Ärzte Zeitung, 07.05.2009

"Qualitätsabhängige Vergütung ja - aber bitte mit Zeit, Sinn und Verstand"

Professor Joachim Szecsenyi warnt Ärztenetze vor übertriebenem Ehrgeiz

BERLIN (ble). Führende Experten auf dem Gebiet der ambulanten und stationären Qualitätssicherung haben vor einem übereilten und totalen Einstieg in eine qualitätsabhängige Vergütung von Niedergelassenen und Kliniken gewarnt.

Qualitätstransparenz zu erreichen braucht Zeit, davon ist Joachim Szecsenyi überzeugt.

Foto: mm

Trotz einer inzwischen ausreichenden Anzahl von Qualitätsindikatoren gelte es, sich schrittweise an Pay-for-Performance-Modelle (P4P) im Gesundheitswesen heranzutasten, sagte Professor Joachim Szecsenyi von der Universität Heidelberg auf einem Symposium des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin.

Die Erfahrungen vieler Ärztenetze zeigten, dass es Zeit brauche, um genügend Qualitätstransparenz zu erreichen und die Vergütung anschließend an besondere Leistungsqualität zu koppeln. Szecsenyi warnte dabei vor übertriebenem Ehrgeiz: Oft versuchten Ärztenetze, qualitätsabhängige Vergütungsmodelle auf einen Schlag einzuführen, erläuterte der Wissenschaftler.

Zudem kommen laut Szecsenyi, der auch Geschäftsführer des Göttinger AQUA-Instituts ist, handfeste Probleme bei der Einführung von P4P. So seien viele Patientenakten in ihrer jetzigen Form unbrauchbar, weil sie nicht lesbar und nur nach dem Datum "geordnet" sind. "Patientenakten funktionieren nach wie vor nach dem Zufluss-Prinzip" so Szecsenyi weiter. Notwendig sei aber ein krankheitsepisodenorientiertes Ordnungsprinzip. Dies gelte auch für elektronische Patientenakten.

Um die Ärzte für eine bessere Aufzeichnung ihrer Therapien zu interessieren, kann sich Szecsenyi vorstellen, gute Dokumentation mit einem P4P-Zuschlag zu honorieren. Bislang müsse man konstatieren, dass "Ärzte die Dokumentation nicht lieben".

Nach Ansicht des Geschäftsführers der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf, Dr. Christof Veit, liegt die Chance durch P4P eher in einer punktuellen Optimierung der Versorgung. "Wir dürfen uns Medizin nie so vorstellen, dass wir alles flächendeckend kontrollieren könnten." Allerdings werde es künftig möglich sein, breitere Bereiche der Versorgung über Routinedaten zu beobachten und Auffälligkeiten gezielt nachzugehen.

Dabei sei auch vorstellbar, den Versuch zu unternehmen, aus Strukturproblemen resultierende Defizite in der Versorgungsqualität durch Bonuszahlungen zu beheben, so Veit.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Eine Chance für die Ärzteschaft

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

In kleinen Schritten zum Normalgewicht

Manch eine Adipositas-Therapie scheitert daran, dass die geforderte große Gewichtsabnahme Betroffene abschreckt. Forscher plädieren nun dafür, die Stoffwechsel-gesunde Adipositas als erstes Therapieziel zu definieren. mehr »

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »