Ärzte Zeitung online, 10.05.2016

Deutschland

Wundversorgung liegt im Argen

Fachleute schlagen Alarm: Kommunikationsdefizite von Ärzten untereinander sowie mit Therapeuten beeinträchtigen die Lebensqualität tausender Patienten mit chronischen Wunden.

Von Anno Fricke

Wundversorgung liegt im Argen

Ulcus am Unterschenkel. Die ärztliche und pflegerische Versorgung ist regional unterschiedlich gut.

© Klaus Rose

BERLIN. Die Wundversorgung in Deutschland liegt im Argen. Darauf haben Fachleute am Dienstag in Berlin hingewiesen.

"Chronische Wunden sind häufig, belastend, teuer und überwiegend vermeidbar", sagte Professor Matthias Augustin im Vorfeld des Internationalen Wundkongresses, der vom 11. bis 13. Mai in Bremen stattfindet.

Rund 1,2 Millionen Menschen, in der Regel älter als 70 Jahre, litten an diabetischen Fußwunden, Unterschenkelgeschwüren und Druckgeschwüren, sagte der Dermatologe und Versorgungsforscher am UKE in Hamburg unter Bezug auf Abrechnungsdaten der Krankenkassen.

Acht Milliarden Euro im Jahr wendeten die Kostenträger nur für diese Indikationen auf.

Oft vergeht viel Zeit

Bis offene Wunden akkurat versorgt werden, vergeht zu viel Zeit. Im Schnitt dauere es von den ersten Symptomen eines Altersdiabetes oder einer Gefäßerkerkrankung elf Jahre, bis sich eine offene Wunde ausbilde.

Vom ersten Arztkontakt wegen einer Wunde bis zur korrekten Diagnosestellung dauere es zudem im Schnitt 3,9 Jahre. "Wir haben es mit einer zu späten Identifizierung von Patienten und mit verpassten Chancen zu tun", sagte Augustin.

Bei Unterschenkelgeschwüren würden bundesweit nur rund 40 Prozent der Patienten mit Kompressionsbandagen behandelt, 60 Prozent nicht, warnte Augustin.

Regional gebe es eklatante Unterschiede. Bayern schneide dabei am schlechtesten ab, die Situation in den Stadtstaaten sei besser, aber auch nicht hervorragend.

Am besten funktioniere die Versorgung in den bundesweit inzwischen 47 frei vereinbarten Wundnetzen von niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern, Podologen, weiteren Therapeuten und Sanitätshäusern.

"Die Wundversorgung ist eine Querschnittsaufgabe", bestätigte der Pflegebeauftragte der Unionsfraktion Erwin Rüddel (CDU). Hier scheint es jedoch zu klemmen. "Ich höre immer wieder, dass nicht alles Nötige bei den Patienten ankommt", sagte Rüddel.

Vernetzung und mehr Flexibilität bei den Krankenkassen könnten Linderung schaffen. Mit einem großen Wurf beim Überschreiten der Sektorengrenzen rechne er so bald jedoch nicht, so Rüddel.

Pflegepersonal muss aufmerksam sein

Umfragen zufolge sind die Ansprüche der Patienten nicht ausschließlich auf die völlige Heilung ausgerichtet. Schmerzfreiheit und weniger Arztkontakte - sprich Autonomie - sowie die Förderung sozialer Kontakte durch Unterdrückung von Wundgeruch genießen ebenfalls hohen Stellenwert.

"Produkte, die wir dringend in der Wundbehandlung brauchen, müssen nicht zwingend zu einer Abheilung führen", sagte Augustin mit Blick auf die Nutzenbewertung von Medizinprodukten durch die Selbstverwaltung.

Auch die Aufmerksamkeit des Pflegepersonals ist gefragt. Hautpflegeprodukte würden zu häufig in gutem Glauben oder sogar achtlos eingesetzt. Das hat eine Untersuchung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité ergeben.

Wirksamkeitsnachweise seien nicht ausschlaggebend, die Anforderungen der Haut von Pflegebedürftigen werde kaum berücksichtigt, heißt es in einer aktuellen Mitteilung des ZQP.

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