandeln psychisch schwerwiegend gestörte Menschen, die infolge ihrer psychischen Störung Straftaten begangen haben. Und wir erstellen Gutachten zur Schuldfähigkeit und zum Risikoprofil auch über Menschen, die nicht psychisch krank sind. Dann gilt es, die Persönlichkeit und die individuellen Risikofaktoren für Gewaltstraftaten zu beschreiben und Interventionsstrategien aufzuzeigen. Mit meinem Buch möchte ich eher den gesellschaftlichen Diskurs um Gewalt um eine Facette anreichern.

Hat sich etwas am Gewaltmuster oder der Gewaltbereitschaft in den letzten Jahren geändert?

Gewalttätigkeit ist vor allem ein Problem jüngerer Männer, aber die Frauen holen – leider – auch hier auf. Bestimmte schwere Deliktgruppen sind seit Jahrzehnten insgesamt rückläufig. Sexualstraftaten machen nur 0,8 Prozent aller angezeigten Delikte aus, wobei solche Übergriffe heute viel eher angezeigt werden. Tötungen im Zusammenhang mit Sexualstraftaten sind seit Jahren stabil auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den 60er bis 80er Jahren.

Gegenwärtig steigt die Zahl der fremdenfeindlich motivierten Straftaten und wenn Sie sich die Hasskommentare in den sog. "sozialen Medien" anschauen, dann gewinne ich den Eindruck, dass Hass, Vernichtungswut und Menschenverachtung im Schutz der Anonymität eher salonfähig werden, vor allem gegenüber den Menschen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten und sich engagieren. Und das Wiedererstarken schwerer terroristisch motivierter Gewalt ist natürlich auch ein Aspekt des letzten Jahrzehnts.

Welche Gründe stecken in der Regel hinter Gewaltverbrechen?

Das sind sehr unterschiedliche Gründe. Sie hängen ab von der Art des Gewaltdelikts, von der Täter-Opfer-Beziehung, also ob sich Täter und Opfer kannten oder nicht. Ob es ein Zufallsopfer ist oder ein Stellvertreter im Rahmen eines bestimmten Feindbildes. Dann muss man Motive aufgrund einer psychischen Erkrankung trennen von allgemein menschlichen Motiven wie Neid, Eifersucht, Kränkung, Habgier etc. Bei Sexualstraftaten muss man unterscheiden zwischen solchen, die aus günstigen Gelegenheiten, aus einer gesellschaftlich verschobenen oder überholten Grundhaltung oder aus einer speziellen sexuellen Paraphilie heraus begangen werden.

Bei Kindesmisshandlungen im direkten familiären Umfeld spielt oftmals eine psychosoziale Überforderung der Eltern eine Rolle, Drogenkonsum und nicht zuletzt die Unfähigkeit, kindliche Signale richtig zu deuten. Hinzu kommen individuelle Tätereigenschaften wie z.B. Impulsivität oder Gewaltaffinität.

Was kann die Gesellschaft – oder auch jeder Einzelne – aus diesen Motiven, die zu Gewalt führen, lernen?

Wenn wir im gesellschaftspolitischen Sinne dem Vormarsch von Hass und Gewaltbereitschaft begegnen wollen, dann müssen wir uns kümmern um die frustrierten Bedürfnisse von Menschen. Gewalttätigkeit erscheint ja oftmals als vermeintliches Mittel, um seiner Frustration, seiner Enttäuschung Luft zu machen. Häufig wird irgendein Übel im Außen verortet, die Schuld für die eigenen Schwierigkeiten im Leben Personen oder Gruppen zugeschoben, die man dann bekämpfen kann. Jeder Mensch sehnt sich im Grunde nach Wertschätzung.

Was oder welcher Fall hat Sie dennoch zuletzt dennoch überrascht?

So schnell bin ich nicht zu überraschen.

Frauen holen bei der Gewalttätigkeit auf

Das neue Buch

Ein Mann rast mit dem Lkw in eine Menschenmenge, eine Schülerin legt in ihrem Zimmer ein Waffenarsenal an, ein Altenpfleger tötet seine Patienten. Woher kommt der Hass? Nahlah Saimeh spannt in faszinierenden Fallbeispielen den Bogen von Gewalt im sozialen Umfeld bis zu Gewalt und Terror im öffentlichen Raum und regt jeden dazu an, an, sich zu fragen, wo er selbst steht. Denn: In jedem scheinbar "normalen" Menschen steckt die Anlage zur Gewalt.

Ich bring dich um! Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft

von Nahlah Saimeh

ISBN-13 9783711001368

ca. 240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Preis: 20,00 EUR

Auch im Fernsehen hat das Thema Forensik nicht zuletzt durch US-Serien wie "The Mentalist" oder "Bones" an Interesse gewonnen. Spiegeln sie die Realität wider?

Da ich die Serien persönlich nicht kenne, kann ich Ihnen dazu nichts sagen. Aber mitunter überholt die Realität jedes noch so abenteuerliche Drehbuch eines Krimis auf der Standspur.

Wie sehen Sie das als Medizinerin: Brauchen alle Täter auch eine Therapie? Wenn z.B. eine erhöhte Gewaltbereitschaft/Aggressionsneigung vorliegt – lässt sich das therapieren? Immer?

Für die Forensische Psychiatrie gilt das, was für die Medizin und für die therapeutischen Disziplinen insgesamt gilt: nicht jeder lässt sich gleich gut und gleich erfolgreich behandeln. Nicht jeder will eine Therapie. Man kann deliktrelevanten Faktoren wie eine gewaltlegitimierende Überzeugung oder Impulskontrolle ganz gut behandeln. Bei psychotischen Menschen geht es natürlich nicht ohne Medikation. Bei Menschen mit schweren sexuellen Paraphilien hilft eine forensische Psychotherapie plus antiandrogene Medikation. Selbst wenn Kriminaltherapie die Rückfallquote nur um 5 bis 10 Prozent senkt, werden in der Gesellschaft zig Millionen eingespart – mal ganz abgesehen von der Vermeidung individuellen menschlichen Leids.

Es ist aber nicht so, dass jeder Gewaltstraftäter einer Therapie bedarf. Wenn ich ein erfolgreicher Geschäftsmann bin und beschließe, meinen Geschäftspartner z.B. aus Habgier zu erschießen, dann gibt es nichts zu behandeln.

Ist unser Gesundheitssystem gut genug aufgestellt, um eine erfolgreiche Therapie und Reintegration von Gewaltverbrechern zu gewährleisten?

Die Reintegration von Gewaltstraftätern ist ja in erster Linie eine Aufgabe des Justizvollzuges. Mittlerweile wird aber auch der Justizvollzug immer mehr im Sinne einer kriminaltherapeutischen Institution umgebaut. Das ist auch sinnvoll, denn viele Menschen, die als voll schuldfähige Täter in Haftanstalten sitzen, haben trotzdem erhebliche Entwicklungsdefizite oder Impulskontrolldefizite. Straftäter-Therapie ist zeitaufwendig und dafür muss man sich auch als Therapeut aktiv entscheiden.

Oder umgekehrt: Ist die große Sorge in der Bevölkerung vor einem Rückfall – gerade bei Sexualstraftätern – nach ihren Erfahrungen begründet?

Wir sind in der Forensik dazu übergegangen, nicht von "Prognosen" zu sprechen, sondern von Risikobeschreibung und Risikomanagement. Rund die Hälfte der Sexualstraftäter insgesamt wird nicht rückfällig. Rund 16 Prozent begehen ganz allgemein dann andere Straftaten, aber keine Gewaltstraftaten und keine neuen Sexualstraftaten.

Rund 28 Prozent werden erneut sexuell gewalttätig rückfällig. Das sind so ganz grobe Zahlen. Die Risiken differieren aber je nach Tätergruppe sehr stark. Ein nicht behandelter kernpädophiler Straftäter hat unbehandelt ein hohes Rückfallrisiko, ein Inzesttäter ohne dissozial-psychopathische Persönlichkeit und ohne Pädophilie hat zumeist ein sehr, sehr niedriges Rückfallrisiko.

Wir neigen eher dazu, die einschlägige Rückfallgefahr zu überschätzen. Die Psychiatrie kann aber nicht normativ festlegen, mit welchem Restrisiko eine Gesellschaft in Bezug auf welche Gefahrenlagen zu leben hat. Das ist eine rechtsstaatliche Aufgabe.

Was müssen vielleicht Kliniken/psychologische Institutionen neu lernen oder mehr beachten in der Therapie von Gewalttätern?

Die Forensische Psychiatrie hat sich in den letzten 17 Jahren enorm professionalisiert. Die DGPPN hat jüngst im Rahmen einer interdisziplinären Taskforce Behandlungsstandards für die Forensische Psychiatrie erarbeitet.

Dr. Nahlah Saimeh

» geboren 1966 in Münster/Westfalen, studierte Humanmedizin und absolvierte anschließend eine Facharztausbildung zur Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

» Sie ist seit 2004 Ärztliche Direktorin im LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt.

» Sie war Gutachterin bei bekannten Kriminalfällen, unter anderem beim "Oma-Mörder" Olaf D.

» Ihr erstes Buch erschien 2012: Jeder kann zum Mörder werden – Wahre Fälle einer forensischen Psychiaterin

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