Ärzte Zeitung online, 23.11.2015

Quality of Life-Preis

Lebensqualität "radikal subjektiv messen"

Neue Messkonzepte und Studien zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität sind mit dem diesjährigen Quality of Life-Preis ausgezeichnet worden.

Von Florian Staeck

BAD HOMBURG. Drei Wissenschaftlerinnen sind für ihre neuen Ansätze zur Messung und Beschreibung von gesundheitsbezogener Lebensqualität mit dem von Lilly Deutschland verliehenen Quality of Life-Preis ausgezeichnet worden. 35 Arbeiten waren für den Wettbewerb, der seit 1996 jährlich ausgeschrieben wird, eingereicht worden.

Mit Arbeiten über Lebensqualität als "radikal subjektives Wohlbefinden" hat Dr. Christine Blome vom Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) den ersten Preis gewonnen.

Die Psychologin legt dar, dass die gängigen Messungen von Lebensqualität mit systematischen Verzerrungen einhergehen. Gemessen werde dabei nicht nur das subjektive Empfinden der Patienten wie etwa Schmerzen, sondern auch objektive, durch die Krankheit verursachte Umstände, die als Beeinträchtigung wahrgenommen werden, beispielsweise bei der Mobilität.

Alternativer Messansatz

Diese beiden unterschiedlichen Konstrukte würden bisher durch die gängigen Messungen in einen Gesamtwert eingerechnet, erläuterte Blome am Freitag bei der Preisverleihung in Bad Homburg. Zwischen den objektiven Umständen der Krankheitsbeeinträchtigung und der subjektiv erlebten Lebensqualität gebe es aber keinen konsistenten Zusammenhang, warnte sie.

Ein alternativer Messansatz, der diese Schwierigkeiten umgeht, liegt aus Sicht von Blome in einem als "Experience Sampling" bezeichneten Vorgehen. Dabei werden Patienten durch ein mobiles Gerät in zufällig ausgewählten Momenten, die über den Tag verteilt sind, gebeten, ihr aktuelles Befinden anzugeben.

Zwei Arbeiten sind mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden. Prämiert wurde die Arbeit von Professor Karen Steindorf vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg.

Sie untersuchte mit Kollegen, ob bei Brustkrebspatientinnen unter Strahlentherapie körperliches Training geeignet ist, um Fatigue zu verhindern oder einzudämmen. Patientinnen leiden oft noch Jahre nach der Heilung der Primärerkrankung an krebsbedingter Erschöpfungssymptomatik.

Über zwölf Wochen nahmen 80 Teilnehmerinnen zweimal wöchentlich an einem Krafttraining teil. Sie litten signifikant seltener unter Fatigue als die Teilnehmerinnen einer gleich großen Kontrollgruppe, die in gleicher Frequenz ein Entspannungstraining nach der Jacobsen-Methode erhielten.

Krafttraining bei Brustkrebs

Steindorf konnte zeigen, dass Patientinnen in der Krafttraining-Gruppe signifikant seltener an Fatigue litten. Die positiven Resultate gingen dabei über die - zu erwartenden - psychosozialen Effekte von gruppenbasierten Interventionen hinaus, betonte sie. "Krafttraining sollte als supportive Therapie bei Brustkrebspatientinnen während der Strahlen- und Chemotherapie angeboten werden", forderte Steindorf.

Ebenfalls mit dem zweiten Preis prämiert wurde Dr. Eva Morawa von der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Sie hat protektive und Risikofaktoren für gesundheitsbezogene Lebensqualität bei türkisch- und polnischstämmigen Migranten untersucht. Dabei erhob sie auch Daten einer Kontrollgruppe im jeweiligen Herkunftsland, um Aussagen über kulturspezifische Aspekte der Lebensqualität machen zu können.

Bei beiden Gruppen sei der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Diskriminierung und Lebensqualität statistisch bedeutsam gewesen, berichtete Morawa. Dabei stellte sie für die türkischen Migranten schlechtere körperliche und psychische Lebensqualität sowie höhere Depressionswerte im Vergleich zum polnischen Studiensample fest.

Dagegen seien Lebensqualität und Häufigkeit von Depressionen bei polnischen Migranten vergleichbar gewesen mit der Stichprobe in der einheimischen deutschen Bevölkerung.Mit dem Quality of Life-Preis will das Unternehmen Lilly Wissenschaftler fördern und eine Plattform für Lebensqualitätsforscher bieten.

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