Ärzte Zeitung, 13.06.2016

Big Data

Noch fehlt die gemeinsame Sprache

Ob für die Forschung oder die personalisierte Medizin: Im deutschen Gesundheitswesen schlummern enorme Datenschätze. Ein Millionen-Förderprojekt soll nun dafür sorgen, dass die Datensätze besser vernetzt werden.

Von Susanne Werner

BERLIN. Gigantische Datenmengen werden täglich im Gesundheitswesen und in der medizinischen Forschung generiert. Bis diese "Big Data" dafür genutzt werden können, die Patienten besser zu versorgen, wird es jedoch noch eine Weile dauern.

Denn die größte Herausforderung dabei ist, so Thomas Rachel vom Bundesbildungsministerium (BMBF), alle Beteiligten davon zu überzeugen, ihre Informationen zu teilen.

Das BMBF will selbst die Grundlagen für die Vernetzung schaffen und startet aktuell das Förderprojekt Medizininformatik. Hundert Millionen Euro stehen bereit, um an allen Unikliniken Daten-Integrationszentren aufzubauen.

"Die Datenmengen müssen durch IT-Systeme zu anwendbarem Wissen aufbereitet werden", sagte der Staatssekretär bei einer Veranstaltung zum Thema "Big Data für Forschung und Medizin" auf dem Hauptstadtkongress.

Die Investitionen des BMBF werden jedoch nur aufgehen, so Rachel, wenn Ärzte, Kliniken, Forscher, Krankenkassen und weitere Beteiligte intensiv zusammenarbeiten.

IT-Profis gebraucht

Dringend gebraucht werden dazu auch IT-Profis. Sie müssen die medizinischen Informationen aus den unterschiedlichen Quellen verknüpfen und umwandeln, damit sie sich elektronisch verarbeiten lassen. "Die Daten alleine ergeben schließlich keine neuen Therapien, keine neuen Medikamente", betonte Dr. Stefan Simianer von AbbVie Deutschland.

Für die personalisierte Medizin beispielsweise seien die Daten so zusammenzuführen, dass Algorithmen diese auch filtern können. "So finden wir jene Patienten, denen eine entsprechende Therapie helfen kann."

Dominik Betram vom SAP Innovation Center Potsdam sieht die zentrale Hürde in den fehlenden "semantischen Standards". Für die IT-Übersetzung sei es beispielsweise nicht egal, ob eine Fraktur oder ein gebrochenes Bein zu behandeln ist. Medizinische Inhalte müssten daher überall gleich benannt und erfasst werden.

Die Industrie bilde diese Informationen nur technisch ab und entwickle die Verfahren, um "Big Data" auswerten zu können.

Kaum verwertbare Datensätze

Vertreter der Kliniken im Publikum wollten gerne die Politik in die Pflicht nehmen und forderten entsprechende Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums. Dr. Katja Leikert, CDU-Bundestagsabgeordnete, lehnte ab: "Der Bundestag kann das nicht festlegen. Das ist Aufgabe der Ärzte und Forscher."

Gleichwohl sieht sie das Dilemma, dass die Datensätze zwar angehäuft, aber kaum verwertbar sind. Dies gelte auch für bereits vorliegende Daten.

Absurd sei es beispielsweise, dass in Deutschland 16 unterschiedliche Krebsregister betrieben werden. Oliver Schenk, Abteilungsleiter im BMG, betonte, dass mit dem E-Health-Gesetz entsprechende Fristen gesetzt seien, um zügig eine sichere digitale Infrastruktur in der Gesundheitsversorgung aufzubauen.

Dazu brauche es nicht nur eine "kluge Verknüpfung der Daten", sondern auch einen gesicherten Zugang. Niemand könne zur Datenfreigabe gezwungen werden.

Oftmals sei zudem nicht klar, wer darüber überhaupt entscheiden kann. "Viele Datensätze aus Deutschland landen heute auf Servern im Ausland."

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