Ärzte Zeitung, 08.12.2016
 

Big Data

Hält die Angst vor Fehlern den Fortschritt auf?

Big Data ist aus vielen Lebensbereichen kaum mehr wegzudenken. Eine Ausnahme: das Gesundheitswesen. Bei einem Symposium in Hamburg wurde darüber diskutiert, welche Chancen damit auf der Strecke bleiben.

Von Christian Beneker

Hält die Angst vor Fehlern den Fortschritt auf?

Experten sehen in der Auswertung großer Datenmengen einen Schlüssel zu besserer Versorgung.

© Maksim Kabakou / fotolia.com

HAMBURG. Das Kind in der Krippe. Aber drum herum stehen nicht seine berühmten Eltern, auch nicht Ochs noch Esel. Nein, in einer modernen Familie sieht das heute anders aus: Die Mitglieder umlagern das Neugeborenen mit Smartphone, Kameras und iPads, sie fotografieren und filmen es.

So entstehe Big Data, meinte Dr. Peter Langkafel, Arzt und Gründer der Firma Healthcubator, auf dem Symposium zum zehnjährigen Bestehen des wissenschaftlichen Institutes der Techniker Krankenkasse, "WINEG". "Jede Geburt geht auf in Big Data, in Mails, Tweets und Fotos", so Langkafel. "Aber das Gesundheitssystem hängt hinterher."

In der Tat explodiert derzeit die Daten-Masse zu riesigen Mengen digital gespeicherter Vorgänge. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages erklärt Big Data anhand dreier Charakteristika:

- die große Menge der Daten,

- das hohe Tempo ihrer Verfügbarkeit und

- die große Vielfalt der gespeicherten Daten.

Der vierte Produktionsfaktor

Demnach verdoppelt sich das weltweit digital gespeicherte Datenvolumen etwa alle zwei Jahre. Schätzungen zufolge wurden "2013 bereits mehr als zwei Trilliarden Bytes an Daten weltweit gespeichert – was auf iPads gespeichert und gestapelt eine 21.000 km lange Mauer ergäbe", erklärt der Dienst des Bundestags.

Heute wären es also sieben bis acht Trilliarden Bytes und etwa eine 70.000 Kilometer lange Mauer, die fast zwei Mal um die Erde reicht.

Zudem haben sich die Datenströme in reißende Flüsse verwandelt. Wo früher Zeit war, Daten aufzuarbeiten, sollen sie heute zum Teil in Echtzeit ausgewertet werden.

Der Strom entspringt auch nicht allein einer Quelle. Fotos, Videos, MP3-Dateien, Blogs, Suchmaschinen, Tweets, E-Mails, Internet-Telefonie, Musik- und Video-Streaming oder Sensoren intelligenter Geräte – der Datenfluss hat viele Quellen.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Daten sei inzwischen so hoch, dass sie "neben Arbeitskraft, Ressourcen und Kapital als ‚vierter Produktionsfaktor‘ angesehen werden", heißt es – und das gilt auch in der Medizin.

Nach Ansicht Langkafels könnte etwa Diabetes mit Hilfe von Big Data besser und billiger bekämpft werden. Laut Robert Koch Institut (RKI) leben 1,3 Millionen Deutsche mit einem unerkannten Diabetes, so Langkafel.

Stünden die Patientendaten von Arztpraxen, Kliniken und Krankenkassen an einer Stelle zur Verfügung, ließe sich anhand der kombinierten Datensätze ermitteln, wer möglicherweise unter einem Prädiabetes leidet.

Es gebe längst die Algorithmen, um diese Daten zu interpretieren. "Bedenkt man, dass 20 Prozent der Gesamtausgaben aller Krankenkassen für die Behandlung von Diabetes und seiner Folgeerkrankungen fließen, wird Big Data als Präventionsinstrument wertvoll, sowohl im Hinblick auf den einzelnen Patienten als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht."

Doch bislang blieben die Möglichkeiten von Big Data im Versorgungsalltag weitgehend ungenutzt. "Manche Krankenhäuser in Deutschland nutzen schon die Datenmassen und vernetzen externe Medikationsdatenbanken und interne Daten ihrer Patienten, um Fehlmedikationen zu vermeiden", versicherte Langkafel. "Aber das ist die Ausnahme."

Viel mehr wäre möglich. Wenn etwa ein Krankenhaus aus den Fundus von 20 Jahren Patientendaten Verlaufsstudien bestimmter Erkrankungen anstellen würde. "Stattdessen fungiert der Computer im Krankenhaus meist als Datenknecht der Dokumentation".

Viele Daten bleiben ungenutzt

Auch die Versichertendaten und die Daten aus den Praxen der Niedergelassenen blieben ungenutzt. Langkafel ist überzeugt davon, dass die Patienten der Nutzung ihrer Daten zustimmen würden, wenn man sie nur danach fragt. "Internationale Erfahrungen zeigen, dass die Opt-Out-Quote im geringen einstelligen Bereich liegt.

Bei der Österreichischen Gesundheitskarte liegt die Quote zum Beispiel bei gerade mal zwei Prozent."

Einzig die Player im deutschen Gesundheitssystem hätten Angst vor der Transparenz, die eine größere Nutzung von Big Data mit sich brächte, meint Langkafel.

"Denn liegen die Daten vor, so würde auch sichtbar, wo in der Versorgung oder der Dokumentation und damit der Abrechnung und der medizinischen Versorgung Fehler gemacht wurden. Deshalb ist man in Deutschland zurückhaltend."

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