Ärzte Zeitung online, 12.02.2019

Rheinland

Landesverband setzt bei Behandlung von Flüchtlingen auf Digitalangebote

Online-Angebote werden bei der Behandlung von ausländischen Patienten mit psychischen Erkrankungen immer mehr Bedeutung gewinnen, glaubt man beim LVR.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) beteiligt sich an einem übergreifenden Projekt zur Entwicklung und Erprobung einer digitalen Anwendung für die Versorgung von Geflüchteten mit psychischen Erkrankungen.

Das Tool ziele sowohl auf die Diagnostik als auch die Therapie, berichtete Professor Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank anlässlich des Psychiatrie-Symposiums 2019 des Landschaftsverbands Rheinland.

Gouzoulis-Mayfrank ist Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Köln und Direktorin des LVR-Instituts für Versorgungsforschung. „Die Entwicklung beginnt jetzt, und in voraussichtlich zwei Jahren werden wir die Applikationen in unseren Kliniken einsetzen und evaluieren“, berichtete sie. Die Behandlungsergebnisse von Patienten, die die Anwendung nutzen, werden mit denen von Nicht-Nutzern verglichen.

Es soll sich zeigen, ob mit der digitalen Unterstützung Barrieren überwunden werden, die bei der Versorgung Geflüchteter durch Sprachprobleme und kulturelle Besonderheiten entstehen. „Wir fokussieren uns zunächst auf einige Sprachen.“

Spreu vom Weizen trennen

Digitale Medien werden in der Zukunft an Bedeutung gewinnen, erwartet die Ärztin. „Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, sie birgt Potenziale, aber auch Risiken.“

Aber man müsse die Spreu vom Weizen trennen und nur seriöse Angebote in die Versorgung lassen. Außerdem sei es wichtig, die neuen Anwendungen mit den etablierten Methoden von Diagnostik und Therapie zusammenzuführen.

Nach Überzeugung von Gouzoulis-Mayfrank müssen sich Psychiater mit solchen Neuentwicklungen auseinandersetzen und sie kennen, um für ihre Patienten die beste Therapie zusammenzustellen. „Für uns als Klinik und Teil des LVR-Klinikverbundes geht es darum, die technologische Umbruchphase mitzugestalten und nicht nur zuzusehen.“ Fachärzte und Kliniken würden daran gemessen wie gut sie den Patienten helfen können.

Veränderungen stehen auch durch den Einsatz genetischer Verfahren in der Früherkennung an. „Beim Thema Genetik in der Psychiatrie deutet sich eine Art Paradigmenwechsel an“, sagte Professor Johannes Hebebrand, Ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am LVR-Klinikum Essen. „Es gibt unzählige Studien mit dem Ziel, Genvarianten zu identifizieren, die psychische Krankheiten prädisponieren“, berichtete er.

Hilfreich sei, dass heutzutage große Datenmengen öffentlich verfügbar sind. „Wir können versuchen, die Daten zu verwenden, um neue Thesen für die Therapie zu generieren und im klinischen Alltag zu überprüfen“, sagte Hebebrand.

In der Kombination von Forschung und Versorgung liegt ein großer Vorteil eines Verbundes wie des LVR, zu dem auch ein Forschungsinstitut gehört, findet Professor Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LVR-Klinikum Essen. „Wir haben die Möglichkeit, wirksame Verfahren direkt in die Breite zu bringen.“

Austausch mit Niedergelassenen

Notwendig sei auch der Austausch über neue Verfahren mit den Niedergelassenen, betonte Professor Tillmann Supprian, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie am LVR-Klinikum Düsseldorf. In der „Initiative Düsseldorfer Experten gegen Alzheimer“ kooperierten Klinikärzte, Wissenschaftler und niedergelassene Ärzte.

„Da kann man solche Themen rasch kommunizieren.“ Bei der Auseinandersetzung mit Neuentwicklungen gehe es auch darum, keinem Hype unkritisch zu folgen. Ein Beispiel sei der Bluttest auf Alzheimer: „Die Leute verlangen danach, aber wir haben noch Probleme mit dem Test.“

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