Ärzte Zeitung, 12.11.2015

Technik im Arztgespräch

Am Ende zählt der "analoge" Doc

Sie googeln vor dem Arztbesuch ihre Symptome und surfen im Wartezimmer via Smartphone im Web. Aber wie viel Digitalisierung ist Patienten dann doch zu viel? Das hat eine Umfrage jetzt unter die Lupe genommen.

Am Ende zählt der "analoge" Doc doch am meisten

Technik spielt im Arztgespräch heute oft eine wichtige Rolle. Aber am wichtigsten bleibt das persönliche Gespräch.

© Andy Dean / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Obwohl sich die tatsächliche Wartezeit vor einer Arztkonsultation für die Patienten nicht verändert hat, fühlen sich 40 Prozent - sind sie denn einmal im Sprechzimmer - zur Eile gedrängt.

Der verspürte Zeitdruck, aber auch die Vielzahl an Informationsmöglichkeiten im Internet führen dazu, dass die Patienten vorab ihre Hausaufgaben machen und mit spezifischen Fragen zum Arzt kommen.

Immerhin mehr als zwei Drittel (68,2 Prozent) nehmen eine Liste mit Fragen mit, so das Ergebnis einer Befragung von über 3000 Patienten aus Deutschland, Großbritannien und den USA im Auftrag des Spracherkennungsspezialisten Nuance Healthcare.

Rund 40 Prozent informieren sich dabei vorab bei NetDoctor und anderen Quellen. Ein gutes Fünftel bringt Daten von externen Geräten zur persönlichen Gesundheitskontrolle mit und 6,5 Prozent suchen sogar während des Arztgesprächs via Smartphone oder Tablet nach Infos.

Knackpunkt bleibt die Zeit

Die Patienten sind anscheinend auch gegenüber der zunehmenden Technik in den Praxen aufgeschlossen: 69 Prozent der Befragten, unter denen alle Altersgruppen vertreten sind, haben bemerkt, dass ihre Ärzte über die letzten fünf Jahre hinweg mehr Technologie verwenden.

97 Prozent fühlen sich damit durchaus wohl. Für 58 Prozent beeinflusst die Verwendung von IT im Behandlungsraum ihre Erfahrung mit dem Gesundheitswesen positiv.

Gleichwohl können sich Ärzte nicht hinter der Technik verstecken: Denn die wichtigsten Komponenten im Arztgespräch und bei der Therapie sind für die Patienten immer noch das persönliche Gespräch und Empathie.

So geben 73,3 Prozent als tragende Faktoren für eine bessere medizinische Versorgung Zeit fürs Gespräch und gleichzeitig 66 Prozent spezifische Empfehlungen durch den Arzt an (Mehrfachnennungen waren möglich). Mit jeweils rund 30 Prozent spielen zudem die Privatsphäre während des Gesprächs und der Blickkontakt eine wichtige Rolle.

Störfaktor mobile Geräte?

Wenn denn während der Konsultation Technologien im Einsatz sind, dann stört der klassische Desktop-PC oder Laptop die Patienten am wenigsten: Das gaben 76,7 Prozent der Befragten in den USA und Großbritannien sowie 90,6 Prozent der Befragten in Deutschland an. Nutzt der Arzt ein mobiles Endgerät, erzeugt dies bei jeweils rund einem Viertel der Patienten kein Unbehagen.

Telemedizinische Tools werden von 18,2 Prozent der britischen und amerikanischen sowie 13,2 Prozent der deutschen Patienten als nicht störend empfunden. Was auch daran liegen kann, dass der Desktop-PC bereits länger in den Praxen etabliert und damit auch bei den Patienten bekannt ist.

"Die digitale Welt in Klinik und Praxis wird von den Patienten nicht als Bedrohung wahrgenommen, aber es gelten noch immer die alten Gesprächsregeln", kommentiert Dr. Markus Vogel, Chief Medical Information Officer bei Nuance Healthcare das Ergebnis der Studie. "Was man braucht, ist persönliche Zeit und Zuwendung für den Patienten."

Nur 13 Prozent der Zeit für Patienten

Insbesondere an Zeit mangelt es vielen Ärzten aber, wie Vogel aus eigener Erfahrung als Pädiater weiß. Weniger als 13 Prozent seiner Zeit steht einem Arzt zur Interaktion mit dem Patienten zur Verfügung, wie eine Erhebung von Nuance im vergangenen Jahr gezeigt hat.

 "Der Druck durch hohe Fallzahlen und Fallkomplexität bei gleichem Personalstand und gleicher Qualität steigt", so Vogel. Aufgefangen werde dies durch Kompromisse etwa durch weniger Zeit für die Befundung und den direkten Patientenkontakt.

Trotzdem zeigt die Studie, dass 45 Prozent der befragten Patienten im Schnitt zehn bis 20 Minuten während des Praxisbesuchs tatsächlich mit ihrem Arzt verbringen. Für ein Drittel dauert der Arztkontakt zwischen null und zehn Minuten. (reh)

Am Ende zählt der "analoge" Doc doch am meisten

[13.11.2015, 15:24:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
NetDoctor keine Alternative!
“Durchs Telefon und durch die Hose – stellt man keine Diagnose...nur per EDV – ist viel zu ungenau”! Vor dem Hintergrund, dass sogenannte Symptom-Checker überprüft wurden - H. L. Semigran et al. “Research – Evaluation of symptom checkers for self diagnosis and triage: audit study” (BMJ 2015;351:h3480) - http://dx.doi.org/10.1136/bmj.h3480
lagen die Internet-Symptom-Checker in zwei Drittel aller Fälle daneben. Da hilft auch der NetDoctor nicht wirklich weiter.

Die medizinisch-ärztliche Welt der Krankheiten, Anamnesen, Untersuchungen, Beratungen, Differenzialdiagnostik, Diagnosen und multidimensionalen Therapien ist eben n i c h t digital, sondern analog. Auch digitale Palpationstechniken und Untersuchungen sind analog. Und es geht vordringlich um Krankheits-Expertisen. Das Netz selbst hat kein eigentliches Wissen, nur Analogien, und kann auch kein Blut abnehmen. Sondern es sammelt nur das, was es für Fakten hält. Insofern ist die Begrifflichkeit “digital health” als “digitale Gesundheit” und "NetDoctor" irreführend.

Unsere medizinisch-ärztliche Kernkompetenz sind die Zehntausenden von Krankheits-Entitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlungen, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Asthma/COPD, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischer/diastolischer/pulmonaler Hypertonie, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Carotisstenosen, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten mit Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Rheuma, Kollagenosen, endokrinen Störungen, Nierenversagen, Neuropathien, Systemerkrankungen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten, chronischen Schmerzen usw. usf.

Medizinische "NetDoctors", “Gesundheits”-Apps, E-Health und Telemedizin bzw. die gesamte Digitalisierung des Gesundheitswesens sind nur notwendige Hilfsmittel und erleichtern Prozess-, Ablauf- und Ergebnis-Dokumentation. Untersuchungs-Prozesse und Ergebnisqualitäten in der Humanmedizin werden eher durch analoge Kommunikations-, Interaktions-, Kontemplations-, Empathie-, Lern- und Reflexionsfähigkeit bzw. selbstkritische Wahrnehmungsfähigkeit bei Ärzten und Patienten definiert.

“Durchs Telefon und durch die Hose – stellt man keine Diagnose” hieß es zu meiner Uni-, Klinik- und ambulanten Ausbildungs-Zeit bei Siegenthaler, Schliack, Bücherl, Alexander, Saling, Waldschmidt, Hammerstein, Stille, Sigusch, Dannecker, Fuhrmann, Kuwert etc. “Nur per EDV ist viel zu ungenau” müsste man heute sagen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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