Ärzte Zeitung, 28.05.2013
 

Top-Thema beim Ärztetag

Armut macht krank

Armut verringert die Lebenserwartung: Was seit Jahren bekannt ist, hat sich bis heute nicht geändert. Zwischen Arm und Reichen klaffen noch immer zehn Jahre Lebenserwartung. Für den Ärztetag ist Armut deswegen ein Top-Thema.

Von Christoph Fuhr

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Alle Habseligkeiten verstaut in Plastiktüten - ein Obdachloser in der Duisburger Innenstadt.

© McPhoto/imago

NEU-ISENBURG. Langsam und schwerfällig bewegt sich der alte Mann durch die Einkaufspassage. Er wirkt ungepflegt, schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, voll beladen mit Habseligkeiten, die mehr schlecht als recht in löchrigen Plastiktaschen verpackt sind.

Er lebt auf der Straße und ist obdachlos. Welche Lebenserwartung hat dieser Mann? Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Experten gehen davon aus, dass Wohnungslose im Durchschnitt etwa 15 Jahre früher sterben als Männer und Frauen mit festem Wohnsitz. Erfrierungen, Lungenentzündungen, aber auch Herzinfarkte sind häufige Todesursachen.

Die Lebenserwartung hat bei der Diskussion um den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Armut eine fundamentale Bedeutung. Wer reich ist, lebt länger, heißt es. Das bedeutet analog: Wer arm ist, lebt kürzer. Aber wer gilt eigentlich als arm?.

Auf Ebene der EU hat man sich vor zwölf Jahren auf eine Konvention geeinigt. Danach ist von einem Armutsrisiko bei Personen in Haushalten auszugehen, die über ein Netto-Äquivalenzeinkommen verfügen, das weniger als 60 Prozent des Mittelwertes aller Haushalte beträgt.

Daten über Jahrzehnte gesammelt

Wenn in Deutschland Berechnungen über Lebenserwartungen der Bevölkerung angestellt werden, dann wird in der Regel mit Datenmaterial des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) gearbeitet.

Seit Mitte der 80er Jahre sind fortlaufend Daten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gesammelt worden. Sie bieten ein gutes Fundament für die komplizierte Berechnung von Lebenserwartungen..

Analysen vor dem Hintergrund der EU-Vereinbarung - verwertet wurden Zahlen für den Zeitraum 1995 bis 2005 - brachten bemerkenswerte Ergebnisse. Bei der Geburt liegt in Deutschland die mittlere Lebenserwartung bei Frauen aus der Armutsrisikogruppe rund acht Jahre unter der von Frauen aus der hohen Einkommensgruppe (Verdienst: 150 Prozent und mehr des mittleren Netto-Äquivalenzeinkommens aller Haushalte).

Noch krasser ist der Unterschied bei Männern. Hier kommt es zu einer Differenz von elf Jahren Lebenserwartung - bei Menschen also, die an ein und demselben Tag in Deutschland geboren wurden.

Alles nur Statistik, gewiss, und dennoch: die Tendenz ist eindeutig. Aber wie sind diese extremen Unterschiede zu erklären? Das Robert Koch-Institut hat die Ergebnisse vieler Studien zu diesem Thema in seiner Broschüre "Armut und Gesundheit" zusammengefasst.

Viele Ansatzpunkte, wenig Erfolg

Bei Menschen, die in Armut leben, kommen viele Erkrankungen, Gesundheitsbeschwerden und Risikofaktoren im Vergleich zu einkommensstärkeren Bevölkerungsschichten gehäuft vor.

Sie leben oft riskanter, rauchen häufiger, essen ungesünder, treiben weniger Sport. Menschen in Armut geraten psychisch häufiger unter Druck. Oft sind sie auch sozial schlecht vernetzt und werden so anfälliger für Krankheiten.

Wie kann die Gesundheit dieser Menschen verbessert werden? Die Politik steht in der Pflicht. Veränderungen zum Positiven sind nicht zu erkennen. Unterschiede im Gesundheitszustand und im Gesundheitsverhalten, die sich am Einkommen festmachen lassen, haben sich in den vergangenen Jahren nicht verringert.

Damit bleibt auch das krasse Missverhältnis in der Lebenserwartung zwischen Arm und Reich bestehen. Ein Grund mehr, dass der Deutsche Ärztetag in Hannover dieses gravierende gesellschaftliche Problem erneut zum Thema macht.

Ärztetag: "Armut und Arbeitslosigkeit machen krank"

Der Deutsche Ärztetag sieht eine besondere Verantwortung, wenn es um die Gesundheit von Menschen aus armen Gesellschaftsschichten geht. Der Problemkreis Armut gehört deshalb zu den Kernthemen des Ärztetags, der am Dienstag in Hannover beginnt.

Schon beim Ärztetag 2005 in Berlin hatten sich die Delegierten mit dem Themenkomplex beschäftigt und dabei speziell die Arbeitslosigkeit in den Fokus gerückt.

"Arbeitslosigkeit und Armut lassen Menschen früher altern, rascher krank werden, sie rauben die Initiative zur eigenen Gesundheitsförderung, zerstören die Motivation zur Prävention, mindern gesundheitliche Potenziale und fördern gesundheitsbelastende Verhaltensweisen", hieß es damals im Beschlussprotokoll.

Acht Jahre später haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Nicht mehr Arbeitslosigkeit dominiert die Debatte, sondern die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Zeitarbeit oder prekären Beschäftigtenverhältnissen arbeiten und von ihrem Lohn nicht leben können.

Dies betrifft überdurchschnittlich häufig Frauen und junge Erwachsene. Das Thema "Armut und Gesundheit" bleibt für die Ärztetagsdelegierten unter veränderten Vorzeichen aktuell. (fuh)

Wohl dem, der aufs Gymnasium gehen darf

Gymnasium oder Haupt- und Realschule? Der vor Kurzem vorgelegte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung macht deutlich, dass der Schulabschluss nicht nur mit Blick auf die spätere berufliche Karriere eine fundamentale Bedeutung hat.

Wenn sie erst einmal den Sprung aufs Gymnasium schaffen, haben Jugendliche aus sozial schwachen Familien auch ähnlich gute Gesundheitschancen wie Schüler aus sozial besser gestellten Elternhäusern. Sie kompensieren mögliche Sozialisationsdefizite ihrer Kindheit.

Und die sind oft gravierend - etwa beim Stichwort Ernährung. So essen Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien im Vergleich seltener frisches Obst und Gemüse oder Salat und Rohkost. Sie konsumieren viel häufiger Fast Food und zuckerreiche Getränke.

Ihr Risiko für Übergewicht ist um mehr als das Doppelte, für Adipositas sogar um das Dreifache erhöht, so der Armutsbericht mit einem Verweis auf Ergebnisse der KiGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Häufiger als ihre Altersgenossen haben diese Jugendlichen auch psychosomatische Beschwerden oder Verhaltensauffälligkeiten, die sich zunehmend verfestigen und spätere Lebenschancen negativ beeinflussen.

Gesundheitsverhalten, das Kinder erlernen, hängt danach nicht nur von der Bildung und der sozialen Lebenslage der Eltern ab, sondern auch von der Sozialisation in unterschiedlichen Schultypen.

In Gymnasien wären Kinder am besten aufgehoben, doch viele kommen dort erst gar nicht an: Von 100 Nicht-Akademikerkindern machen nur 45 das Abitur, weitaus mehr, nämlich 81 Jungen und Mädchen aus Akademikerhaushalten, erreichen das gleiche Ziel. (fuh)

EU-Wirtschaftskrise: Zahl der Suizide nimmt zu

In vielen der von der Wirtschaftskrise besonders stark gebeutelten EU-Ländern steigt die Zahl der Suizide. Vor dem Ausbruch der Krise im Jahr 2009 nahmen sich zum Beispiel in Griechenland 677 Menschen das Leben.

2011 waren es nach offiziellen Zahlen 927 - mit steigender Tendenz im vergangenen Jahr. Begründet wurde der Suizid in den meisten Fällen mit den finanziellen Auswirkungen der Wirtschaftskrise.

In vielen der betroffenen Länder sind Selbstzahlungen wichtigste Finanzierungsquelle für Gesundheitsausgaben. Im Jahr 2010 war nach OECD-Daten der Anteil der Zahlungen aus eigener Tasche in Zypern (49 Prozent), Bulgarien (43 Prozent) und Griechenland (38 Prozent) am höchsten. Am niedrigsten war der Anteil in den Niederlanden (sechs Prozent).

Wenn Geld für den eigenen Lebensunterhalt an allen Ecken und Enden fehlt, hat das für die Betroffenen fatale Folgen: Sie gehen immer später oder auch überhaupt nicht mehr zum Arzt. Ein Phänomen, das in den Vereinigten Staaten seit jeher weit verbreitet ist - jetzt gehört es offenbar auch in Europa zum Versorgungsalltag. (fuh)

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