Ärzte Zeitung online, 26.04.2017
 

Studie

39 Milliarden Euro Einsparung durch E-Health?

Würden E-Health-Anwendungen konsequent umgesetzt, ließe sich im deutschen Gesundheitswesen ein Effizienzpotenzial von 39 Milliarden Euro pro Jahr heben. So das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Von Rebekka Höhl

39 Milliarden Euro Einsparung durch E-Health?

Beispiel Videosprechstunde: E-Health-Angebote kommen in Deutschland erst ganz allmählich in Fahrt.

© agenturfotografin / stock.adobe.

BERLIN. An der Telematikinfrastruktur (TI), der Datenautobahn für unser Gesundheitswesen, wird auch nach über zehn Jahren noch gebaut. Doch was wäre, wenn es die TI bereits als übergreifende Infrastruktur gäbe und auch ihre Anwendungen, allen voran eine sektorübergreifende Patientenakte, (aber ebenso ein E-Arzneimittelmanagement, Telemonitoring, Videokonsultationen etc.) flächendeckend laufen würden?

Die Unternehmens- und Strategieberatung PwC Strategy& GmbH hat genau dieses Szenario erarbeitet: Anhand von vier "archetypischen" Krankheitsbildern haben die Unternehmensberater ermittelt, wie hoch das Effizienzpotenzial ist, das sich durch eine konsequente Umsetzung von E-Health im deutschen Gesundheitswesen heben ließe – und dieses dann auf insgesamt 63 Indikationen hochgerechnet.

Bessere Prozesse, bessere Medizin

Das Ergebnis: Allein für die vier exemplarischen Krankheitsbilder Diabetes, Herzinsuffizienz, Rückenschmerz und Schlaganfall beliefe sich das jährliche Effizienzpotenzial auf 3,3 Milliarden Euro. Hochgerechnet auf alle 63 Indikationen (inklusive der vier "Archetypen") wären es sogar 39 Milliarden Euro pro Jahr.

"Wir hatten vermutet, dass sich vor allem die medizinische Effizienz steigern lässt", sagte Marcus Steffen Bauer, Geschäftsführer von PwC Strategy& bei der Vorstellung der Ergebnisse am Vorabend der Gesundheits-IT-Messe conhIT in Berlin. 60 bis 65 Prozent seien jedoch durch die klassische Prozesseffizienz bedingt. Vor allem an der Schnittstelle ambulant/stationär gebe es noch zu viele Reibungsverluste. Bauer: "Wir sehen - trotz einiger guter Pilotprojekte - weiterhin die nicht ineinander greifenden Zahnräder der sektorübergreifenden Versorgung." Durch eine einheitliche Informationsgrundlage des gesamten Behandler-Teams könnten etwa Doppeluntersuchungen oder auch eine fehlerhafte Medikation vermieden oder Ärzte und andere Leistungserbringer von nicht-medizinischen Routineaufgaben entlastet werden.

"Es geht nicht darum, so viele Ärzte wie möglich zu ersetzen. Oder darum, möglichst viel Geld im Gesundheitswesen einzusparen", stellte Oliver Bruzek, Vice President Political and Public Affairs bei CGM klar. Die CompuGroup hatte gemeinsam mit dem Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) die Studie beauftragt. E-Health funktioniere vielmehr effektiv nur mit den Ärzten. "Es geht darum, wie viele Mittel wir ausgeben, die nicht effizient für die Versorgung genutzt werden", so Bruzek.

Kritik an der Selbstverwaltung

Dass ausgerechnet die Industrie eine solche Studie auf den Weg bringt, hält Bruzek für bezeichnend. Natürlich wollten die Unternehmen mit E-Health Geld verdienen. Das größte Interesse an der Effizienz von E-Health müssten aber doch Politik und Krankenkassen haben. Enttäuscht zeigten er und andere Industrievertreter sich über die Selbstverwaltung: Dass man sich bei der Finanzierung der Erstausstattung der Praxen für die Telematikinfrastruktur jetzt vor einem Schlichter über 200 bis 300 Euro streite, sei schade und spiegele die Diskussion um die Telematikinfrastruktur der letzten zehn Jahre wider.

Mit der Studie wollen bvitg und CompuGroup nach eigenem Bekunden eine öffentliche Diskussion über E-Health in Gang bringen. Vor allem wäre zunächst ein versorgungsorientiertes E-Health-Ziel erforderlich, meint Jens Naumann, stellvertretender bvitg-Vorstand. Das beinhalte auch, dass man eine gesellschaftliche Entscheidung darüber fälle, wie weit bei einer elektronischen Patientenakte am Prinzip der Freiwilligkeit für die Versicherten feszuthalten sei.

Einen Haken hat die Studie von PwC Strategy& allerdings: Sie setzt ihre Szenarien auf der Recherche in Primärstudien und Analysen mit Ärzten und Gesundheitsökonomen auf. Dabei gelten als Vergleichswert die vom Statistischen Bundesamt ermittelten Krankheitskosten: Hier gehen aktuelle Daten aber auf das Jahr 2014 zurück. Im Vergleich hierzu lassen sich durch E-Health laut Studie zwölf Prozent einsparen – bei einer leitliniengerechten Medizin, nachvollzogen anhand von Behandlungspfaden wie Bauer versicherte. Es gehe nicht um Einsparungen beim medizinischen Standard.

Wer den Ausbau von E-Health finanzieren soll, erklärt die Studie übrigens nicht. Diese Frage habe man bewusst nicht gestellt, so Bauer.

Einsparungen durch Einsatz von E-Health

» 644 Millionen Euro oder 14 Prozent der Krankheitskosten ließen sich bei der Indikation Rückenschmerz einsparen.

» 888 Millionen Euro oder 10 Prozent wären es beim Schlaganfall.

» 674 Millionen Euro oder 26 Prozent wären bei Herzinsuffizienz einzusparen.

» 1,12 Milliarden Euro Einsparung käme bei der Behandlung von Diabetes-Patienten zusammen (14 Prozent).

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