Ärzte Zeitung online, 09.06.2017
 

NäPA-Fortbildung

Eine Investition, die sich rechnet

NäPA und VERAH sollen Hausärzte durch Delegation entlasten. Doch zögern manche Ärzte, diese Kräfte einzusetzen, weil dadurch die Personalkosten steigen. Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille: Die Gegenrechnung zeigt, dass sich die Investition lohnt.

Von Hauke Gerlof

Eine Investition, die sich rechnet

Wenn genug Hausbesuche zu erbringen sind, lohnt sich die Investition in eine NäPA für die Praxis schnell, wie die Beispielrechnung zeigt. Aber auch die Pauschale allein trägt bereits die Kosten.

 © Rebmann Research in Zusammenarbeit mit Teresa Hermann, Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung des Universitätsklinikums Tübingen

NEU-ISENBURG. Die Ausgangslage ist klar: Eine sinkende Arztdichte, vor allem auf dem Land, bei gleichzeitiger Zunahme bei der Prävalenz chronischer Erkrankungen in einer alternden Bevölkerung führt dazu, dass niedergelassene Ärzte mehr und mehr an die Belastungsgrenze kommen. Ein möglicher Ausweg ist die Delegation ärztlicher Aufgaben an nichtärztliche Gesundheitsberufe.

Über das Honorarsystem wird sowohl in Hausarztverträgen als auch in der Regelversorgung die Delegation gefördert, wenn speziell weitergebildete Medizinische Fachangestellte (MFA) zum Einsatz kommen:

- VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) und

- NäPA (Nichtärztliche Praxisassistentin) in der Regelversorgung.

Die Honorierung der NäPA-Leistungen erfolgt durch Pauschalen und durch sogenannte "ärztlich angeordnete Hilfeleistungen", vor allem Haus- und Heimbesuche. Für den Einsatz der VERAH erhalten Hausärzte in der HzV eine Zusatzpauschale.

Zusätzliches Honorar generierbar

Durch die Förderung soll zum einen die Hausarztpraxis als zentraler Ort der Versorgung gestärkt werden, außerdem sollen die Hausärzte durch hochqualifizierte Unterstützungsleistungen entlastet werden. Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, dass 44 Prozent der Hausbesuche delegierbar sind (Lenz, F./Bojanowski, S./Voigt, K./Klement, K./Bergmann, A. (2012): Delegierbarkeit von hausärztlichen Hausbesuchen). Dies bedeutet, dass der Arzt durch Delegation entweder eigenes zusätzliches Honorarpotenzial durch die frei werdenden Stunden generieren oder diese Zeit für private Zwecke nutzen kann.

Die Erfahrungen mit der NäPA aus den KVen zeigen, dass in den ersten Jahren Hausärzte nur zögerlich die neue Möglichkeit der Delegation genutzt haben. Das liegt auch daran, dass NäPA nur eingesetzt werden können, wenn sie entsprechend weitergebildet sind. 270 Stunden umfasst das Curriculum für die NäPA insgesamt, bei der VERAH etwas weniger.

Vor diesem Aufwand und vor den Fortbildungskosten scheuen manche Hausärzte zurück, häufig ohne eine genaue betriebswirtschaftliche Kalkulation vorzunehmen.

Mehrkosten für Personal und Kfz

Um die Wirtschaftlichkeit einer Delegationskraft tatsächlich beurteilen zu können, bietet sich eine Orientierung an der betriebswirtschaftlichen Investitionsrechnung an. Die Einnahmen durch die Delegationskraft werden den monatlichen Mehrkosten (eventuell Personalmehrkosten, Kfz, Mobiltelefon, Versicherung, usw.) sowie dem Qualifizierungsaufwand gegenüber gestellt. Über die Amortisationsdauer wird eine Aussage getroffen, wann der Gewinn durch die Delegationskraft (Einnahmen abzüglich Ausgaben) die Qualifizierungskosten erwirtschaftet hat.

Ein Beispiel: Angenommen, die Qualifikationskosten für die NäPA liegen bei insgesamt 2084 Euro. Hinzu kommen je Quartal angenommene Mehrkosten in Höhe von 3200 Euro für die gefahrenen Kilometer (Wegekosten sind bei den NäPA-Ziffern inklusive) sowie für Personal, da die fortgebildete NäPA in der Regel ein höheres Gehalt bekommen wird. Außerdem muss ein Teil der Arbeiten, die die NäPA vorher geleistet hat, von den Kolleginnen übernommen werden, die dadurch in der Stundenzahl eventuell aufstocken müssen.

Dagegen stehen die Einnahmen pro Hausbesuch/Heimbesuch, multipliziert mit der Anzahl der Besuche im Quartal. Die Pauschale wird gezahlt, wenn die Mindestvoraussetzungen (unter anderem 700 Patienten je Quartal in den vergangenen vier Quartalen) erfüllt sind. Angenommen die NäPA macht im Quartal 42 Hausbesuche und 12 Pflegeheimbesuche, dann ergeben sich Mehreinnahmen in Höhe von rund 3537 Euro, also rund 14.146 Euro im Jahr. In diesem Fall amortisieren sich die Qualifizierungskosten für die NäPA bei 42 Hausbesuchen sowie 12 Pflegeheimbesuchen innerhalb von rund 6,2 Quartalen, also in 18 Monaten. Die Rechnung ist oben im Bild dargestellt.

10.263 Euro Mehrgewinn

Neben der Amortisationsdauer der Qualifizierungsmaßnahme interessiert betriebswirtschaftlich, wie sich die NäPA insgesamt in den kommenden Jahren auf die Praxis auswirkt. Geht man davon aus, dass der Arzt durch die Qualifikationskraft mehr Stunden für rein ärztliche Tätigkeiten aufwenden kann, dann können diese Mehreinnahmen entsprechend berücksichtigt werden.

Im vorliegenden Beispiel wird angenommen, dass 50 Stunden im Quartal für den Arzt frei werden. Bei einem angenommenen Arztlohn je Stunde in Höhe von 55 Euro kann er also Mehreinnahmen von ca. 2750 Euro pro Quartal beziehungsweise 11.000 Euro im Jahr erzielen. Hinzu kommen die Mehreinnahmen der NäPA, die bei einer langfristigen Betrachtung um die Kosten zu korrigieren sind. Insgesamt erzielt die Praxis im Beispielfall im ersten Jahr also 10.263 Euro mehr Gewinn durch das Delegationsprinzip.

Fazit: Durch Hausärztemangel und steigende Betreuungsanforderungen an den Hausarzt steigt der Bedarf an neuen Versorgungsangeboten im Gesundheitswesen. Der Hausarzt kann reagieren und sich wirtschaftlich auch mit dem Delegationsprinzip vielversprechend neu ausrichten. Sofern die entsprechende Patientenstruktur vorhanden ist und es Bedarf an Haus- und Heimbesuchen gibt, amortisieren sich die Investitionen in eine NäPA allein durch die Mehreinnahmen durch die NäPA schon nach kurzer Zeit.

Delegations-Rechner

» Internet-Tool: Hausärzte, die ausrechnen wollen, inwieweit sich für sie der Einsatz einer Nä-PA oder VERAH rechnet, müssen nicht selbst den Bleistift zücken. Vielmehr können sie das im Internet mit Hilfe spezieller Tools ausrechnen.

» Rebmann Research beispielsweise passt in Zusammenarbeit mit Teresa Hermann, Gesundheitsökonomin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung des Universitätsklinikums Tübingen, gegenwärtig seinen Investitionsrechner an. Dafür wird ein Internettool programmiert, das per Mausklick ausrechnet, ob der Einsatz einer Delegationskraft wirtschaftlich ist. Es genügt die Eingabe der Kennzahlen wie Lohnzusatzkosten, Kfz-Kosten, Anzahl Arztbesuche etc.

» Weitere Informationen: Ärzte können sich auf der Website von Rebmann Research informieren und werden dann benachrichtigt, sobald das Rechentool zur Verfügung steht.

www.atlas-medicus.de/delegation

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