Ärzte Zeitung, 10.06.2016
 

Digitalisierung

Fehlende Anreize beklagt

Ärzte sind bei ihren Einschätzungen zur Digitalisierung im Gesundheitsmarkt weiter als ihre Organisationen. Sie erwarten aber kaum wirtschaftliche Vorteile, so eine aktuelle Studie der Deutschen Apotheker- und Ärztebank.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Vernetzung, Assistenzsysteme und Anwendungen rund um die Medikation - das sind die drei digitalen Entwicklungen, von denen Allgemeinmediziner künftig die stärksten Auswirkungen auf ihren beruflichen Alltag erwarten. Für Fachärzte stehen ebenfalls die Vernetzung und die Assistenzsysteme im Vordergrund, dazu die computergestützte Diagnostik und Therapie.

Das zeigt die aktuelle Studie "Digitalisierung im Gesundheitsmarkt" der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank). Danach sehen Heilberufler quer durch die Berufsgruppen in der digitalen Vernetzung das größte Veränderungspotenzial.

Die apoBank hat für die 360°-Studie unter anderem 500 Heilberufler online zur Bewertung unterschiedlicher Aspekte der Digitalisierung befragt.

Im Fokus standen zehn digitale Entwicklungspfade: Monitoring, Tracking und Datensammlung; Anwendungen rund um die Medikation; interaktive, webbasierte Lerninhalte; computergestützte Diagnostik und Therapie; Anwendungen mit direkter medizinischer Wirkung wie die online-basierte Tinnitus-Therapie; Assistenzsysteme ärztlicher Leistungen wie die Video-Sprechstunde; internetbasierte Diagnostik; die digitale Vernetzung; personalisierte Versorgungsangebote sowie Community-Plattformen wie Informations- oder Bewertungsportale.

Befragte erwarten kaum Veränderung in der Arzt-Patient-Beziehung

Stolze 82 Prozent aller befragten Heilberufler sehen das größte Veränderungspotenzial für ihren beruflichen Alltag in der digitalen Vernetzung. Durch ärztliche Assistenzsysteme und die computergestützte Diagnostik und Therapie erwarten je 66 Prozent einen mittleren bis großen Einfluss.

Dabei gehen sie davon aus, dass die Arzt-Patienten-Beziehung von den Veränderungen eher unberührt bleibt. Nur 24 Prozent der Haus- und 18 Prozent der Fachärzte rechnen damit, dass die Vernetzung großen Einfluss auf ihre Beziehung zu den Patienten hat.

Anders sieht das aus, wenn es um Gesundheitsplattformen und Portale geht. Sie werden nach Einschätzung von zwei Dritteln der Heilberufler das Arzt-Patienten-Verhältnis stark prägen.

"Das Bild ist relativ homogen bei den verschiedenen Heilberufen", berichtet Projektleiter Daniel Zehnich, stellvertretender Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank.

Es zeigen sich aber Schwerpunkte. So richten die Ärzte ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung bei den Assistenzsystemen. "Hier erwarten sie vergleichsweise starke Auswirkungen im Hinblick auf ihren beruflichen Alltag, die Arzt-Patienten-Beziehung und die Strukturen der Gesundheitsversorgung sowie einen hohen Investitionsbedarf", sagte Zehnich.

Nur neun Prozent rechnen allerdings mit einem hohen wirtschaftlichen Gewinn durch die Investitionen in Assistenzsysteme.

Apotheker sehen in digitalen Anwendungen rund um die Medikation die maßgebliche Entwicklung - für den Berufsalltag, die Beziehung zu Patienten, die Strukturen der Versorgung und künftige Investitionen.

Digitalisierung keine Zukunftsmusik

Die befürchtete Diskrepanz zwischen Kosten und Ertrag der Digitalisierung eint die Heilberufler. Die Umfrage zeigt, dass Anreize für ein größeres Engagement bei der Digitalisierung fehlen.

Haus- und Fachärzte, Apotheker, Zahnärzte, und Tierärzte wissen, dass die Digitalisierung keine Zukunftsmusik ist. Ein Drittel von ihnen geht davon aus, dass sie sich innerhalb der nächsten vier Jahre durchsetzen wird.

Bei der Einschätzung der Digitalisierung und ihrer Folgen marschieren Standesorganisationen und ihre Mitglieder offensichtlich nicht im Gleichschritt. "Die Organisationen schätzen die Veränderungswucht geringer ein als die Heilberufler", sagt Zehnich.

Insgesamt wird deutlich, dass die Heilberufler dem Thema Digitalisierung gegenüber eine hohe Sensibilität, aber keine genaue Vorstellung von den Auswirkungen im Detail haben. "Sie brauchen noch Orientierung."

Niedergelassene Ärzte sollten sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie die chancenreichen Veränderungen mitgestalten können, empfiehlt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der apoBank Ulrich Sommer.

Die Positionierung mit Blick auf die digitalen Herausforderungen werde künftig bei der Beratung durch die Bank, aber auch bei der Finanzierung eine Rolle spielen. "Für uns ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, ob eine Praxis so vernetzt ist, dass sie den Patienten den Mehrwert bietet, den sie erwarten", betont Sommer.

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