Ärzte Zeitung, 02.06.2014

Ärztetag

Priorisierung muss hinein ins SGB V!

Priorisierung muss hinein ins SGB V!

Der Ärztetag lässt nicht locker: Dass Priorisierung mit Blick auf die Zukunft der medizinischen Versorgung eine gute Handlungsoption sein könnte, ist in der politischen Debatte noch nicht richtig angekommen.

BERLIN. Das waren noch Zeiten, als die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die aufkommende Debatte um Priorisierung im Gesundheitswesen als "menschenverachtend" bezeichnete. Fünf Jahre ist das her, reichlich langsam gewinnt der Begriff in der Gesundheitspolitik auch im positiven Sinn an Bedeutung.

"Priorisierung hat primär nichts mit Kosteneinsparung zu tun", stellte Bremens Kammerpräsidentin Dr. Heidrun Gitter in Düsseldorf noch einmal unmissverständlich klar.

Sachsens Kammerchef Professor Jan Schulze, in der BÄK für dieses Thema zuständig, zitierte den nach Schweden ausgewanderten deutschen Arzt Professor Jörg Carlsson, für den es bei der Priorisierung darum geht, "ein Mehr des Sinnvollen auf Kosten des weniger Sinnvollen zu erreichen - und dies möglichst zur Gewährleistung einer hinreichenden Verteilungsgerechtigkeit für alle Patienten, unabhängig vom Alter, sozialer Schicht oder Einkommen."

Begriff muss enttabuisiert werden

Der Ärztetag sprach sich mit großer Mehrheit dafür aus, dass sich die Ärzteschaft weiter dem Thema Priorisierung widmet. Schulze wies darauf hin, dass sich die Bevölkerung nach Befragungen eine aktive Rolle von Ärztinnen und Ärzten bei Entscheidungen über GKV-Leistungen wünscht (84 Prozent) - und genau um diese Leistungen geht es auch bei der Priorisierung.

Die demografische Entwicklung und der medizinische Fortschritt führten angesichts begrenzter Ressourcen zu großen Herausforderungen, Versorgung auf dem heutigen Niveau aufrechtzuerhalten, so Schulze weiter. Priorisierung könnte helfen, dieses Dilemma aufzulösen.

Der Begriff muss "enttabuisiert" und im SGB V festgeschrieben werden, forderten die Delegierten. Welche medizinischen Leistungen sind vor-, welche sind nachrangig? Wenn es gelinge, in einer breiten Öffentlichkeit einen Konsens mit Blick auf diese Fragen zu finden, könnte das ein wirksames Gegengewicht gegen eine immer stärker werdende Ökonomisierung der Medizin sein.

BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomerys Vorgänger Professor Jörg-Dietrich Hoppe hatte bereits beim Ärztetag 2009 auf eine in Schweden gängige Priorisierungspraxis verwiesen. Dort stehen Patienten in Not und mit starken Schmerzen bei der Versorgung an erster Stelle. Danach erst folgen Menschen, die weniger leiden und bei denen medizinische Eingriffe planbar sind. (fuh)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Quereinstieg zum Hausarzt – reicht ein Jahr Weiterbildung?

Der Deutsche Hausärzteverband warnt vor einer Verwässerung der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Ein Jahr Weiterbildung reiche nicht für Umsteiger aus der Klinik. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »