Ärzte Zeitung online, 16.04.2019

DEGUM

Ovarialkarzinom – Plädoyer für Ultraschall auf Kasse

Der Ultraschall der Eierstöcke geht nur im Verdachtsfall auf Kasse. Ein Fehler, so die DEGUM.

STUTTGART. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) setzt sich für ein hohes Qualitätsniveau der Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke ein. Momentan bewerte der von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierte IGeL-Monitor den Nutzen des Ultraschalls der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung als negativ.

Wenn kein akuter Verdacht auf die Erkrankung besteht, müssen Frauen den Ultraschall der Eierstöcke also als IGeL selbst bezahlen. Das ist Professor Eberhard Merz, Leiter des Zentrums für Ultraschalldiagnostik und Pränatalmedizin Frankfurt, ein Dorn im Auge. „Das Ultraschallverfahren zur Früherkennung von Eierstockkrebs sollte künftig eine Leistung der Krankenkassen werden – auch wenn kein akuter Verdacht auf Eierstockkrebs besteht“, fordert der ehemalige DEGUM-Präsident. So könne die Überlebensrate der Patientinnen deutlich verbessert werden.

Das Ovarialkarzinom tritt meistens erst bei älteren Frauen auf. Weil sich ein bösartiger Tumor oft schon weit entwickelt hat, wenn er entdeckt wird, hat Eierstockkrebs eine ungünstige Prognose: Nach fünf Jahren leben nach Angabe des Robert Koch-Instituts (RKI) nur noch etwa 41 Prozent der Patientinnen.

„Wichtig für das Überleben der Betroffenen ist eine möglichst frühe Diagnose. Eine gute Möglichkeit hierzu bietet das Ultraschallverfahren, denn bestimmte Muster im Ultraschallbild lassen eine Krebsgeschwulst ziemlich eindeutig erkennen. So wird eine deutliche Unterscheidung von harmloseren Erkrankungen wie Eierstockzysten möglich“, erklärt Merz.

Entscheidend für eine sichere Diagnose seien die Qualifikation des behandelnden Arztes und erstklassige Ultraschallgeräte. Die DEGUM sorge mit ihren Zertifizierungen für entsprechende Standards undgewährleiste sowohl auf personeller als auch auf gerätetechnischer Ebene ein hohes Qualitätsniveau. „Patientinnen sollten darauf achten, die Ultraschalluntersuchung möglichst bei einem von uns zertifizierten Arzt durchführen zu lassen“, rät Merz. (maw)

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[18.04.2019, 09:43:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Das sagt eigentlich Alles!
Nachtrag:

IGeL Monitor - Impressum
https://www.igel-monitor.de
Verantwortlich für den Inhalt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs „ Evidenzbasierte Medizin“ des MDS. Projektleitung Dr. Christian Weymayr, freier Medizinjournalist.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[17.04.2019, 18:20:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Wasser predigen und Wein trinken"?
Die Positionen der IGeL-Monitor-Autoren/-innen erstaunen:

Denn warum ist dann zugleich die qualifizierte Ultraschalldiagnostik bei konkretem Verdacht auf Ovarialkarzinom-Diagnose als Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) alternativlos?

Der "IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes der Gesetzlichen Krankenkassen", schreibt weiterhin g e g e n "Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung"
https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/ultraschall-der-eierstoecke-zur-krebsfrueherkennung.html

Unter "IGeL-Info kompakt" steht dort wörtlich: "Einen Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung bewerten wir mit „negativ“...Besteht ein Verdacht auf Eierstockkrebs ist der Ultraschall eine GKV-Leistung, ohne Verdacht eine IGeL" (Zitat Ende).

Unter "IGeL-Info ausführlich" steht: "Eierstockkrebs, auch Ovarialkarzinom genannt, ist eine relativ häufige Krebstodesursache bei Frauen. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 68 Jahren. Um den Krebs frühzeitig erkennen und behandeln zu können, werden unterschiedliche Methoden angeboten: das Abtasten des Beckenraums, die Ultraschalluntersuchung und verschiedene Bluttests, beispielsweise der Test auf den Tumormarker CA-125. Besteht kein Verdacht auf Eierstockkrebs, wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur das jährliche Abtasten ab dem 20. Lebensjahr bezahlt, die anderen Methoden sind IGeL. Bei Verdacht ist die Ultraschalluntersuchung eine wichtige Diagnosemethode und deshalb GKV-Leistung."
https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/ultraschall-der-eierstoecke-zur-krebsfrueherkennung.html

Und weiter mit dem verharmlosenden Begriff "Gesundheitsproblem", obwohl es sich um eine lebensbedrohende Krankheit handelt: "Jährlich erkranken in Deutschland etwa 7.500 Frauen an Eierstockkrebs, 5.500 sterben daran. Damit ist der Eierstockkrebs nach Brust-, Lungen-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs die fünfthäufigste Krebstodesursache der Frauen. Jeder zehnte Eierstockkrebs geht auf vererbte Fehler in den Genen zurück.
Die Ultraschalluntersuchung gilt als das wichtigste Verfahren, um bei einer Frau, die bereits Beschwerden hat, einem Krebsverdacht nachzugehen" (Zitat Ende).

Wohlwissend, dass die bi-manuelle Tastuntersuchung als Krebsvorsorge bei der Frau das Ovarialkarzinom gerade n i c h t rechtzeitig erfassen kann, hebt der GKV-IGeL-Monitor im Folgenden darauf ab, dass u.a. eine "im Juni 2011 [8 Jahre alte!] veröffentlichte große Studie („PLCO-Studie“) zeigen, dass die Treffsicherheit gering ist: Viele auffällige Befunde stellen sich als Fehlalarm heraus und etliche Tumore werden übersehen. Grob lässt sich sagen, dass von 100 Frauen, bei denen der Ultraschall etwas Auffälliges findet, am Ende 1 Frau die Diagnose Eierstockkrebs erhält. Alle anderen auffälligen 99 Befunde sind also Fehlalarme. Außerdem wird etwa 1 von 3 Tumoren nicht durch die Untersuchung gefunden – weil er entweder übersehen wurde oder weil er zum Zeitpunkt der Untersuchung zu klein oder noch gar nicht vorhanden war."

Das "Fazit" ist fragwürdig: "Einen Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung bewerten wir auch nach einer erneuten Literaturrecherche im Juli 2014 als „negativ“, so "IGeL-Info ausführlich".

Verschwiegen wird dabei, dass bei einer derartig hochmalignen und aggressiv verlaufenden Krebserkrankung eine Frühdetektion gar nicht sofort auf die Gesamtmortalität durchschlagen kann. Es ist ein diagnostisches Armutszeugnis, zu behaupten: "Diese und weitere identifizierte Studien zeigen jedoch auch, dass aufgrund der Untersuchung Frauen unnötig beunruhigt, sowie in eher seltenen Fällen operiert, und zu Krebspatientinnen werden. Auf Grund der Datenlage werten wir dies als Belege für geringe Schäden.
Die erneute Literatursuche lieferte keine neuen Studien, aber eine neue Empfehlung deutscher medizinischer Fachgesellschaften sowie eine aktualisierte Empfehlung eines US-amerikanischen Gremiums. Beide Expertengruppen lehnen die Untersuchung ab."

Denn dies steht im Gegensatz zu einer bereits drei Jahre alten Publikation von US- Ovarialkarzinom-Experten: Ovarialkarzinome können bei einer vaginalen Sonographie mit Hilfe einer Checkliste von zehn Merkmalen als "Simple Rules" zuverlässig von gutartigen Raumforderungen unterschieden werden (American Journal of Obstetrics and Gynecology (2016; doi: 10.1016/j.ajog.2016.01.007)

"Predicting the risk of malignancy in adnexal masses based on the Simple Rules from the International Ovarian Tumor Analysis group" von D. Timmerman et al.
http://www.ajog.org/article/S0002-9378%2816%2900009-0/fulltext

Das entspricht m.E. dem scheinheiligen "Wasser predigen und Wein trinken".

Herrn Prof. Dr. med. Eberhard Merz ist als Leiter des Zentrums für Ultraschalldiagnostik und Pränatalmedizin an der Universität Frankfurt Recht zu geben: „Das Ultraschallverfahren zur Früherkennung von Eierstockkrebs sollte künftig eine Leistung der Krankenkassen werden – auch wenn kein akuter Verdacht auf Eierstockkrebs besteht“

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[17.04.2019, 17:21:33]
Dr. Christian Weymayr 
Wider die Leitlinien-Empfehlung
Die Forderung der DEGUM überrascht – sofern sie sich als eine der Wissenschaft verpflichtete Fachgesellschaft versteht.
1. Die Aussage, dass durch Ultraschall zur Früherkennung von Eierstockkrebs „die Überlebensrate der Patientinnen deutlich verbessert werden“ könne, ist nicht durch Studien gedeckt. Im Gegenteil: Große Studien zeigen keinen Überlebensvorteil, dafür aber ein massives Schadenspotenzial.
2. Entsprechend rät die „S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren“ vom November 2017 vom Screening ab: „Ein generelles Screening soll nicht durchgeführt werden.“ (Empfehlungsgrad A, Level of Evidenz 1++)
3. Die DEGUM war als Fachgesellschaft an der Erstellung der Leitlinie beteiligt. Dennoch stellt sie jetzt eine der Leitlinien-Empfehlung diametral entgegengesetzte Forderung auf.
Wie verheerend sich die Forderung der DEGUM auf den Praxisalltag auswirken könnte, legt eine Untersuchung des IGeL-Monitors nahe: Der „IGeL-Report 2018“ ermittelte den Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung als die IGeL, die Frauen am häufigsten angeboten wird. Statt im Sinne der Leitlinien-Empfehlung von dieser IGeL abzuraten, stärkt die DEGUM nun diese Frauenärztinnen und -ärzte noch. Sie nimmt damit billigend in Kauf, dass jährlich tausende Frauen durch invasive Abklärungen und unnötige Therapie geschädigt werden.

Dr. Christian Weymayr, Dr. Michaela Eikermann
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