Ärzte Zeitung online, 22.10.2010

Aderlass bei den Privatversicherten?

Bei den privaten Krankenversicherern wird über eine Absenkung des Rechnungszinses diskutiert.

Aderlass bei den Privatversicherten?

Erstklassige Konditionen: Der ein oder andere Versicherer könnte womöglich bald die Prämien erhöhen.

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KÖLN (hf/iss). Bei den Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) kommt die Finanzkrise an. Ab Januar 2012 müssen viele der 8,8 Millionen Versicherten mit deutlich höheren Prämien rechnen, weil sich die niedrigen Zinsen in den Bilanzen der Unternehmen negativ niederschlagen.

Einzelne Gesellschaften haben Erhöhungen von 6 Prozent bis 8 Prozent allein aus diesem Grund errechnet. Hinzu kommen Anpassungen wegen der Kostensteigerungen im Gesundheitswesen.

Die PKV-Unternehmen müssen Alterungsrückstellungen vorhalten, um den Schutz im Alter bezahlbar zu machen. Diese Rückstellungen von zurzeit 144 Milliarden Euro müssen sie mit einem Rechnungszins bedienen, dessen Obergrenze das Bundesfinanzministerium festlegt.

Dieser Höchstrechnungszins beträgt seit mehr als 50 Jahren unverändert 3,5 Prozent. Wenn sie Geld neu in Staatsanleihen anlegen, bekommen die Gesellschaften heute kaum 2,5 Prozent. Jetzt gibt es starke Kräfte in der Branche, die eine vorübergehende Absenkung des Höchstrechnungszinses von 3,5 Prozent auf 3 Prozent befürworten.

Weil dann die Rückstellungen für die erwarteten Ansprüche der Kunden nicht mehr ausreichen, müssten alle die Preise anheben und die Alterungsrückstellung stärken.

2009 erzielten die Unternehmen marktweit mit ihren meist langfristig angelegten Kapitalanlagen eine Nettoverzinsung von 4,2 Prozent. Aber: Mindestens zehn Gesellschaften haben große Probleme, selbst die 3,5 Prozent einzufahren.

Auch den Anbietern, die über 3,5 Prozent verdienen, machen die fallenden Zinsen zu schaffen. Sie müssen 90 Prozent der Differenz zwischen tatsächlicher Rendite und Rechnungszins dafür verwenden, den Prämienanstieg für ältere Kunden zu dämpfen. Dafür ist wegen der niedrigen Zinsen deutlich weniger Geld da.

Der PKV-Verband würde das Thema gern unter der Decke halten. "Es gibt keine Überlegungen des PKV-Verbandes, den in der Kalkulationsverordnung festgelegten Höchstrechnungszins zu senken", sagt Sprecher Stefan Reker.

Bei Unternehmen heißt es, schwachbrüstige Anbieter könnten für eine befristete Zeit individuell einen niedrigeren Rechnungszins anwenden. Deshalb bestehe keine Notwendigkeit, ihn allgemein zu senken.

Die Gefechtslage im Verband ist unübersichtlich. Die schwächelnden Gesellschaften wollen eine allgemeine Absenkung auf 3 Prozent. Sonst müssen nur ihre Kunden die Preiserhöhung wegen ihres individuell reduzierten Rechnungszinses tragen, ein deutlicher Wettbewerbsnachteil. Auch Vorstände anderer Gesellschaften sind dafür, um die Beitragsstabilität im Alter sicherzustellen.

Die Mehrheit der Versicherer und die PKV-Verbandsführung halten dagegen. Sie fürchten, dass eine Absenkung katastrophale Folgen in der momentanen politischen Situation hätte. Schwarz-Gelb hat gerade den PKV-Gesellschaften Zugeständnisse gemacht und will die Rolle der privaten Anbieter stärken. Da wäre eine allgemeine Preiserhöhung wegen der Niedrigzinsen fatal.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
PKV gerät enorm unter Druck

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